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Mitteilungen 


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Coppernicus.Vereins für Wissenschaft und Kunst 


zu 


Thorn. 


21. Heft. 


Sitjungsberichtt und ftbhandlungtn. 


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T h 0 r D. 
Kommissionsverlag von Ernst Lambeck. 
191:J.
		

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T h 0 r n. 
Kommissionsverlag von Ernst Lambeck. . 
1913.
		

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			Inhaltsverzeichnis. 



 


Sitzungs berichte . . . . . . 


. . . S. 1, 27, 71 


Zu den Anfängen der Franziskanerklöster im Ordenslande. 
Von P. Dr. Leonhard Lemmens zu Castel S. Elia (Roma) S. 2 


Oie gotischen Bildwerke der St. Johanniskirche 3. Von B ern h a rd 
S ch mi d - Marienburg ............... S. 8 


Der Bronzedepotfund von Lindenau (Kr. Marienburg) 
Von Prof. Or. R. 00 rr ....... S. 14 


Zur Lösung des Fermatproblems. Von Re u t 
 r - Pollnow. . S. 25 


Forschungen zur Baugtschichte der Johanniskirche in Thorn von 1250 
bis 1500. Von Arthur Semrau . . . . . . . . . . . S.28 


Zur Geschichte einer alten deutschen Ansiedlung in Westpreußen. 2. 
Von P Pan s k e - Bütow . . . . . . . . . . . . . . S 55 


Oie Aufstellung der Bildtafeln des alten Hochaltars der Marienkirche zu 
Thorn. Von Bernhard Schmid-Marienburg. S.72 


Das Marienbild am Turmpfeiler in der Jakobskirche . . . S 81 


Neue Aktenstücke zur Besitzergreifung der Stadt Thorn durch die Preußen 
im Jahre 1793. Veröffeutlicht von Arthur Semrau S.82 


Literarischer Anzeiger 


S.84 


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			Mitteilungen 


des 


Coppernicus - Vereins für Wissenschaft und Kunst 


zu 


Thorn. 


21. Heft. 


März 1913. 


Nr. 1. 


Inhalt: 
Sitzungsberichte S. 1. - L e 0 n h a r d L e m m e n s - Castel S. Elia (Roma), 
Zu den Anfängen der franziskanerklöster im Ordenslande S. 2. - Be rn h a r d 
Schmid-Marienburg, Die gotischen Bildwerke der St. Johanniskirche. 3. S.8. 
_ R. Dorr, Der Bronzedepotfund von Lindenau (Kr. Marienburg) S. 14. - 
Reu t e r- Pollnow, Zur Lösung des fermatproblems S. 25. 


Si tzungaberichte. 
(Auszug). 
Monatssitzung am 16. September 1912. 
Durch Austrittserklärung schied aus dem Vereine aus Herr 
Direktor Lu koscha 1. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder be- 
trägt gegenwärtig 1011-1 = 102. 
In den Vorstands wahlen wurden gewählt: Oberlehrer Boi e, 
Vorsitzender, und Oberlehrer Dr. Ei c hel, Stellvertreter des Schrift- 
führers, auf 3 jahre; Kaufmann F ri tz Kord e s, Schatzmeister, und 
Professor D r. Pro w e, Bibliothekar, auf 2 jahre; Pfarrer Heu er, 
Stellvertreter des Vorsitzenden, und Rektor Lot t i g, Schriftführer, 
auf 1 jahr. 
Zu Rechnungsprüfern wurden die Herren Stadträte IlIgner 
und La en gn er gewählt. 
In dem wissenschaftlichen Teil der Sitzung gab Herr Pfarrer 
Heuer eine Mitteilung über das Verhältnis von Kirche und Staat 
nach der Lehre der jesuiten. 
Monatssitzung am 10. februar 1913. 
Wegen Fortzuges nach Berlin schied aus dem Vereine Herr 
Kaufmann CI aas s aus. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder be- 
trägt gegenwärtig 102 - 1 = 101. 
 
In dem wissenschaftlichen Teile hielt Herr Pan t e n, Vorsteher 
der Präparandenanstalt, den Vortrag "Die Naturschutzbewegungen 
der Gegenwart." 
Oeffentliche Sitzung am 19. februar 1913, 
dem Geburtstage des Nicolaus Coppernicus, in der Aula des 
Königlichen Gymnasiums. 
Der Stellvertreter des Vorsitzenden, Herr Pfarrer Heu er, er- 
stattete den jahresbericht für das Geschäftsjahr 1912/13. 


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			Die Zahl der ordentlichen Mitglieder betrug am Anfange des 
Geschäftsjahres 101. Aufgenommen wurden 4 Mitglieder. Es 
schieden aus 5 Mitglieder (3 durch fortzug, darunter Herr Arzt 
Dr. Liedke, 2 durch Austrittserklärung). Die Zahl der ordentlichen 
Mitglieder betrug daher am Schlusse des Geschäftsjahres 101 + 4 
- 5 = 100. 
Den Vortrag hielt Herr D r. R i e m - Berlin über: "Die fort- 
schritte der Astronomie seit Coppernicus". 


Zu den Anfängen der Frauziskanerklöster im Ordenslande.. 
Von P. Dr. Leonhard Lemmens O. f. M. zu CasteJ S. Elia (Roma). 
Eine kleine aber wertvolle Chronik, die sich in einer Abschrift 
aus dem XV. Jahrhundert im Danziger Staatsarchiv befindet (300, 
U 46 11) und im 5. Bande der Sc r i p tor es Re rum Pr u s s i. 
ca rum unter dem TiteJ "AnnaJes Minorum Prussicorum" veröffent- 
licht ist, gibt uns die ältesten Nachrichten über den Anfang der 
franziskanerkJöster zu Thorn, Culm, Neuenburg und Braunsberg. 
Sie lautet nach der Abschrift des Danziger Archives: 
"Anno ab incarnacione Domini 1263 tunc habuimus 
loca, ubi manent fratres, in ordine 1130, aliqua autem postea sunt 
recepta. 
Anno Domini 1239 domus fratrum Minorum in Thorun recepta 
fuit Brinne i ) in capitulo provinciali per ministrum Ptholomirum; 
quibus aream dedit inclitus dominus et frater Poppo tunc existens 
magister generalis 3 ) fratrum ordinis domus teutonice. 
Anno Domini 125H in festivitate S. Anthonii confessoris 4 ) 
domus fratrum Minorum in Culmine recepta est per fratrem DanieJem 
ministrum provincie Bohemie et Polonie in provinciali capitulo 
Czwiccavie Cl ) celebrato; huius domus aream honorabilis vir dominus 
ac frater, frater Gerhardus dictus de Hirszbergh, ordinis fratrum 
domus teutonice hospitalis S. Marie Jerosolimitani tunc in Prusia 
preceptor existens G ) eisdem fratribus Minoribus contulit ob Dei 
reverenciam et sui memoriam in fratrum oracionibus faciendam. 
Anno Domini 1284 domus fratrum Minorum in Novocastro 
recepta est per fratrem Burchardum ministrum fratrum Minorum 
provincie Saxonie 7 ) in provinciali Vratislaviensi capitulo; quibus 
areitm dedi t gloriosus princeps et dux inclitus Pomeranorum dominus 
1) Herausgegeben von E. Strehlke, S. 648. 

) Brünn. Die polnische franziskanerprovinz umfaßte zur Zeit des 
Paulinus von Puteoli (1340) 7 KlIstodien: Prag, Mähren, Leitmeritz, Krakau, 
Gnesen, Königgrätz und Oppeln; vgl. E u bel, Provinciale Ordinis fratrum 
Minorum vetustissimum, Quaracchi 1892, S. 31. 
8) Poppe von Ostern ach, 1253-1256. 
') 13. Juni. 
6) Vas Provinciale zählt Zwickau unter der zur sächsischen Provinz ge- 
hörenden Kustodie Leipzig auf. 
8)Gerhard von Hirzberg war Vizelandmeister von Preussen 1257-1259. 
7) Br. Bllrkhard von Halle war Provinzial der sächsischen Provinz von 
1282-1295 und 1299-1307. 


- 2 -
		

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Mestwinus 8 ) ob divini nommls gloriam Deique genitricis Marie 
reverenciam et ad sui perpetuam memoriam in oracionum suffragiis 
a fratribus faciendam. 
Anno Domini 1296 locus primus fratrum Minorum in 
Brawnnszbergk a venerabili patre et domino domino Henrico 
eccIesie Warmiensis episcop09) fratribus predicti ordinis pia devocione 
concessus per fratrem Burchardum ministrum Saxonie in provinciali 
Erffordensi capitulo est receptus. Quo videlicet loco destructo anno 
Domini 1300 in die Melchiadis pape et martiris 10) alter locus nunc 
a fratribus habitus ad inhabitandum perpetue concessus et ab ipsius 
ordinis fratribus anno Domini 1308 in Nisensi provinciali capitulo 
pentecostes celebrato est receptus. Et in octava visitacionis beate 
Marie virginis ll ) est possessus. 
Et est finis". 
Diese kurze Chronik ist voll von wichtigen Nachrichten zur 
Ausbreitung der franziskaner im Osten Deutschlands, bietet aber 
auch einzelne Schwierigkeiten, die eine genauere Prüfung erheischen. 
Was zunächst die Abfassung derselben betrifft, so verrät der 
ganze Inhalt, daß die Notizen von einem franziskaner nieder- 
geschrieben wurden; auch zeigt sich der Schreiber klar als Mit- 
glied dieses Ordens, wo er im Eingang sagt: "W ir hatten 1263 
im Orden 1130 Häuser". Die Chronik schließt mit dem 9. juli 
1308. Daß sie aber um diese Zeit tatsächlich aufgezeichnet wurde, 
ersehen wir aus der letzten Mitteilung, in der es heißt, daß die 
Brüder 1B08 den jet z t bewohnten Platz zu Braunsberg erhielten. 
Da wir aus einer Bulle johann XXII. vom 20. februar ]330 er- 
fahren, daß dieser Platz mit einem andern vertauscht wurde, so ist 
unsere Chronik vor dieser Zeit, also vor 1330, entstanden. 
Ehe wir nun den einzelnen Angaben des Chronisten unsere 
Aufmerksamkeit zuwenden, dürfte eine Bemerkung vorauszusenden 
sein, die manche Schwierigkeiten und scheinbare Widersprüche mit 
andern Nachrichten hebt. Häufig werden von verschiedenen 
Chronisten verschiedene Jahre für den Anfang derselben Klöster 
angegeben. Während manchmal bei dem einen oder andern 
ein Irrtum vorliegt, löst sich andere Male die frage durch die 
Wahrnehmung, daß die einzelnen Chronisten verschiedene Tat- 
sachen im Auge hatten; so verzeichnet der eine, wann die Brüder 
zum ersten Male in einer Stadt erschienen, ein anderer, wann sie 
sich niederließen, ein dritter, wann die Niederlassung vollendet war 
oder offiziell vom ProvinzialkapitcI in den Provinzverband aufge- 
nommen wurde. Unser Chronist braucht überall das von jordan 
und andern gleichfalls angewendete Wort "recipere", ein Ausdruck, 
der an und für sich vieldeutig wäre, der aber durch die vom 
Chronisten stets beigefügten Worte "in provinciali capitulo" genau 
8) Herzog Mestwin 11., der 1290 das Kloster der Dominikaner zu Dirschau 
stiftete, starb 1294. Mit seinem Tode begann der Kampf um sein Land, in 
dessen folge Pomerellen an den Deutschen Orden fiel. 
9) 1278-1300. 
10) 10. Dezember. 
11) 9. Juli. 


J. 


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			bestimmt und dahin erklärt wird, daß er die endgültige Eingliederung 
in die Provinz im Auge hat. Wenn wir daher bei andern Chronisten 
für einzelne Gründungen frühere Daten finden, so dürfen wir darin 
nicht einen Widerspruch, sondern eher eine B
stätigung für und 
durch die Angabe unserer Chronik sehen. 
Der Chronist beginnt mit dem ältesten der westpreußischen 
franziskanerklöster, mit dem Hause zu T h 0 r n. Was er über den 
Beginn meldet, stimmt fast wörtlich mit einer alten Inschrift über- 
ein, die sich im Kloster fand I): "Anno 1231 Thorun condita est. 
Anno 1239 domus fratrum Minorum in Torn recepta fuit, quibus 
aream dedit inclihls dominus frater Poppo magister generalis fratrum 
ordinis domus teutonice hospitalis sancte Marie virginis. Christus 
jesus meritis sancti Francisci eius animam benedicatu. 
Aus dem Berichte unseres Chronisten ergibt sich nicht, ob 
die Brüder erst im jahre 1239 nach Thorn kamen. Doch kommt 
ein früherer Zeitpunkt kaum ernstlich in frage. Es wird weder 
von andern Chronisten eine frühere Ankunft gemeldet 2 ), noch war 
sie gut möglich, da die franziskaner erst 1234 nach Breslau kamen 
und von hier allmählich nach Osten und Norden vorrückten. 
johannes von Komorowo meldet um 1500 in seinem "Tractatus 
Cronice u ohne Quellenangabe, daß die Brüder von Jungleslau 
("Juniwladislauia U ) "in Culmen et Thorunia u gekommen seien, um 
Almosen zu sammeln und darauf einen Platz in Thorn angenommen 
hätten 8 ). Der Bericht Komorowos stößt wegen einiger fehler, die 
unterlaufen sind, auf Bedenken; man weiß nicht, wo und wie weit 
man demselben vertrauen darf. Immerhin ist er beachtenswert und 
erläutert oder ergänzt andere Meldungen; er beseitigt auch eine 
große Schwierigkeit, die unsere Chronik bereitet, weshalb wir ihn 
hier einfügen wollen. Nachdem Komorowo von der 1241 urkund- 
lich erwähnten Niederlassung in Jungleslau 4 ) gesprochen hat, fährt 
er fort: "Qui fratres questabant 5 ) in Culmen et Thorunia, que 
eciam iIIo tempo re ceperat edificari per Poppo magistrum. Deinde 
de capitulo provinciali Brune per fratrem Danielem magistrum 
Saxonie et fratres missi sunt Thoruniam ad locum suscipiendum 
a. d. 1239. Quibus concessum erat per prefatum Poppo magistrum 
et molendinum assignavit, ut de redditibus eius c\austrum edificaretur 
et post ad ipsum reverteretur. Per prius autem in Culmen aliquot 
1) Scriptores Rerum Prussicarum, Bd. 11 S. 392 Anm. 2. 
2) Br. johannes von Komorowo hat zwar in seinem "Memoriale Ordinis 
Fratrum Minorum" (herausgegeben von X. Liske und A. Lorkiewicz, Lemberg 
1886) S. 97: "In Toruniam mtroducti sunt fratres... anno Domini 1236"; 
vgl. auch S. 411. Aber in seinem "Tractahls Cronice fratrum Minorum Obser- 
vande" (herausgegeben von H. Zeissberg in Archiv für österreich ische Geschichte, 
Band XLIX 11. Hälfte) hat er S. 317: "a. d. 1239". Der Tractatus Cronice geht 
bis 1503. 
8) A. a. O. S. 317. - Die vorhergehenden Nachrichten hat Komorowo 
fait wörtlich der Chronik des Br. jordan von lanD entnommen; vgl. H. Böh mer 
Chronica fratris jordani, Paris 1908, Nr. 54 und 55. 
') M. Per I ba c h, Pomerellisches Urkundenbuch, Danzig 1882, Nr. 75 
("custos in Wlodislavia"). 
6) Questare == Almosen sammeln. 


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". 


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			annis locus est susceptus et postmodum Cracovie susceptus est 
locus". falsch ist in diesem Berichte ohne frage, daß "frater 
Daniel magister Saxonie" die Brüder nach Thorn gesandt habe. 
Unter den Provinzialministern der sächsischen Provinz kommt kein 
frater Daniel vor. I) Es ist Komorowo hier eine Verwechslung 
unterlaufen mit jenem frater Daniel, der in unserer Chronik als 
Provinzial der polnischen Provinz 1258 erscheint. 1239 wird von 
ihr als Provinzial dieser Provinz frater Ptholomirus genannt. 
Die diesbezügliche Notiz unserer kleinen Chronik gibt uns 
die älteste bisher bekannte Nachricht aus der böhmisch-polnischen 
Ordensprovinz. Wir finden nirgends genau erwähnt, daß und 
wann sie gegründet wurde. Vor 1239 wird sie nicht genannt, und 
1239 war nach Glassberger "provincia Bohemiae adhuc sub ministro 
Saxoniae"2). Da sie in unserer Chronik zum Jahre 1239 erscheint, 
so unterliegt es keinem Zweifel, daß sie dem Beschlusse des am 
15. Mai 1239 zu Rom gehaUenen Generalkapitels ihr Entstehen ver- 
dankt; wie uns die aUen Ordenschronisten einstimmig melden, 
wurde auf diesem Kapitel die Teilung des Ordens vorgenommen 
und bestimmt, daß in Zukunft 32 Provinzen bestehen sollten 3 ). 
Wir lernen in unserer Chronik das erste Provinzialkapitel der 
böhmisch-polnischen Provinz kennen, das zu Brünn stattfand, wie 
auch in frater Ptholomirus den ersten Provinzial minister. Es ist 
dies unsers Wissens die einzige Nachricht, die wir von jenem 
Kapitel und von dem genannten Provinzial bisher besitzen. P. 
Ptholomirus hat nicht lange seines Amtes gewaUet. Im April 1241 
war frater Jordanus Vicarills oder Viceminister der Provinz,"") was 
auf den Tod oder Rücktritt des Provinzials schließen läßt. 
Wo die erste Niederlassung der franziskaner zu Thorn lag, 
wird nicht a ngegeben, auch nichts über die Größe und den ersten 
I) VgI. unsem Aufsatz "Die Provinzialminister der alten Sächsischen 
Provinz" in Beiträge zur Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz vom 
hI. Kreuze, Band 11, Düsseldorf 1909, S. 2 und 3. 
2) N. GI ass bel' ger, Chronica, herausgegeben zu Quaracchi 1887 (11. 
Band der Analecta Franciscana), S. 61. 
8) J 0 I' dan Nr. 67: "In eodem capitulo provincie sunt distincte"; 
T h 0 m a s d e E c c I e s ton, T ractatus de adventll Fratrum Minorum in Angliam, 
herausgegeben von G. little, Paris 1909, S. 54, zu diesem Kapitel: "Provisum 
fuit, ut tantum triginta duae administrationes essent in ordine", ein Beschluß, 
der das ganze Mittelalter in Kraft blieb (mit Ausnahme der Teilung der 
Provincia Terrae Sanctae und Lombardiae). - Alle zur ersten Teilung der Pro- 
vinzen gehörigen Nachrichten hat P. G. Golubovich 0. F. M. in seinem 11. 
Bande der Biblioteca bio-bibliografica della Terra Santa edelI' Oriente Frances- 
cano (Florenz 1913) vorziiglich zusammengestellt. S. 230 folgert er aus den 
oben gegebenen Gründen, daß die böhmisch-polnische Provinz 1239 entstanden 
sei. Unsere Chronik ergänzt und bestätigt seine Folgerung. - Außerdem wurde 
1239 die Provinz Daciae (Dänemark, Norwegen und Schweden) von der 
Saxonia abgetrennt. Ueber die Anfänge der Provinz Austriae herrscht noch 
manches Dunkel. H. Hol z a p f e I, Handbuch der Geschichte des Franziskaner- 
ordens, Freiburg 1909, bemerkt S. 161 mit Recht: "Ob die Gründung der 
Provinzen Austriae und Hungariae von Deutschland oder Italien aus erfolgte, 
ist sehr ungewiß". 
4) VgI. Bö h m e 1', Chronica fratris Jordani S. 72 und 73. 


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			Ausbau des Klosters; da aber 1246 die "domus Thuronensis CC1 ) und 
1252 der Thorner Guardian frater Berthogus 2 ) in den Urkunden vor- 
kommt, ist außer Zweifel, daß um diese Zeit eine dauernde Nieder- 
lassung bestand. 
Eine kleine Ergänzung bietet hier unsere Chronik, indem sie 
sagt, daß Hochmeister Poppo den Brüdern einen Platz geschenkt 
habe. Da dieser Hochmeister erst 1253 an die Spitze des Deutschen 
Ordens gelangte, kann die Nachricht nur von einer neuen Schenkung 
verstanden werden und den Sinn haben, daß Poppo entweder die 
erste Niederlassung erweiterte oder den Brüdern eine neue, andere 
Wohnstätte überließ. Nach Komorowo hat er auch für die Bau- 
kosten Sorge getragen und die Einkünfte einer Mühle zur Ver- 
fügung gestellt. Es liegt außer der uns hier gestellten Aufgabe, 
den Bau von Kirche und Kloster weiter zu verfolgen. 
Zur Gründung des zweiten westpreußischen franziskaner- 
klosters meldet unsere Chronik, daß 1258 das C ul m er Kloster 
von dem Provinzial der böhmisch-polnischen Provinz übernommen 
wurde, und daß der Ordenspräceptor Gerhard von Hirzberg einen 
Platz für dasselbe geschenkt habe. Man kann aus der Nachricht 
nicht entnehmen, ob die Brüder erst 1258 in Culm eintrafen. Ein 
Bericht des dortigen Guardians Stanislaus flesinski an die Re- 
gierung zu Marienwerder vom 13. Oktober 17733) läßt sit 1255 
dorthin kommen 4 ). Auch Komorowo sagt an der oben mitgeteilten 
Stelle, daß die Brüder schon einige Jahre in Culm wohnten, bevor das 
Kloster vom Kapitel zu Krakau übernommen wurde. 
Wir erhalten von Komorowo die hier willkommene Lösung 
einer von unserer Chronik bereiteten Schwierigkeit. Dieselbe läßt 
das Kapitel, auf dem die Culmer Niederlassung von der böhmisch- 
polnischen Provinz angenommen wurde, zu Zwickau stattfinden. 
Es ist aber sicher, daß das Kloster zu Zwickau stets zur sächsischen 
Provinz gehört hat. Komorowo hat nun statt "Czwiccavie cc "Cracovie cc 
und überzeugt jeden sofort, .daß hier dem Abschreiber unserer 
Chronik ein Schreibfehler unterlaufen ist. 
Denselben Unterschied zwischen dem ersten Anfange und der 
Aufnahme in die Provinz lassen uns die Chroniken wieder machen 
für das dritte westpreußische franziskanerkloster, das zu Neu e n- 
bur g. Nach unserer Chronik wurde es 1284 auf dem Provinzial- 
kapitel zu Breslau angenommen, während die "Chronica terrae 
Prussiae cc d en Anfang in's Jahr 1282 setzt!i). Es ist möglich, daß 
1) V 0 i g t, Codex diplomaticus Prussicus, Band I Nr. 66; Phi I i p P i, 
Preußisches Urkundenbuch, Band I Nr. 177. 

) Phi 1 i p p i I Nr. 259; Wo e 1 k y, Urkundenbuch des Bistums Culm, 
Band 11 Nr. 1229. 
B) Mitgeteilt von See man n, Ueber das franciscanerkloster zu Culm, 
Programm des Progymnasiums zu Neustadt für 1860. 
4) Uebereilt scheint uns, wenn diese Nachricht in Bau- und Kunstdenkmäler 
der Provinz Westpreußen, Band 11, Bau- und Kunstdenkmäler des Culmerlandes 
und der Löbau, S. 68, als "unrichtig und auf einer fälschung beruhend" be- 
zeichnet wird. 
11) Vgl. Scriptores Rerum Prussicarum, Band 111 S. 469. 


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			in der letzten Jahreszahl ein Irrtum steckfl), es ist aber eben so gut 
möglich, beide Nachrichten in der genannten Weise zu vereinigen. 
Bei dieser Meldung unserer Chronik begegnet uns zum ersten 
Male in Preußen die sächsische franziskanerprovinz. Mittlerweile 
waren die Grenzen der böhmischen und sächsischen Provinz wieder- 
holt geändert worden, und zwar jedes mal in der Weise, daß die 
sächsische Provinz weiter nach Osten geschoben wurde und Klöster 
der böhmisch-polnischen Provinz erhieIt 2 ). . 
Die meisten Nachrichten meldet unsere Chronik zur Geschichte 
des Klosters zu B rau n sb erg. Wir erfahren, daß Bischof 
Heinrich von Ermland 12U6 einen Platz zur Verfügung stellte, den 
der sächsische Provinzial Burkhard auf dem Provinzialkapitel zu 
Erfurt übernahm. Nachdem diese erste Niederlassung am 10. Dezember 
1300 zerstört war, wurde den Brüdern ein neuer Platz gewährt, 
der von dem 1308 zu Neiße gehaltenen Provinzialkapitel über- 
nommen wurde. 
Die erste Mitteilung bietet wieder eine Schwierigkeit. Jenes 
Provinzialkapitel zu Erfurt fand 12B7 statt; aber auf demselben war 
P. Burkhard nicht mehr Provinzhd 3 ). Er hatte, nachdem er die 
Provinz von 12H2-1295 verwaltet hatte, abgedankt und wurde 
erst 1299 wiedergewählt. Ob P. Burkhard auf dem Erfurter Kapitel 
nebst dem von Glassberger genannten Provinzialvikar Henricus 4 ) 
die Geschäfte leitete, da der Provinzial vorher gestorben war? 
jene Zerstörung des Braunsberger Klosters wird von mehreren 
Auktoren erwähnt, die jedoch verschiedene Urheber der Zerstörung 
nennen. Papst Klemens V. schob in seinem Schreiben "In vinea 
Domini" vom 19. juni 1310 die Schuld auf die Ritter des Deutschen 
Ordens 5 ), während die preußischen Geschichtsschreiber die Zer- 
störung von den Bürgern der Stadt geschehen lassen. So schreibt 
Hennenberger: "Anno IHOO zerstörten die Bürger allda das Barfüsser 
Closter". Ob beide - Ritter und Bürger - an der Zerstörung 
beteiligt waren? Vielleicht auch, daß die feinde des Deutschen 
Ordens den von der örtlichen Tradition ganz anders dargestellten 
fall 6 ) verdreht und zur Verläumdung des Ordens ausgenützt hatten. 
Schon bald erhielten die Brüder einen neuen Platz, wohl ein 
Beweis, daß die Zerstörung nicht aus feindseligkeit geschehen war. 
Dieser Platz lag aber, wie wir aus dem Schreiben johann XXII. 
vom 20. febru:1.r 1330 erfahren 7), vor den Stadtmauern ("extra 
oppid.um") und bot so den feinden einen Stützpunkt bei ihren 
1) Die Jahreszahl 1284 ist richtig, da tatsächlich in diesem Jahre das 
Provinzialka r. itel zu Breslau stattfand; vgt. Lern m e n s, Provinzial minister S. 4. 

) Vg. GI ass b erg er S. 86. 
S) Vgt. Lern m e n s, Provinzial minister S. 4. P. Burkhard hat in den 
21 Jahren seiner Verwaltung kein Provinzialkapitel zu Erfurt gehalten. 
4)Glassberger, S. 107 und 108. 
b) Bullarium franciscanum, Band V Nr. 166. 
6) Vgt. diese Zeitschrift, Heft 20 S. 61 Anm. 4. 
7) Bullarium franciscanum, Band V Nr. 840. - H. Ehr e n b erg, 
Italienische Beiträge zur Geschichte der Provinz Ostpreußen, Königsberg 1895, 
S. XXVII, datiert das Schreiben vom 13. februar 1328, irregeführt durch eine 
Notiz des Index bullarum der avignoner Päpste (im Vatikanischen Archiv). 


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			Angriffen auf die Stadt. Der Papst gestattete daher den franzis- 
kanern, ihre Stätte dem Bischof zu übergeben und den Platz zu 
beziehen, den ihnen die Stadt innerhalb der Mauern einräumen wolle. 
So haben wir d re i verschiedene Anfänge und Plätze des 
Braunsberger Klosters zu unterscheiden, was von den spätern 
Chronisten übersehen wurde. Grunau z. B. schreibt von Bischof 
Heinrich 11. (1329--1334)1): "Er gab den Grauen Mönchen wieder 
einen Urlaub, ein Kloster zu Braunsberg zu bauen; denn ihre 
vorige Wohnung hatten die Bürger von Braunsberg verbrannt, 
darum, daß ein Uebeltäter durch der Mönche Wohnung weg kam 
vom Glet und brannte auf die Stadt."2) Heinrich 11. gab den Brüdern 
tatsächlich jene Erlaubnis, aber in folge der durch Johann XXII. 
verfügten Abtretung ihres zweiten, vor der Stadt gelegenen Klosters. 
Dieses war erbaut worden, nachdem das erste lilOO zerstört 
worden war; und von dem außerhalb der Stadt gelegenen Kloster 
gilt die Nachricht unserer Chronik, daß es auf dem 1308 zu Neiße 
gehaltenen KapitelS) angenommen und am 9. Juli besetzt sei. 


Die gotiscben Bildwerke der St. Jolmßniskirche. 
Von Bernhard Schmid-Marienburg. 
3. Die Konsolfiguren der Sakristei. 
Die organische Eingliederung des figürlichen Schmuckes 
nimmt in der gotischen Baukunst einen großen Umfang ein. Be- 
vorzugt werden die Portale und die Außenflächen der Kirchen, 
aber auch das Innere hat diesen Schmuck, an den Pfeilern und 
Gewölbeanfängern, als den wichtigsten Punkten in dem Wölbsystern 
der gotischen Kirche. freilich macht sich hierbei auch die Ab- 
hängigkeit vom Baustoff bemerkbar und in den ostdeutschen 
Kolonialge bieten tritt gerade dieser Teil der Architektur, da bild- 
1) Preußische Chronik, Band I S. 346. Dasselbe meldet die Heilsberger 
Chronik, Scriptores Rerum Warmiensium, Band 11, S. 251. 
2) Auch die neuern Lokalhistoriker berichten nicht diese drei verschiedenen 
Gründungen. So nennt ein Aufsatz "Die ehemalige St. Marien-Kirche der 
franciscaner in Braunsberg", im Pastoralblatt für die Diöcese Erl11land, Jahrg. 
1883, S. 3, nur 2 Wohnungen. "Wir finden ihr Kloster später auf dem jetzigen 
Gymnasialplatze; daß es aber anfangs an einer andern Stelle gelegen war, 
berichten die Chronisten ausdrücklich. Der noch lebende Name der München- 
straße und des Miinchenthores gibt uns deutlichen Wink iiber seine ursprüng- 
liche Lage". Und S. 4 daselbst heißt es: "Aus der Zeit von Bischof Heinrich 
11. haben wir eine merkwürdige Nachricht. Die Biirger Braunsbergs haUen das 
Minoritcnkloster niedergebrannt, weil ein Uebeltäter in demselben ein Asyl ge- 
funden und dann davonfliehend die Stadt selbst in Brand gesteckt hattc. Der 
unkritische Simon Grunau ist die Quelle für dieses Ereignis. .. Viclleicht 
ist die einfache Wahrheit diese, daß damals durch einen allgemeinen Brand 
Stadt und Kloster ein Raub der flammen wurden, wenn nicht - was noch 
wahrschcinlicher ist - die ganze Nachricht Grunaus, von dem die späteren 
Chronisten abhängig sind, auf einer Verwechselnng Heinrichs I. mit Heinrich 11., 
des Jahres 1300 mit 13'30 beruht". A. B 0 e t t ich e r, Die Bau- und Kunst- 
denkmäler der Provinz Ostpreußen, Heft IV, Königsberg 1894, S. 57, folgt der 
Ansicht des Pastoralblattes. 
3) Dieses Kapitel wird öfter genannt; vgl. B öhm e r, Chronica Jordani, 
S.78. 


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- 8 -
		

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same, natürliche Bausteine nicht vorhanden sind, sehr zurück, 
besonders während der ersten jahrzehnte der Siedelungsarbeit, in 
denen es zugleich in diesem Neulande der Kultur an Steinmetzen 
fehlte. So gewinnt die Plastik hier zu lande nicht die Bedeutung, 
die sie im Westen erlangt hatte. Trotzdem hat man nie so ganz 
darauf verzichtet, namentlich nicht im Inneren. 
für Thorn ist es die johanniskirche, die einige wertvolle Bild- 
werke aus alter Zeit sich bewahrt hat, nämlich die Schlußsteine 
des Chorgewölbes und die Gewölbeanfänger der Sakristei. 
Letztere fordern durch ihre bequeme Zugänglichkeit und die 
guten künstlerischen Eigenschaften besonders zur näheren Betrach- 
tung auf. Die Sakristei ist jetzt mit drei Gewölbejochen überdeckt, 
zwei Kreuzgewölben und einem zweiteiligen Kappengewölbe, hat 
also neun Gewölbeanfänger, vergl. den Grundriß im 11. Band, Seite 
146 der "Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Westpreußen". 

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GrundriB der Sakristei. Maßstab 1 : 400. 
fünf von diesen Anfängern ruhen auf einer Konsole, unter der 
figurengruppen oder Einzelbilder angebracht sind, die ihrerseits 
wieder auf besonderen kleinen Kragsteinen stehen; nach ihrem 
Grundbegriff ist diese Ausbildung also den großen, in die Wand- 
dienste eingeschalteten Apostelfiguren verwandt, die wir im Königs- 
berger Dom, oder in der Marienburger Schloßkirche sehen. Vier 
Anfänger, drei an der Westwand, einer an der Südwand, laufen 
spitz in der Wand au
, ohne jede Konsole oder Bildschmuck. 
Auf den fünf erstgenannten sind folgende Gegenstände dar- 
gestellt: 
Slidwand,1. Anfänger von Osten: die beiden Apostel jakobus. 
2. " " "johannes der Täufer und der 
Evangelist 



 


sämtlich in ganzen figuren von etwa 30 cm Höhe. 
Nordwand 1. Anfänger von Osten, Christus als Schmerzens- 
mann, Brustbild. 
" Maria als schmerzensreiche 
Mutter, Brustbild. 
" Die Heiligen, Katharina und 
Barbara; ganze figuren. 
Den Mittelpunkt der ganzen Reihe bildet an der Nordostecke 
das Christusbild, das zu dem benachbarten Marienbild in enger 
Beziehung steht. Der Heiland hat beide Hände in die Seitenwunde 
gelegt, ist also als Auferstandener gekennzeichnet; die Zusammen- 


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stellung mit der Maria ergibt sich dann aus dem Vorgang, der 
MaHh. 28, 9 berichtet wird, nämlich der Begegnung jesu mit Maria 
Magdalena und der anderen Maria. Die Kirche hat nach der Aus- 
legung des Ambrosius unter der "anderen Maria" die Mutter des 
Herrn verstanden. Wir haben auch in dem ehemaligen Hochaltar 
der 1796 abgebrochenen Schloßkirche zu Graudenz ein Gemälde 
des XIV. jahrhs. mit derselben Auffassung: Maria neben Christus, 
der in ganz ähnlicher Gebärde die Hände in die Seitenwunde legt. 
An die Maria schließen sich weibliche Heilige an, an den 
Herrn vier Apostel. Ob die Westwand auch figurenkonsolen ent- 
hielt, ist jetzt unter der dicken Tiinche der Rippenanfänger nicht 
nachzuprüfen. In der Auswahl der Personen spiegelt sich das 
kirchliche Thorn jener Zeit: johannes der Täufer ist der Titular- 
heilige.) der altstädtischen Pfarrkirche, einen Apostel jakobus finden 
wir in der neustädtischen Pfarrkirche, eine Katharinenkapelle auf 
der Ostseite der Neustadt und die Kapelle der hl. Barbara, der 
Patronin der Weich selfah rer, liegt dreiviertel Meilen nordwestlich 
von Thorn. 
Alle figuren sind aus Stuck modelliert und jetzt, wie die 
ganze Sakristei, weiß getüncht, haben aber darunter Spuren von 
roter Bemalung. Die Abbildungen auf den beiden Tafeln geben 
eine gute Anschauung von den figuren. Mit großem Geschick 
hat es der Bildhauer verstanden, die Aufgabe des Tragens anzu- 
deuten und doch jede einzelne figur lebenswahr in zwangloser 
Haltung hinzustellen; die allgemeinen Verhältnisse des Körperbaues 
sind richtig wiedergegeben. Recht anmutig ist die Haltung des 
Evangelisten johannes, der mit halber Kopfwendung sich zum 
Täufer hinneigt, als ob er seinen Worten lauschte. Biegungen des 
Oberkörpers modelliert der Künstler nur da, wo die Heiligen schwere 
Symbole zu tragen haben, besonders bei den weiblichen figuren; 
auch beim jüngeren jakobus wird die Anlehnung an die schwere 
Walkerstange zum Anlaß genommen, den Körper ein wenig zu 
biegen; um so gerader stehen aber der ältere jakobus und die 
beiden johannes da. Es zeigt sich hierin eine feine Naturbeobachtung, 
die ihrerseits wieder einen nicht unbedeutenden Künstler voraussetzt. 
In der Einzelbehandlung spüren wir den Einfluß des Materials, 
eines zähen, grobkörnigen Stucks, der es nicht, wie Kalkstein, ge- 
stattete, die unbekleideten KörpersteIlen mit allzugroßer feinheit 
herauszuarbeiten; die Augäpfel und Augenlieder sind nicht sehr ge- 
schickt dargestellt, wenngleich auch hier Unterschiede wahrnehmbar 
sind. Die Köpfe von Christus, Maria und johannes dem Evangel. 
sind auch hierin;' besser gelungen. Die Gewänder sind einseitig 
gerafft, vom Unterarm gehalten und fallen in einfachen Schrägfalten 
herab, unter mäßiger Bildung von Schüsselfalten. 
Wichtig ist nun die frage nach der, Zeitstellung und dem 
kunstgeschichtlichen Zusammenhange. für den Chor von St. johann 
gilt unbest ritten als Baubeginn die Zeit um 1260, ein Datum, das 
.) Wo e I k y, Urkundenbuch des Bistums Clllm Nr. 308. Erst in späterer 
Zeit, im XVII. Jahrh., tritt der Titel des Evangelisten Johannes hinzu. 


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			Tafel 1. 


Bildwerke aus der Sakristei der ,Johanniskirche 
zu Thorn. 


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3. St, Katharina und Barbara. 


Mitteilungen des Coppernicus- Vereins 
für Wissenschaft und Kunst. 21. 


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nicht unmittelbar überliefert ist, aber aus den Stufen der städtischen 
Entwickelung Thorns und aus dem Vergleich mit Bauten der 
Nachbarstädte hinreichend beglaubigt ist. In der Nordwand dieses 
Chores ist auch die mit einem reichen Gewände versehene Thür 
zur Sakristei. 
Ueber den Umfang der ältesten, um 12GO im Verband mit der 
Chormauer angelegten Sakristei, giebt uns die nördliche Außenwand 
des Chores, unter dem jetzigen Sakristeidach Aufschluß. Darnach 
sollte sie ein etwa 4,ßO m breiter, gewölbter Bau, von etwa 8,0 m 
Höhe, und zwar zwischen dem westlichen und dem mittleren fenster 
des Chores, werden; die Außenwände waren 1'/2 Stein stark, und 
von ihnen diente die östliche zugleich als Strebepfeiler für das 
West joch des Chorgewölbes, das dann seit dem Abbruch der 
ältesten Sakristei an dieser Stelle ohne Widerlager ist. Die Ver- 
größerung erfolgte anscheinend in mehreren Zwischenstufen, bis 
man zuletzt den heutigen Umfang von 7,a m Breite und 12,50 m 
Länge erreichte; mit stumpfer fuge stoßen die neuen Außenmauern 
an den Nordost-Strebepfeiler des Schiffes und seitlich an den 
mittleren Strebepfeiler des Chors. 
Auffallend ist namentlich, daß außen im Mauerwerk eine lot- 
rechte fuge sichtbar ist, zwischen dem westlichen und dem MitteI- 
joch. Die Beschaffenheit des Mauerwerks und die fensterformen 
sind aber in beiden Teilen die gleichen und die Gewölbe tragen 
einen so einheitlichen Charakter, daß es sich hier nur um Etappen 
von kurzer Zeitdauer, und vor der Einwölbung handeln kann. Ob 
die schmucklosen Anfänger des West joches immer so waren, oder 
einst auch Konsolen hatten, ist unter dem Putz nicht nachzuprüfen: 
wahrscheinlich ist das letztere. Sowohl das Obergeschoß, wie auch 
die zu ihm führende Treppe müssen wir als annähernd gleichzeitig 
mit dem Unterbau ansehen, denn die ältere Dachanfallspur an der 
Nordwand des Chores liegt etwa 4,0 m über dem Gewölbe, würde 
also bei 8,50 m Vorsprung nur einem flachen Notdache entsprochen 
haben. Da aber das ausnutzbare Obergeschoß für das Orgelwerk 
notwendig, und auch die älteste Sakristei auf 8 m Höhe angelegt 
war, so würde diese Dachanfallinie einer zweiten Sakristei zuge- 
hören, die schon 12,50 m lang, aber nur zirka 4,6 m breit war. 
Wichtig für die Baugeschichte ist vor allem die frage, wann 
die Einwölbung der vergrößerten Sakristei erfolgte, weil dadurch 
das jetzt vorhandene Raumgebilde geschaffen wurde. 
Bei dem Mangel an urkundlichem Material ist man auf ver- 
gleichende Untersuchungen des Baues selbst angewiesen. 
In erster linie hat die Gewölbeform gewisse zeitlich bestimm- 
bare Merkmale. Neben zwei Kreuzgewölbejochen hat sie an der 
Westseite ein Joch mit Dreieckskappen; es ist dies eine Zwischen- 
stufe der Entwickelung vom Kreuzgewölbe zum Sterngewölbe. Die 
aus der Konstruktion des Kreuzgewölbes sich ergebenden drei- 
seitigen Kappen werden in beliebiger Weise aneinander gereiht, 
wie es die Rücksicht auf die jeweilige Lage der Stützen und 
Widerlager erforderte. Innerhalb dieses tragenden Gerüstes wird 


- 11 -
		

/Pomorze_038_09_020_0001.djvu

			jede Kappe durch einen Dreistrahl von Rippen in drei kleinere 
dreiseitige Kappenfelder zerlegt zur Erleichterung des freihändigen 
Einwölbens. Vergl. hierüber Steinbrechts Aufsatz "Untersuchungs- 
und Herstellungsarbeiten am Hochschloß der Marienburg" im 
Centralblatt der Bauverwaltung V. 1885, Seite im8. Die ältesten 
Beispiele dieser Art, außerhalb Thorns, finden wir in den Ordens- 
burgen Lochstedt und Tapiau und besonders reich im Kapitelsaal 
des ehemaligen Klosters Pelplin; alle diese Wölbungen gehören 
noch dem ] il. jahrhundert an. Der Kapitelsaal des Schlosses 
Marienburg, zirka 1310 begonnen, zeigt diese Kappengewölbe in 
vollendeter Gestalt. Hier, wie auch in Pelplin, tritt die sternförmige 
Unienführung der Rippen schon deutlich hervor. Daneben finden 
wir in mehreren fällen eine Abart mit Dreieckskappen und schmalen 
nebeneinander gereihten jochen; die Kirche zu juditten im Samland, 
die Seitenschiffe des Königsberger Domes und die Sakristei der 
Riesenburger Pfarrkirche haben solche Gewölbe, die schon in die 
ersten jahrzehnte des XIV. jahrhunderts fallen. Das Oewölbe der 
johannis-Sakristei in Thorn nähert sich aber mehr der zuerst be- 
schriebenen Art. 
Alle die vorgenannten Gewölbe haben als Gratstein reichge- 
gliederte Birnstabprofile, wie auch der Chor von St. johann. Nur 
in dem Komtursremter zu Tapiau findet sich außerdem noch ein 
anderes Rippenprofil, mit glatter Schräge und Kehlung; man setzt 
den Bau dieses Schlosses in die Zeit von 1280-1290, mithin fällt 
die Wölbung in das Ende dieses Zeitabschnittes. In den Gewölben 
der Kirche juditten und der Pelpliner Kreuzgänge kehrt dieser Stein 
wieder, und dann auch in dem Schlafsaal der Marienburg, der im 
zweiten jahrzehnt des XIV. jahrhunderts erbaut ist. 
Dieses einfachere Profil kommt auch in Thorn vor, in größerem 
Umfange beim Bau der jakobskirche und außerdem in unserem 
Sakristeigewölbe. Die jakobskirche, 1309 am Chor begonnen, 1311 
bis zur Höhe des Inschriftfrieses gediehen, hat sicher schon 1315 
ihre ersten Einwölbungen erhalten, denn der Bau ist zu einheitlich, 
um größere Unterbrechungen des Baubetriebes vermuten zu lassen. 
Hier haben die Seitenschiffe noch Kreuzgewölbe, das Mittelschiff 
und der Chor schon Sterngewölbe, aber in eigenartiger, altertüm- 
licher Rippenführung; im Chorschluß ist aber das Kappensystem 
ganz unregelmäßig und läßt die schöne Gesetzmäßigkeit des 
Marienburger Kapitelsaales vermissen. Der Gesamteindruck ist der, 
daß sich die neue Konstruktionsform der Sterngewölbe, deren 
ersten schüchternen Versuch wir im Mitteljoch des Chors der 
johanniskirche sehen, noch im zweiten jahrzehnt des XIV. jahr- 
hunderts in Thorn nicht zu voller Klarheit und der Alleinherrschaft, 
die sie später ausübt, durchgerungen hat. 
In diese Zeit müssen wir spätestens auch den vergrößerten 
Sakristeibau von St. johann setzen, d. h. also in die jahre von 
etwa 1310 bis 1320. 
Noch eine andere Erwägung führt uns dahin. In den ältesten 
Zeiten den Ordenskunst wird der Ton zur Herstellung des bildne- 


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- 12 -
		

/Pomorze_038_09_021_0001.djvu

			Bildwerko aus der Sakristei der Johanniskircho 
zu Thorn. 


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2. Johannes-Konsole. 


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Maria und J ohanncs, vom Altaro. 


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Mitteilnngen dea Coppernicua-Vereina 
für \Viaaenachaft und Kunat. 21. 


Tafel 2. 


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LlcbttJruck von A!bert Frl.eh Berl1n W.
		

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/Pomorze_038_09_023_0001.djvu

			rischen Schmuckes bevorzugt; aus diesem Material bestehen z. B. 
die Skulpturen der goldenen Pforte in Marienburg, ca. ] 270, des 
Kapellenportals in Lochstedt ca. 1280, das Birgelauer Schloßportal 
von ca. 1260 und die Figuren an der Kirche in Oriffen (Kr. Thorn). 
Noch das XIV. jahrhundert hat ziemlich gleichzeitig, um ] 310, zwei 
Bauten mit meisterhaften Tonskulpturen, den Marienburger Kapitel- 
saal und den Chor der jakohskirche zu Thorn. In den oberen 
Teilen der jakobskirche, an Kragsteinen und Maß werken, kommt 

chon der Stuck vor. 
Apostelfiguren als Schmuck der Pfeil
r oder der Wanddienste 
treffen wir in der Pfarrkirche zn Culm (13H3 schon fertig, wahr- 
scheinlich aber älter) und in der Marienburger Schloßkirche (1344 
geweiht), in beiden Fällen aus Stuck gefertigt. Die Marienburger 
Figuren sind in weichen, flüssigen Stylformen, mit reichem Falten- 
wurf, modelliert, und viel reifer und vorgeschrittener als die Thorller 
figürchen. Dagegen kann man in den schlanken, straff gezeichneten 
Culmer Aposteln Anklänge an den Styl der Thorner Konsolfiguren 
finden. 
Auch diese Zusammenstellungen berechtigen uns, den Sakristei- 
bau in die Zeit von 1310-1320 zu setzen. Strzesz beschreibt 
1671 *) auch die Sakristei, die nach der Norm einer Kapelle erbaut 
sei und sagt ferner "Iocata est ibi ara statuam B. V. habens, 
sculptam antiquitus sed venustam". Dieser Altar steht noch, trägt 
jetzt aber eine ganze Krenzigungsgruppe und einen Christus als 
Schmerzensmann, alle drei Holzschnitzerei. Da die Johanniskirche 
seinerzeit das Inventar der abgebrochenen Lorenzkirche übernahm, 
so können diese Stücke von dort stammen, oder aber Ueberbleibsel 
von eigenen Altären sein. Das Kruzifix hat eine unverkennbare 
Aehnlichkeit mit demjenigen im Dom zu Culmsee und ist spät- 
gotisch; dagegen sind die Begleitfiguren erheblich älter. An der . 
Maria fällt, soweit der Oberkörper in Betracht kommt, die Aehnlich- 
keit mit der Konsolfigur auf, derart, daß der zeitliche Abstand 
), zwischen ihnen nur gering ist. Seide Holzfiguren sind ausgezeich- 
nete Stücke und passen in den von Pinder"'*) gekennzeichneten 
"primitiven Styl des ]4. jahrhunderts", dem er für Würzburg die 
Zeit von ca. 1300-]310 zuweist. 
Der Versuch, die Herkunft des Meisters dieser Bildwerke 
näher zu bestimmen, hat bis jetzt zu keinem rechten Ergebnis ge- 
führt. Beziehungen der Thorner Kunstwerke zum Nordwesten, 
speziell den Import von Einzelwerken aus Flandern und dem mitteI- 
rheinischen Oebiete habe ich in dem vorigen Hefte der Mitteilungen 
erwähnt. Die schöne Christusfigur, welche auf ';eite 41 des 10. 
Heftes abgebildet ist, zeigt eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Styl 
des Erfurt er Meisters der Barfüßerkirche*"'.). Alle diese Bildwerke 
gehör 
 a_ber in die zweite Hälfte des XIV. jahrhunderts; den 
.) fontes, VI-X pag 198. 
..) Mittelalterliche Plastik Würzburgs j ebda 1911 S. 58 n. 
...) Overmann, Die älteren Kunstdenkmäler der Plastik, der Malerei und 
des Kunstgewerbes der Stadt Erfurt. ebda (1911). Vergl. besonders Tafel 2, 
Die Deckplatte des Severisarkophages. 


- 13
		

/Pomorze_038_09_024_0001.djvu

			älteren lassen sich derartige unmittelbare Beziehungen nicht nach- 
sagen. Auch der anderwärts mehrfach nachgewiesene Einfluß der 
Prager Kunst beginnt wohl erst mit der Regierungszeit Karl IV. 
Vielmehr äußert sich in der Architektur und dem Ornam ent der 
frühzeit eine ziemlich deutliche Abhängigkeit von Hessen und dem 
Mittelrhein; es sei hier nur auf die Elisabdhkirche des Deutschen 
Ordens zu Marburg hingewiesen. In der Plastik zeigt sich diese 
Abhängigkeit weniger deutlich, vielleicht weil die neuartigen Materi- 
alien, Ton und Stuck, zu selbständiger Stylbildung führen mußten. 
Hier im fernen Osten, hundert Meilen vom Rhein entfernt, 
fehlte den Bildhauern die Anschauung dessen, was dort in Jahr- 
hunderte langer Uebung in der Plastik schon erreicht war. Die 
Miniaturen der Evangeliare, auch die Elfenbeinschnitzwerke, konnten 
wohl eine gewisse Brücke mit der Kunst des Mutterlandes schlagen, 
aber im übrigen waren die Meister auf sich selbst angewiesen, auf 
die Erinnerung an das Gelernte und auf ihr Gestaltungsvermögen. 
Und gerade im 13. Jahrh., als im Süden und Südwesten jene un- 
vergänglichen Meisterwerke entstanden, hatten die Deutschen rechts 
der Weichsel noch mit schweren Kämpfen sich abzumühen und 
konnten der Bilderei im Rahmen der Baukunst nur bescheidene 
Aufgaben bieten. 
In diesem Zusammenhang erlangen die Thorner figuren Be- 
deutung, als frühe Dokumente für die künstlerische Besiedelung 
des landes. Freilich ist sehr viel von den Werken alter Kunst in 
den Kriegen mit Schweden und Polen zu Grunde gegangen, wes- 
halb die Entwickelungsreihe, wie wir sie jetzt zusammenstellen, für 
die Anfangszeit mehr lücken aufweist, als gut ist; um so wichtiger 
ist für uns das, was dem lande verblieben ist. 
Da die ständig benutzte Sakristei ihres Zweckes wegen sich 
. nicht zur öfteren Besichtigung durch weitere Kreise eignet, so 
schien es angebracht, sie in ihrer kunstgeschichtlichen Stellung aus- 
führlicher zu besprechen und die Konsolfiguren hier im Bilde vor- 
zuführen. 


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Der ßronzedepotfulld von Lilldenao (Kr. Maricoburg). 
Von Prof. Dr. R. D 0 rr. 
Im Herbst 1911 kaufte der Elbinger Magistrat einen größeren 
fund vorgeschichtlicher Bronzen, der im Sommer desselben Jahres 
von Arbeitern auf Undenauer feldmark, Kreis Marienburg, gemacht 
worden war, für das städtische Museum an. Die Bronzen waren 
in einer Sandgrube zu Tage gekommen, aus der man Sand zu 
einem benachbarten Chausseebau entnommen hatte. Der fund, der 
mir zur Aufstellung im Museum übergeben wurde, bestand aus 
1 Schwert, 2 massiven Halsringen, a Armspiralen, 3 Stöpselhohl- 
ringen und 4 größeren Nadeln mit Spiralkopf. Dieser fund, von 
dem kein Stück ganz unversehrt, verschiedene stark zerbrochen 
waren, war, abgesehen von seiner Reichhaltigkeit, besonders da- 
durch wichtig, daß vorgeschichtliche Bronzen von so hohem Alter 


- 14 -
		

/Pomorze_038_09_025_0001.djvu

			bisher im Weichsel-Nogat-Delta nicht zum Vorschein gekommert 
waren. Ich wünschte daher Näheres über die Fundumstände zu 
erfahren, was jedoch zunächst nicht möglich war, weil der finder, 
der die Sachen nach Elbing gebracht hatte, wie es hieß, nach 
Graudenz zum Militär eingezogen war. 
Ich legte den interessanten Fund in der Generalversammlung 
der Elbinger Altertumsgesellschaft am 7. November 1911 vor und 
bezeichnete ihn als einen Depot (Gießer-)fund. 
Vorläufig vermochte ich mich um diese Angelegenheit nicht 
weiter zu kümmern, weil ich im Frühjahr 1912 von dem Umzug 
und im darauffolgenden Sommer von der Neuordnung des Museums 
vollständig in Anspruch genommen war. Als ich dann aber im 
Herbst 1912 Herrn Prof. Semrau-Thorn versprach, den Undenauer 
Fund in einer der nächsten Nummern der "Mitteilungen des 
Coppernicus-Vereins für Wissenschaft und Kunst zu Thorn" zu 
veröffentlichen, mußte ich den nähern Umständen bei der Auf- 
findung genauer nachforschen. Zunächst ermittelte ich, daß der 
Tiefbauunternehmer Joh. Preuß-Elbing den Fund an den Magistrat 
verkaufte. Herr Preuß teilte mir dann mit, daß er den Fund vom 
Weideaufseher Kal'I Brandt in Horsterbusch im Herbst 1911 erwarb. 
Karl Brandt und sein Bruder, der zur Zeit Soldat in Graudenz sei, 
seien bei der Auffindung zugegen gewesen. Ich wandte mich nun 
brieflich an Herrn lehrer latzke in Horsterbusch, schrieb ihm eine 
Anzahl Fragen, die Auffindung betreffend, auf und ersuchte ihn, 
diese mir nach Besprechung mit Brandt zu beantworten. Herr 
Latzke gab mir dann bereitwillig Auskunft, wofür ich ihm auch 
hier meinen besten Dank ausspreche. Allein es erschien mir nun 
doch noch erforderlich, den Finder selbst zu sprechen. Dieser be- 
suchte mich dann auch auf meine Aufforderung in meiner Wohnung 
in Elbing, und nach einer längeren Aussprache mit ihm bin ich 
nun im Stande, über die Auffindung der Bronzen eine so genaue 
Auskunft zu geben, wie dies überhaupt jetzt noch möglich ist. 
Im Weichsel-Nogat-Delta liegen die drei Dörfer Gr. Mausdorf, 
Undenau, Niedau so zu einander, daß ihre Verbindungslinien un- 
gefähr ein gleichseitiges Dreieck von 2 1 / 2 km Seitenlänge ein- 
schließen. GI'. Mausdorf liegt 3 1 / 2 km westlich der Nogat, von ihm 
südwestlich Undenau, nordwestlich Niedau. Von Gr. Mausdorf, 
das noch im Kreise Elbing, ganz nahe der Kreisgrenze, gelegen ist, 
führt eine Chaussee nordwärts nach Tiegenhof. An diese wurde 
im Sommer 1911 eine Anschlußchaussee von Niedau gebaut, und 
zu letzterer der Sand von einem feldstück entnommen, das dem 
Undenauer Hofbesitzer fischer gehörte, jetzt jedoch mit dem ganzen 
Grundstück an den Hofbesitzer Reimer verkauft ist. Die auf dem 
genannten Feldstück, das wie Lindenau 3 m über dem Spiegel der 
Ostsee gelegen ist, angelegte Sandgrube befindet sich ungefähr 
mitten wegs zwischen Gr. Mausdorf und Undenau. Hier lag der 
Sand unter einer 1/ 2 m dicken Lehmschicht und in derselben Tiefe, 
auf der Grenze von Sand und lehm, kamen die Bronzen zum Vor- 
schein. Sie waren sorgfältig zusammengepackt. Auf die Klinge 


- 15 


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/Pomorze_038_09_026_0001.djvu

			des Schwertes, das eine horizontale tage hatte, waren die Arm- 
spiralen und die Ringe gestreift und durch diese die Enden der 
Spiralnadeln geschoben. Dadurch erweist sich der ganze Fund als 
vollkommen zusammengehörig. Die sehr stark verrosteten Bronzen 
wurden von den Arbeitern übel behandelt, namentlich die Ringe 
aneinander geklopft und dadurch viel Bruch herbeigeführt. Der 
damalige Besitzer Fischer hat den Fund gesehen, schenkte jedoch 
dem verrosteten Zeug weiter keine Beachtung und überließ die 
Fundstücke den 7 an der Grube beschäftigten Arbeitern. Diese 
brachten den Fund nach Marienburg und boten ihn im Schloß zum 
Kauf an. Der gebotene Preis war ihnen jedoch zu gering, und sie 
dachten bereits daran, die Bronzen dem Provinzialmuseum in Danzig 
zum Ankauf einzuschicken. Allein sie vermochten sich nicht über 
die Verteilung der Frankatur zu einigen und überließen schließlich 
den ganzen Fund dem Karl Brandt, der ihn mit nach Hause nahm. 
Dort legte er alle Stücke einen Tag lang in Essig, wodurch sich 
der gröbste Rost löste. Er hat dann freilich bei der veranstalteten 
Reinigung noch mit dem Messer nachgeholfen. Darauf radelte er 
mit dem ganzen Schatz nach Elbing und verkaufte ihn dort an den 
Tiefbauunternehmer Preuß, der dann alle Stücke an den Magistrat 
von Elbing verkaufte. 
In einer Entfernung von 1 1 / 2 m nordwärts von den Bronzen 
wurden in der Sandgrube, jedoch in der obern Lehmschicht, 3 
Urnen mit gebrannten Knochen und Asche gefunden. Ihr oberer 
Teil war nicht mehr vorhanden, wahrscheinlich beim Pflügen ab- 
gerissen. Der untere Teil hatte einen platten Boden und erhob sich 
dann bauchig. Der Durchmesser des Bauches betrug etwa 18 cm. 
Die Gefäße waren unverziert, henkellos, an der Außenseite schwärz- 
lich, innen gelbbraun. Beigaben wurden in den Urnen nicht ent- 
deckt. Von den Urnenresten, die beim Herausheben gänzlich zer- 
brachen, hat sich nichts erhalten. An den beiden FundsteIlen 
kamen Steine nicht zum Vorschein, die ja auch nie in der Nieder- 
ung als ursprünglicher Bodenbestandteil vorhanden gewesen sind 
und daher bei Grabanlagen in vorgeschichtlicher Zeit wohl keine 
Verwendung gefunden haben. 
Es fragt sich nun, ob die Urnen in irgend einer Beziehung zu 
dem Bronzefund gestanden haben. Diese Frage muß wohl sicher 
verneint werden. Dagegen spricht die transportmäßige Packung 
der Bronzen und der für eine Zusammengehörigkeit zu große 
Abstand von 1 1 /2 m. Die Bronzcn sind jedenfalls als Gießerfund 
zu betrachten. Das Vorhandensein der mit Leichenbrand gefüllten 
Urnen scheint aber darauf hinzudeuten, daß sich auf jenem Feld- 
stück e!n vorgeschichtliches Gräberfeld befindet oder befunden hat. 
Beschreibung des Bronzedepotfundes von Lindenau. 
1. Das S c h wer t (A b b i I dun g 1). 
Klinge und Griff sind zusammengegossen, ohne Nietung. Der 
Griff hat einen ovalen Knauf, dessen ausladende Enden ein wenig 
aufwärts gebogen sind und dessen obere Fläche sich von den 


16 - 


.
		

/Pomorze_038_09_027_0001.djvu

			Der Bronzedepotfund von Lindenau 
Kr. Marienburg. 


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1. Schwer!. 2. Nadel mit Spiral kopf. 3. Armspirale. 4 a, 4 b. Hohlringe. 
5. Massiver Halsring. 
1/6 der natürlichen Grösse.
		

/Pomorze_038_09_028_0001.djvu

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,
		

/Pomorze_038_09_029_0001.djvu

			I 
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Rändern nach der Mitte zu ein wenig erhebt und dort einen der 
Länge nach verlaufenden flachen Mittelgrad bildet. Die Unterseite 
des Knaufs ist durch zwei je 2 mm breite erhabene fadenlinien ver- 
ziert, die, von einem Knaufende zum andern verlaufend, das obere 
Griffende gegen den Knauf abschließen. Der Griff hat einen flach 
ellipsenförmigen Querschnitt, verdickt sich in der Mitte und ladet 
dort nach beiden Seiten etwas aus. Am untern Rande ist die 
Ausladung beträchtlicher und über die Klinge hinausreichend, zu- 
gleich zeigt hier die Griffoberfläche auf jeder Seite einen nach oben ge- 
richteten spitzwinkligen Ausschnitt,in dem derbreite MittelgratderKlinge 
zum Vorschein kommt. Der schmale Griffteil ist von flachen, 
horizontalen parallelen Reifen überzogen, in dem oberen und untern 
Drittel scheinen je 3, auf der mittleren Verdickung 6 zu sein. Sie 
sind, wohl durch langen Gebrauch, ziemlich undeutlich geworden, 
dazu hat zum Teil wohl auch scharfes Abputzen des Kar! Brandt 
beigetragen, der auf dem Griff eine Jahrzahl zu entdecken hoffte. 
Auf Abbildung 1 ist von diesen Reifen nichts zu sehen. Der untere, 
seitwärts ausladende Griffteil, ist auf beiden Seiten mit je 3 
parallelen horizontalen Rinnen bedeckt, wie beim Schwert von Tütz, 
Kr. Dt. Krone. l ) 
Die Klinge ist schilfblattförmig, bis zum untern Griffende 
49 1 /1 cm lang und hat gleich unter dem Griffansatz an jeder 
Seite einen Ausschnitt, der 23 mm unter dem Griff endet, dort 
jedoch nur 2 mm breit und daher auf der Abbildung kaum sichtbar 
ist. Die Klinge hat einen ziemlich breiten abgerundeten MitteI- 
rücken, zu dessen Seiten 2 flache Blutrinnen bis zur Spitze herab- 
laufen. Am Griff ist die Klinge 5 1 /2 cm breit, 11 1 / 2 cm unterhalb 
des Griffs verschmälert sie sich zu 3 1 /1 cm, und bis zu 30 cm 
unter dem Griff verbreitert sie sich dann wieder zu 4 1 /1 cm; am 
Griff ist ihre größte Dicke 9 mm, weiterhin, abgesehen von dem 
Spitzenende, 8 1 /2 mm. 
10 1 /1 cm unterhalb des Griffs ist die Klinge in 2 Stücke zer- 
brochen. Der Bruch ist alt, da die Bruchflächen mit Patina bedeckt 
sind. Ein zweiter Bruch in der Klinge, 3 1 /1 cm unterhalb des 
Griffs, der beinahe die ganze Breite der Klinge durchsetzt, ist da- 
gegen neu und jedenfalls durch einen Spatenstoß erzeugt. Die 
dicken Rostwulste, die namentlich größere Partien der nicht abge- 
bildeten Klingenseite bedecken, entstammen gewiß nicht dem Material 
der Klinge, sondern dem der auf die Klinge gestreiften Ringe, denn 
im ganzen hat das Metall des Schwertes durch Oxydation wenig 
gelitten. Die untern Zweidrittel der abgebildeten Klingenseite zeigen 
auf dem unversehrten Metall eine dünne Schicht dunkelgrüner 
Patina, während die dicken Rostwulste hellgrüne farbe haben. Die 
Länge des Schwertes von der Spitze bis zur Höhe der Knaufenden 
beträgt 60 cm. 
Die meiste Aehnlichkeit weist das Undenauer Schwert mit 
dem von T ütz auf, welches wenig über 61 cm lang ist, nur fehlen 
1) Abgebildet in lissauer, Altertümer der Broftzezeit in der Provinz West- 
preußen usw. Danzig 1891, Taf. 111, Fig. 3. 


. 


- 17 - 



 

 
.
		

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			. 


ihm die vier erhabenen Linien, die bei letzterem an den Seiten des 
Mittelrückens der Klinge der Länge nach herablaufen. 
Lissauer a. a. O. S. 10 bemerkt zu dem Tützer Schwert: "Ein 
ganz ähnliches Schwert wurde in Briesikow bei Frankfurt a. O. 
gefunden (Bastian und Voß 11 3). Schwerter dieses Typus sind 
besonders aus den Pfahlbauten der Westschweiz (Typus von 
Mörigen), aber auch am Rhein, im Rhonegebiet und in Italien be- 
kannt - jedenfalls weist auch dieser Fund auf westliche Be- 
ziehungen unserer Gegend schon während der Bronzezeit hin". - 
Das Werk von Bastian und Voß: "Die Bronzeschwerter des 
König!. Museums in Berlin" ist mir leider nicht zur Hand. In 
Ranke, der Mensch 11. S. 482 Nr. [) ist ein Schwert des Typus von 
Mörigen abgebildet, den Ranke den vollendetsten Schwerttypus der 
Pfahlbauten der Westschweiz nennt. Bei ihm, wie bei dem Tützer 
Schwert, sind Klinge und Griff ohne Nietung zusammengegossen, 
doch haben beide die Fadenlinien der Klinge, die dem Undenauer 
Stück fehlen. Dagegen haben sie mit ihm den Ausschnitt an der 
Klinge und an der untern Grifffläche gemein, nur ist letzterer oben 
nicht spitz, sondern abgerundet. 
Forrer, Reallexikon der prähistorischen etc. Altertümer, Berlin 
bildet auf Tafel 207, Fig. (j ein Bronzeschwert der spätesten Bronze- 
zeit aus dem Funde von Vaudrevanges in Lothringen ab, das 
gleichfalls unsern Typus trägt. Auch bei ihm ist Griff und Klinge 
ein Stück, der Ausschnitt an der untern Griffseite ist mehr zuge- 
spitzt wie bei dem Undenauer Stück. Ebenda auf Tafel 33, Fig. 1 
ist ein Schwert desselben Typus, aber mit angenietetem Griff, der 
spätern Bronzezeit angehörig, aus dem Pfahlbau W olishofen bei 
Zürich abgebildet, bei dem der Ausschnitt an der untern Griff- 
fläche wieder abgerundet ist. 
Endlich bildet Montelius in der Prähistorischen Zeitschrift 
11. Band 1910, 4. Heft in seiner Abhandlung: Der Handel in der 
Vorzeit, S. 263, Abb. 14 ein in Vermland gefundenes Bronzeschwert 
ab, das dem Lindenauer Schwert gleichfalls sehr ähnlich ist. Er 
bemerkt dazu: "Während des achten, neunten und zehnten Jahr- 
hunderts sind aus Mitteleuropa nach dem Norden eine Menge von 
Bronzeschwertern eingeführt. Einige von ihnen haben einen Griff 
wie Abb. 14. Daß solche Schwerter wie Abb. 14 wirklich in 
Mitteleuropa verfertigt sind, wird unter anderem dadurch bewiesen, 
daß man in Bayern eine Gußform für solche Schwerter gefunden 
hat (Abb. 13)." Auch das Vermländer Schwert hat die Fadenlinien 
der Klinge, die auf dem Lindenauer Schwert nicht vorhanden sind. 
Aus den aufgeführten Vergleichsobjekten erhellt, daß das 
Lindenauer Schwert ebenfalls aus dem Süden, aus Mitteleuropa, in 
das NogatdeUa gelangt sein wird. 
2. Die Nadeln mit Spiral kopf. 
In dem Lindenauer fund befinden sich 4 grössere Nadeln mit 
Spiralkopf. Sie sind sämtlich mehr oder weniger defekt. Das 
besterhaUene Stück ist auf Fig. 2 abgebildet. Die Nadeln und 


- J8 -
		

/Pomorze_038_09_031_0001.djvu

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die inneren Spiral windungen haben einen kreisförmigen, die äußern 
Windungen einen rhombischen Querschnitt. 
a (fig. 2). Diese größte Nadel ist wohl erhalten. Sie ist ein 
Prachtstück, es fehlt nur die Nadelspitze. Die Spirale hat 
14 Windungen, 6 innere mit kreisförmigem, 8 äußere mit rhom- 
bischem Querschnitt. Der Durchmesser des Spiral kopfs beträgt 15 
cm. Die Länge der Nadel 26 cm. Größter Durchmesser des 
Querschnitts der äußersten Windung 1 cm. 
b. In der äußersten Spiralwindung fehlt ein Stück, ebenso 
das Nadelende, von der Nadel sind 24 cm erhalten. Durchmesser 
des Spiralkopfs 13 cm. 4 innere Windungen mit kreisförmigem, 
6 äußere mit rhombischem Querschnitt. Die Bruchflächen an der 
letzten Windung sind neu. 
c. Das Nadelende fehlt. Länge des erhaltenen Nadelstücks 
15 cm. Durchmesser des Spiralkopfs 10 cm. Die äußerste Spiral- 
windung ist an einer Stelle durchbrochen. 3 innere Windungen 
mit kreisförmigem, 7 äußere mit rhombischem Querschnitt. Die 
Bruchflächen sind neu. 
d. Die Nadel fehlt ganz. Von dem Spimlkopf sind nur 4 
äußere Windungen mit rhombischem Querschnitt erhalten, von 
denen die vorletzte auch noch an einer Stelle durchbrochen ist. 
Größter Durchmesser der äußersten Windung 11 cm. Die Bruch- 
flächen sind neu. 
3. Die Armspiralen. 
Diese sind von den Arbeitern übel behandelt, denn sie sind 
in 5 Stücke zerbrochen. 
In fig. 3 sind die beiden größten Stücke, die aneinander- 
passen, zusammengestellt. Es gehören zu der dann vollständigen 
Spirale aber nur 15 Windungen, von oben gerechnet, die an beiden 
Enden spitz auslaufen. Die untersten 2 J / 2 Windungen gehören zu 
einer zweiten Armspirale, welche mit ihrer oberen Hälfte in der 
ersten so fest eingerostet steckt, daß sie daraus nicht entfernt 
werden kann. Sie ist, wie die Abb. zeigt, unten abgebrochen. Die 
Bruchfläche ist neu. 
In der ersten Armspirale stecken von der zweiten 7 Windungen 
die oben in eine Spitze auslaufen, mit den 2 1 / 2 aus der ersten 
Spirale hervorragenden sind es 9 1 / 2 vorhandene Windungen. Die 
erste Armspirale hat oben einen grössten Durchmesser von 8 cm, 
in der Mitte von 8,4 cm, die zweite oben einen solchen von 7 cm, 
unten von 7,5 cm., sie ist also kleiner als die erste. Es sind nun 
aber noch 3 fragmente vorhanden, die nicht abgebildet sind und 
deren Bruchflächen neu sind. 
Diese haben zusammen noch etwa 6 Windungen. Da der 
grösste Durchmesser ihrer Windungen aber durchweg 8 cm mißt, 
so scheinen sie zur zweiten Armspirale nicht zu passen, sondern 
von einer dritten herzurühren, von welcher das Meiste fehlt. Dieser 
Umstand und der andere, dass die erste und die zweite Almspirale 
wegen ihrer verschiedenen Größe auch kein Paar ausmachen, 
weisst wohl ebenfalls darauf hin, daß man es mit einem von einem 


- 19 -
		

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Händler zusammengekauften Gießerfund zu tun hat. Die Breite 
des Bronzestreifens, der innen glatt, außen wenig gewölbt ist, 
beträgt bei allen Stücken ca. I CI11, seine Dicke 2 mm. Wie bei 
dem Schwerte ist die obere Schicht der Patina hellgrün, die untere 
dunkel -, meist schmutzig grün. Unter der Patina ist das gold- 
gelbe Metall noch gut erhalten. 
4. Die Hohlringe. 
Es sind drei vorhanden, 2 abge bildet auf fig. 4a und 4 b. 
Die abgebildetcn Ringe sind an verschiedenen Stellen beschädigt, 
der dritte ist in 3 Stücke zerbrochen und an einer Stelle stark zer- 
trümmert. Es sind sog. Stöpselringe, wie die aus Alknicken, Kr. 
fisch hau sen, die in "Analysen vorgeschichtlicher Bronzen, heraus- 
gegeben von A. Bezzenberger, Königsberg i. Pr. 1904-", S. 61) genau 
beschrieben sind. Das eine Stück ist dort auf fig. 77 abgebildet. 
Die Undenauer Ringe stimmen mit dcn Alknicker, auch in der 
Größe, fast genau überein. "Es sind kreisrunde Hohlringe von 
rundem Querschnitt (fig. 4a, 4b). Sie bestehen aus 2 Teilen, die 
als hohle Zylinder gegossen und also nicht geschlitzt sind. Der 
eine Ring 4 b ist durch Oxydation fest geschlossen, während der 
andere 4a sich auseinander nehmen läßt. Der eine Teil desselben 
bildet genau einen Halbkreis. Der andere dagegen greift an beiden 
Enden über das Maß eines solchen mit einem kleinen hohlen 
Zylinder hinaus, der 1,7 cm lang ist, der Querschnitt einen lichten 
Durchmesser von 1,5 em bei 2 mm Wandungsstärke hat und der 
je in eine der Oeffnungen des ersten Halbrings paßt. Diese 
vorspringenden kleinen Zylinder reichen um ein weniges in ihren 
eigenen Halbring zurück, sind aber nicht etwa in seine Oeffnungen 
gedrückt, sondern durch Guß mit ihm vereinigt. Die Wandungs- 
stärke beider Teile ist gleich (1,5 mm). Die Enden des einen Teils 
und die in sie eindringenden kleinen Zylinder sind vertikal durch- 
bohrt (zur Aufnahme eines Verschlußstiftes)". Soweit stimmen die 
Alknicker mit den Undenauer Hohlringen in ihrem Bau überein, 
doch haben diese nicht die "niedrige umlaufende Rippe" in ihrem 
Innern, auf welche bei jenen die eingeschobenen kleinen Zylinder 
stoßen. 
Die Lindel11uer Hohlringe sind untereinander nicht ganz gleich 
groß. Zwar beträgt bei 4a der lichte Durchmesser 8,8 cm, wie bei 
4 b, dagegen der lichte Durchmesser des Querschnitts 2,1 cm bei 
4a, I,R cm bei 4b. Der dritte Hohlring scheint genau die Größe 
von 4b zu haben. Von der Patina, soweit diese nach dem oben 
erwähnten Abputzen noch vorhanden ist, gilt dasselbe wie von der 
Patina des Schwertes und der Armspiralen. Wo sie dicker aufliegt, 
ist sie rauh Die Bruchflächen an allen Hohlringen, mit Ausnahme 
einer 9 cm langen Stelle an dem dritten, wo ein Stück ganz fehlt, 
sind neu. 
5. Die beiden massiven Halsrin
e. 
a. Der auf fig. 5 abgebildete Halsring hat nur einige nicht 
bedeutende Beschädigungen. Der lichte Durchmesser beträgt 19 1 /1 c
, 


- 20 -
		

/Pomorze_038_09_033_0001.djvu

			der Durchmesser des Querschnitts 1,5 cm. Der Ring ist geschlossen. 
b. Von dem zweiten Ringe sind drei aneinanderpassende 
Stücke vorhanden, ein viertes - , Schlußstück, etwa in der Länge von 
10 cm fehlt. Der lichte Durchmesser mag etwa 19 cm betragen, 
der Durchmesser des Querschnitts 1,2 cm. Er ist etwas dünner als a. 
Patina wie bei den vorigen Objekten. Bei beiden Ringen hat 
die Oxydation an einigen Stellen kleine nicht tief gehende Löcher 
gebildet, die Bruchflächen an den Stücken des zweiten Ringes sind 
neu, das vierte - ,Schlußstück, ist jedenfalls an der fundsteIle ver- 
loren gegangen. 
Der Undenauer Bronzefund trägt im Museumskatalog die 
Nummer 1712 (a--e). 
Da mir die Nadeln mit Spiralkopf, die Armspiralen und die 
Halsringe erheblich später zu sein schienen als das Schwert, so 
sandte ich eine Photographie der Tafel mit den Abbildungen und 
ausführliche Mitteilungen über die Beschaffenheit der fundstücke 
an meinen verehrten freund H. Kemke in Königsberg mit der 
Bitte um ein Gutachten, betreffend die Datierung des fundes. 
Dieses erhielt ich erst kürzlich, als meine Beschreibung des 
Schwertes bereits gedruckt war. Ich lasse daher dieses Gutachten, 
für das ich Herrn Kemke auch an dieser Stelle meinen wärmsten 
Dank ausspreche, nachstchend wörtlich und vollständig abdrucken. 
"Die Datierung des fundes macht einige Schwierigkeit, da 
das Schwert offenbar älter ist als die anderen Sachen. Die letzteren 
gehören doch frÜhestens der Periode M. VI an, aber wie ist es 
mit dem Schwerte? Wir mÜssen untersuchen, wie alt es sein kann. 
Es gehört nach der form des unteren Griffabschlusses der Gruppe 
der sog. Ronzanoschwerter an, einem Typus, der (vergl. Hoernes 
Urgeschichte des Menschen, Wien 1892 p. 383) auch Möriger- 
oder Rhöneschwert genannt wird und zu welchem alle von Ihnen 
citierten Schwerter gehören, auch das Tützer Schwert, das von 
Lissauer falsch datiert worden ist. Der starken Erweiterung der 
Griffmitte wegen gehört das Lindenauer Schwert aber eher zu den 
sog. Antennenschwertern, deren Knauf mit zwei mehr oder weniger 
stark eingerollten Voluten versehen ist und die die starke Verdickung 
der Griffmitte häufiger zu zeigen scheinen. Da beim Lindenauer 
Schwert die Voluten fehlen, könnte es vielleicht ein sehr spätes 
Antennenschwert sein, dem man keine Voluten mehr gab - für 
diese Möglichkeit spricht vielleicht der von Ihnen bemerkte starke 
Grat längs der Mitte der oberen Knauffläche, falls er nicht etwa die 
stehen gebliebene, nicht abgeputzte Gußnaht 1) ist, was ich hier 
nicht entscheiden kann; an und für sich wäre eine solche orna- 
mentale Leiste als Ueberbleibsel einer früher an solcher Stelle 
getragenen Verzierung ja nicht undenkbar, da ähnliches sehr häufig 
beobachtet worden ist. 
Sowohl die Ronzano- wie die Antennenschwerter gehören 
zur älteren Hallstattzeit, welche (vgl. Reinecke Prähistorische Varia IX, 
Corr. Blatt d. anthrop. Ges. 1902 S. 18 in der Tabelle unten links), 
1) Der Grat ist nur flach und ni ch t eine nicht abgeputzte Gußnaht. Dorr. 


- 21 -
		

/Pomorze_038_09_034_0001.djvu

			Mont. IV und zum teil V. umfasst Diese bei den Perioden sind 
oft schwer auseinander zu halten; ich richte mich im folgen- 
den nach Montelius, nicht nach Reinecke, der zwar mit der Naue- 
schen Schwertertypologie endgültig aufgeräumt hat, aber in den 
Zeitansätzen noch über Montelius hinausgeht. Ich setze dabei als 
bekannt voraus, daß Montelius im jahre 1892 die ältere Datierung 
seiner bronzezeitlichen Perioden durch eine neue ersetzt hat, in 
welcher M. IV die Zeit von 1050-850, V 850-650, VI 650-500 
bedeutet, auf welche er die Zeit von 500--300 als 1. Periode der 
nord. Eisenzeit folgen läßt (vgl. Mont. "Öfversigt öfver den nordiska 
forntidens perioder" in d. Svenska fornminnes föreningens Tidskrift 
VIII p. 127 ff). 
Die ältere Hallstattzeit ist also die Zeit von 1050-750, oder 
in runden Zahlen die Zeit von 1000-700. So werden wohl die 
Worte von Mont. in der Präh. Zeitschrift 11 p. 262 zu verstehen 
sein, wo er sagt, daß "während des a
hten, neunten und zehnten 
jahrhunderts" aus Mitteldeutschland eine Menge von Bronze. 
schwertern nach dem Norden eingeführt sei und zwar einige von der 
form wie seine Abb. 14 (Schwert aus Vermland), andere wie die 
Abb. ]5 (Schwert aus Seeland) und noch andere mit anderer Griff- 
form; das Schwert aus Vermland ist ein Ronzano-, das Seeländer 
ein Antennenschwert. Mont. scheint (vgl. seine grundlegende 
Schwertarbeit "Sur les poignees des epees et des poignards en 
bronze", Compte rendu des Stockholmer Congresses von 1874, 
Stockh. 1876 Tome 11 p. 882- 923) beide Typen für gleichaltrig zu 
halten, was Reinecke ja auch tut. Sie gehören seiner V. Periode 
an, was er hinsichtlich des Ronzanotypus genauer begründet hat, 
so in der Abhandlung "Ett i Sverige funnet fornitaliskt bronskärl" 
in d. Sv. fornminnesfören. Tidskr. XI p. 105 H. Als Beispiele gibt er 
dort die nachher in der Präh. Zeitschr.1I p. 262 als fig. 13 und 14 abgebil- 
deten Stücke, fig. 14 aber mit andrer fundangabe, nämlich als 
Schwert von Noppari, finnland, das dem im Text gleichfalls 
erwähnten Schwerte aus Vermland aber ganz gleich ist. 
M. V ist nach der Datierung von H!92 die Zeit von 850-(i50, 
also das 9.-7. jahrhundert. DaB aber für diese Schwerter noch 
eine nähere Zeitangabe möglich ist, zeigt der oben erwähnte fund 
aus finnland, wo ein Ronzanoschwert zusammen gefunden ist mit 
einer nord. Plattenfibel vom Typus der fig. 128 in Mont. "Tids- 
bestämning inom.. bronsälderen", und von diesem fibeltypus sagt 
Mont. in seiner "Ofversigt" (Sv. ffs. Tidskr. VIII p. ].10), daß er der 
2. Hälfte der Periode V angehöre, also der Zeit von 750-H50. 
Das Lindenauer Schwert könnte nur dem Anfang oder dem Ende 
dieses Zeitraums (750 - 650) angehören. Daß es dem Ende ange- 
hören muß, zeigt der von Ihnen hervorgehobene, auf der Photo- 
graphie nicht sichtbare Umstand, daß die auch auf dem Griff der 
Antennen-Schwerter vorhandenen stark hervortretenc1en Ringwülste 
auf dem Lindenauer Schwert nur durch vertiefte Linien I) ange- 


. 


J) Es sind flachconvexe, jetzt kaum noch hervortretende Reifen, zwischen 
denen flache Vertiefungen liegen. Dorr. 


22 -
		

/Pomorze_038_09_035_0001.djvu

			deutet sind - ein ornamentaler Zug, der für eine etwas spätere 
Entstehung sprechen dürfte. Gehört das Lindenauer Schwert wirk- 
lich erst der Zeit um 650 an oder ist es gar noch etwas jünger, dann 
steht es den anderen Bestandteilen des fundes zeitlich so nahe, daß von 
einem auffallenden Zeitunterschied kaum gesprochen werden kann. 
Der Depotfund von Lindenau gehört also mit einiger Wahr- 
scheinlichkeit der Periode M. VI an; nach Mont. Datierung derselben 
von 1892 würde es sich also um das 7. od. 6. jahrh. v. Chr. handeln. 
Damit könnten wir uns vorläufig zufrieden geben. Es lässt sich 
freilich noch eine ganze Reihe von fragen aufwerfen, die aber hier 
zu weit führen würden. Der fund von Lindenau ist nicht der 
einzige seiner Art Eine umfassende Bearbeitung der ganzen fund- 
gruppe, die in chronologischer Hinsicht sehr nötig ist, wäre sehr 
erwünscht. Es ist nämlich nicht sicher, ob M. VI oder erst die 
frühlatene (500-300) für diese preussische Gruppe in frage kommt. 
Auch ist es fraglich, ob Tischler die zeitliche Rückwärtsdatierung 
der M.'schen Perioden mitgemacht hätte. (Ob Lissauer sich ihr 
später angeschlossen hat, weiß ich momentan nicht). Klar ist die 
Sache jedenfalls nicht und bedarf daher eingehender Untersuchung. 
Die Schwerter machen die meiste Mühe. H. Kern k e." 


Schlussbetrachtung. 
Das Weichsel-Nogat-Delta, wenn man dazu das ganze 
Niederungsgebiet zwischen den Danziger-, Dirschauer-, Marien- 
burger-, Christburger- und Elbinger Höhen rechnet, hat einen 
flächeninhalt von etwa 1250 Quadratkilometern und ist größer als 
das fürstentum Lippe. Bis zum Durchbruch der Weichsel bei 
fordon (etwa 3000 v. Chr.) war es eine Meeresbucht, aus der 
einige diluviale und altalluviale Inseln hervorragten, die z. T. bereits 
in der Steinzeit bewohnt gewesen sind. Bis in die neueste Zeit 
hinein war man allerdings anderer Meinung. Man glaubte, daß 
erst nach der Eindeichung der Mündungsarme durch die Ordens- 
ritter das Delta besiedelt worden sei. Doch diese Auffassung 
musste ganz aufgegeben werden, als in den'SOer jahren des vorigen 
jahrhunderts in dem eigentlichen Delta zwischen Weichsel und 
Nogat und östlich von der letzteren immer mehr vorgeschichtliche 
funde zu Tage kamen, die Lissauer und Conwentz in einer 
besonderen Publikation mit zahlreichen Abbildungen veröffentlichten") 
Es kann auf den Inhalt dieser interessanten Schrift hier nicht 
näher eingegangen werden, aber sie zeigt, daß die diluvialen Erhe- 
bungen bereits in der Steinzeit Bewohner gehabt haben, daß aber 
auch eine Anzahl altalluvialer Hügel in vorgeschichtlicher Zeit vom 
Menschen besiedelt waren, wie einige La Tene-funde, dann aber 
besonders solche alls der römischen und der Burgwall-Periode 
dartun, nur die Hallstattzeit ging zunächst leer aus, abgesehen von 
einer Schwanenhalsnadel aus Schöneberg a. d. W. 


1) Das Weichsel-Nogat-Delta von Dr. Lissauer und Dr. Conwentz in den 
Schriften der Naturforschenden Gesellschaft zu Danzig. N. f. Bd. IV. H. 3. 


- 23 -
		

/Pomorze_038_09_036_0001.djvu

			Da brachte das jahr 1899 den ersten größeren Hallstattfund, 
den von Schönwiese (Kr. Marienburg), östlich der Nogat. 1 ) Dieser 
Depotfund enthielt nur Bronzen, alle Stücke vorzüglich erhalten: 
2 Ringhalskragen, 1 Brillenfibel mit Tutulusköpfen, Armspiralen, 
Ringe usw. Diesem wichtigen funde stellt sich jetzt der Linde- 
nauer ebenbürtig zur Seite, der dadurch noch ein besonderes 
Interesse hat, daß er aus dem eigentlichen Delta stammt. Er ist 
der ältere und reicht, wenn man ihn so spät als möglich ansetzt, 
durch das Schwert mindestens bis in die Mitte des letzten vor- 
christlichen jahrtausends zurück. 
Die Objekte des Schönwieser- sowohl, wie des Lindenauer 
fundes sind aus dem Süden durch Vermittlung des Handels in das 
Weichsel-Nogat-Delta gelangt, und man darf wohl annehmen, daß 
sie gegen preußischen Bernstein eingetauscht wurden. Es gab 
daher um 500 v. Chr. eine Handelsstraße, von Süden kommend, 
die über das Delta am Rande der Christburger Höhen, über die 
vorgeschichtliche Sorgebrücke, um den Drausen herum am Rande 
der Elbinger Höhe und längs dem Strande des frischen Haffs nach 
dem Samlande, dem Hauptfundorte des preußischen Bernsteins 
führte. Montelius schreibt: "Wir haben gesehen, daß der Bern- 
stein handel lange Zeit hauptsächlich von der jütischen Halbinsel 
ausging, aber in der Mitte des letzten vorchristlichen jahrtausends 
trat hierin eine Veränderung ein, da nach dieser Zeit die eigentliche 
Ausfuhr von dem preußischen Bernsteingebiet um die Weichsel- 
mündung stattfand.":!) 
An der vorhin genannten Bernsteinhandelsstraße liegt, noch 
vor dem Sam lande, die ostpreußische Stadt Braunsberg. Dort sind 
zwei Bronzeschwerter gefunden worden, die dem Lindenauer Schwert 
ungefähr gleichaltrig sind und gleichfalls aus dem Süden stammen.3) 
Wenn dieser Handelsweg um 500 v. Chr. vorhanden war, 
dann hatte man zum mindesten in den südlichen Küstengebieten 
der Ostsee Kenntnis von dem Vorhandensein des preußischen 
Bernsteinlandes, zumal damals doch wohl eine wes t I ich e 
Handelsstraße 4 ) von der Weichselmündung durch Pommern 
und Mecklenburg nach Holstein und der Elbmündung führte, und 
dann mochte sehr wohl der Massaliote Pytheas, ein Zeitgenosse 
Alexa !:,d ers des Großen, der über die Weser- oder Elbmündung 
1) Beschrieben im "Amtlichen Bericht des Westpr. Provinzialmuseums 
1899". S. 39-41. 

) Montelius, der Handel der Vorzeit. Prähist. Zeitschrift. 11. B. 4. 
Hft. 1910, S. 291. 
S) Hollack, Erläuterung-cn zur Vorgeschichtlichen Uebersichtskarte von 
Ostpreußen. Glogau-Berlin 1908. S. 18. 

) Diese Handelsstraße führte von der W eie h seI m ü n d LI n g zunächst 
in den Kreis Putzig, wo bei Lo e b sch ein Antennenschwert gefunden ist, bei 
Kr 0 c k 0 weine bronzene Schwertklinge, dann nach Pommern in den Kreis 
Lauenburg, wo bei Me r si n k e ein schönes Antennenschwert, bei M er si nein 
Antennendolch zum Vorschein kam. Weiterhin führen Hallstattfunde über 
Stolp, Schlawe, Köslin, nicht fern dem Meere, weiter nach Westen. Lissauer, 
Altertümer der Bronzezeit in der Provinz Westpreußen, 1891, etc. Tafel VII, 
Abb. 7, 11, 12, 13; Lissauer, die Prähistorischen Denkmäler der Provinz West- 
preußen, 1887, Tafel lII, Fundkarte. 


24 -
		

/Pomorze_038_09_037_0001.djvu

			wohl nicht weit hinausgekommen sein wird, dort von dem Sam- 
lande als dem Ausfuhrgebiet des Bernsteins hören, und dann wärc 
die bekannte Stelle des Plinius auf Altpreußen zu bcziehen. Diese 
lautet folgendermaßen: 
Nat. hist. XXXVII, 2. 
Pytheas Gutonibus Oermaniae gente adcoli aestuarium Meto- 
nomon nomine ab oceano spatio stadiorum sex milium, ab hoc 
diei navigatione abesse insulam Abalum, i1\0 per ver (sucinum) 
fluctibus advehi et esse concreti maris purgamentum, incolas pro ligno 
ad ignem uti eo proxumisque Teutonis vendere. 
Unter oceanus kann dann nur die Nordsee verstanden werden. 
Von dieser ist das aestuarium Metonomon 6000 Stadien = 
1110 km entfernt. Die Luftlinie zwischen Weichsel- und Weser- 
mündung mißt 700 km. Rechnet man die Hälfte dieser Strccke auf 
Krümmungen des Weges, dann kommt man auf die Schätzung 
des Pytheas. Rechnet man ferner auf eine Tagefahrt 5UO Stadien 
(12 1 / 2 Meile), so erhält man die Entfernung von der Mitte des 
heutigen Weichseldelta bis zum Samland, so daß das Exempel auch 
hier stimmt. 
Die obige Lesart war die frliher allgcmein bekannte, die auch 
Zeuss Und MÜllenhof noch annahmen. In der neucn Ausgabe des 
37. Buchs der Naturalis historia von Mayhoff J
97, Vol. V, S. 3!1i) 
ist eine abweichende gebracht, der ich die obige heute vorziehc. 
Die Insel Abalus wäre also das Samland und das aestu- 
arium Metonomon des Pytheas wäre das Weichsel-Nogat- 
De !ta. Als seine Anwohner, die Goten, abzogen, rückten die Oe- 
piden nach, und es hieB nl1n, wie Jordanes berichtet, Gepedoios 
(Oepidenau). Warum man die Weichsel-Nogat-Niederung auch ein 
aestuarium nennen kann, darüber habe ich 189-1 an einer anderen 
Stelle ausführlich gehandelt. Ich muss hier darauf verweisen. I) 


Zur Lösung des Fermatproblems. 
Von Rechnungsrat Re u t e r - Pollnow. 
1. Das Problem lautet: 
"Es ist ganz unmöglich, einen Kubus in zwei Kuben, ein 
Biquadrat in zwei Biquadrate und allgemein irgend eine Potenz 
aulier dem Quadrate in zwei Potenzen von demselben Exponenten 
zu zerfällen. Hicrfür habe ich einen wahrhaft wunderbaren Beweis 
entdeckt, aber der Rand ist zu schmal, ihn zu fassen". 
Dieser Satz ist der berlihmteste von allen, welche die Wissen- 
schaft fermat verdankt. Wie es sich mit jenem wirklichen oder 
vermeintlichen Beweise fermats verhielt, gehört zu den unlösbaren 
Rätseln. 
Das fermatsche Problem wäre jetzt nicht in aller Munde, 
wenn nicht der in Darmstadt verstorbene Mathematiker Dr. P. 
--- 
I) R. Dorr, Uebersicht über die prähistorischen funde im Stadt- und 
l.andkreise Elbing. 11. Teil. Elbing 1894. Beilage zum Programm des 
Elbinger Real-Gymnasiums. Darin der Abschnitt: "Die Bernsteininsel der 
Alten". S. 80-84. 


- 25 - 


-
		

/Pomorze_038_09_038_0001.djvu

			Wolfskehl eine Summe von 100000 Mk. der Göttinger Gesell- 
schaft der Wissenschaften vermacht hätte, mit der Bedingung, diese 
Summe als Preis für die Lösung des fermatschen Problems aus- 
zusetzen. Nach den festsetzungen der Göttinger Gesellschaft der 
Wissenschaften muß die Lösung in einer Zeitschrift oder als Buch 
erscheinen, eine Prüfung von Manuskripten lehnt die Gesellschaft 
ab. Die Zuerkennung des Preises kann frühestens 2 Jahre nach 
Erscheinen der Arbeit geschehen. 
2. Di e Lös ung. 
Daß es ganz unmöglich ist, einen Kubus. in zwei Kuben, ein 
Biquadrat in zwei Biquadrate zu zerfällen, lehrt uns ein einfacher 
Versuch; teilen wir den Kubus 6 3 =216 in 2 Teile, so erhalten wir 
108=4. 33; teilen wir 6 4 =1296 in zwei Teile, so erhalten wir 
648=8. 4 3 . 
Was an diesem Beweise wahrhaft wunderbar ist, ist nicht er- 
sichtlich, würde es aber sein, wenn der Versuch der Teilung fort- 
gesetzt worden wäre. 
Bei der Teilung des Kubus 6 3 =216 durch 2 erhielten wir 
108= 4. 3 3 , teilen wir ihn durch 2. 4=8, dann erhalten wir den 
Kubus ;J3=27. Bei der Teilung des Biquadrats 6 4 =1296 durch 2 
erhielten wir 648=8. 3 4 , feilen wir es durch 2. H= I 0, dann erhalten 
wir das Biquadrat 34.=81, und kommen darauf, daß die Teilung 
des ursprünglichen Kubus, Biquadrats usw. nicht durch 2, sondern 
je nach ihrer Art durch einen Kubus, ein Biquadrat usw. erfolgen 
muß, um wieder einen Kuhus, ein Biquadrat usw. zu ergeben, 
z. B.: ti!i = 7776 : 32 = 243 = 3 5 . 
Ij6 = 4t.iü56 : 64 = 729 = 3 6 . 


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Verantwortlicher Herausgeber: Professor Arthur Semrau in Thorn. 
Druck der Buchdruckerei der Thorner Ostdeutschen Zeituna. O. m. b. H. In Thorn. 
- 26 -
		

/Pomorze_038_09_039_0001.djvu

			.} 


Mitteilungen 
des 
Coppernicus - Vereins für Wissenschaft und Kunst 


zu 


Thorn. 


21. Heft. 


Juni 1913. 


Nr. 2. 


Inhalt: 
Sitzungsberichte S. 27. - Art h urS e m rau, Forschungen zur Bau- 
geschichte der Johanniskirche in Thorn von 1250 bis 1500 5. 28. 


Sitzungeberichte. 
(Auszug). 
Monatssitzung am 21. April 1913. 
Es wurde mitgeteilt, daß die Blbliothtk aus dem Rathause in 
die vom Magistrat zur Verfügung gestellten Räume 
Copptrnlcusstr. 12, 1 Treppe 
verlegt ist. 
Der Schatzmeister, Herr Kaufmann fr i tz Kor des, legte die 
Rechnung fiir das abgelaufene Geschäftsjahr' ]912/13 vor. Die 
Rechnung schließt in Einnahme und Ausgabe mit 2891,81 Mk. bei 
einem Kassenbestande von 330,38 Mark. 
Der Haushaltsplan für 1918/14, der in Einnahme und Aus- 
gabe mit 2190,38 Mark abschließt, wurde von der Versammlung 
angenommen. 
In die Museumsdeputation wurden für 1913/14 die Herren 
Professor D r. Groll mus, Pfarrer Heu er und Professor Sem rau 
gewählt. 
Seinen Austritt erklärte Herr Oberlehrer Pa u lOs t wal d, als 
ordentliches Mitglied wurde gewählt Herr Gymnasialdirektor 
D r. K a n t er. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder beträgt daher 
wie im Anfange des Geschäftsjahres 100. 
Herr Gymnasialoberlehrer Boi e hielt den Vortrag über 
"Die Lebensphilosophie Laotses". 
Monatssitzung am 22. Mai 1913. 
Dem Schatzmeister, Herrn Kaufmann fr i tz Kor des, wurde 
die Entlastung erteilt. 
Herr Oberlehrer Weil me r wurde als ordentliches Mitglied 
gewählt. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder beträgt daher 101. 
Den Vortrag hielt Herr Rektor Sc h ü I e r über "Richard 
Wagner als Erzieher". 


- 27 -.
		

/Pomorze_038_09_040_0001.djvu

			Forscbuogen Zur ßaugescbichte der Jobanniskirche in Tllorn 
von 1250 bis 1500. 
Von Arthur Semrau. 
Von allen Thorner Kirchen hat die Kirche zu S. johann die 
am wenigsten geklärte Baugeschichte. Es scheint daher geboten, 
das Material, das bisher nur teilweise oder garnicht benutzt worden 
ist, zusammenzutragen, um dadurch ein möglichst vollständiges 
Bild der Baugeschichte zu erhalten; die etwa bleibenden Lücken 
mögen dann die Architekten durch die Untersuchung des Bau- 
werkes selbst auszufüllen versuchen. Wir wollen der besseren 
Uebersicht halber die Geschichte des Kirchenbaues nach deutlich 
erkennbaren Abschnitten behandeln. 
I. 
Die Erbauung der Kirche im 13. Jahrhundert. 
Heise nimmt zwar durchaus glaubhaft an, daß der erste 
Massivbau der johanniskirche nach Erstarkung der Stadt und 
Sicherung nach außen entstanden sei, geht aber wohl fehl, wenn 
er den Beginn des Baues erst um das jahr 1260 ansetzt 1). Denn 
schon in den fünfziger jahren blüht die Stadt zusehends empor: 
1251 wird ihre Handfeste erneuert, 1252 gewährt Herzog Sam bor 
von Pommerellen den Thorner Bürgern Zollfreiheit in seinem Lande, 
1258 verleiht der B
schof Wolimir von Leslau der Stadt Wald und 
Aecker in Mocker, und endlich 1259 erlaubt der VicelandmeisterGerhard 
von Hirzberg der Stadt, ein Kaufhaus zu bauen 2 ). Gewiß war der 
Schultheiß Hermann (von Vorst), der in dieser Zeit regierte - Rat 
und Gericht waren damals noch nicht getrennt - und in Urkunden 
von 1251 bis 1262 genannt wird, ein umsichtiges und tatkräftiges 
Stadtoberhaupt 3 ). Außer jenen Tatsachen spricht auch die 1
64 
vollzogene Gründung der Neustadt für eine schnelle Entwickelung 
der Altstadt. 
Nach Heises Vermutung begann der Bau des Thorner Ordens- 
schlosses um 1240 4 ). Wahrscheinlich wurde um diese Zeit auch 
der Ausbau der Stadtbefestigung in festem Material begonnen, so 
daß die Stadt etwa um 1250 gesichert dastand!»). So glauben wir 
mit einiger Sicherheit vermuten zu dürfen, daß um 1250 der Grund- 
stein für den Massivbau der Pfarrkirche zu S. johann gelegt 
wurde. Unterstützt wird unsere Vermutung durch die Tatsache, 
daß am Be ginne der fünfziger jahre auch an dem Massivbau der 
1) Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Westpreußen. Heft VI und 
 
VIl S. 257. In der Anm. 515 setzt er ohne ersichtlichen Grund den Beginn I 
des Baues erst nach dem Brande, der die Stadt zur Zeit des landmeisters 
ludwig von Baldersheim (1263-69) vernichtet haben soll. 

) Ratsarchiv Kat. I Nr. 1, 2, 3 und 4. 
S) Ohne Grund macht Prätorius aus. der 4fachen Erwähnung 4 verschiedene 
Persönlichkeiten. Thomer Ehrentempel S. I. 
') Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 225. 
6) Nach Heise war die Stadtumwehrung im wesentlichen nach der Mitte 
des 13. Jahrh. vollendet. Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 218. 


- 28 - 



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			am 22. juli 1251 gestifteten Kathedralkirche zu Culmsee gearbeitet 
wird 6 ). Der Chor wurde zuerst errichtet, und er mag 1257 schon 
vollendet gewesen sein. In diesem jahre wird die Pfarrkirche 
(ecclesia parochialis) zum er s t e n Mal e erwähnt. In einer am 
30. November dieses jahres in der PFarrkirche stattfindenden Ver- 
handlung bestimmte die Thorner Bürgerin Kunigundis, Ehefrau des 
Konrad von Posen und Witwe des johann Turbatsch, in Gegen- 
wart des Landmeisters Gerhard von Hirzberg und anderer Zeugen 
50 Mark Silber für das Seelenheil ihres verstorbenen Mannes und 
für ihr eigenes?). 
Der Weiterbau der Kirche wurde wahrscheinlich für einige 
Zeit unterbrochen durch den Bau des Kaufhauses (domus Forensis), 
zu dem wie erwähnt 1259 die Erlaubnis erteilt worden war. 
Im Oegensatze zu Heise, der die Vollendung des Kirchen- 
baues nach einer, wie wir unten nachweisen werden, falsch ver- 
standenen Urkunde gegen die .Mitte des 14. jahrhunderts ansetzt,!!) 
sind wir der Ansicht, daß die Kirche vor 13UO, vielleicht schon in \ 
den 70er jahren oder, wenn in dieser Zeit die Erbauung der Kram- 
und Brotbänke (1274) und der Ratswage (1279) die Arbeit unter- 
brachen, in den 80er jahren des 13. jahrhunderts vollendet wurde. 
Das ursprüngliche Langhaus bestand ja nach Heise nur aus einer 
dreijoclligen dreischiffigen Halle, vor der ein Mittelturm vorsprang 9 ), 
und war ein Gebäude von mäßigen Verhältnissen. Die Bauzeit für 
das Altarhaus und Querhaus an der Kathedralkirche zu Culmsee 
betrug höchstens 12 jahre (1251-1263). für den Bau der ganzen 
johanniskirche wird also eine Bauzeit von 30--40 jahren ausge- 
reicht haben, da Hindernisse nicht in den Weg traten. . 


11. 
Die Bautätigkeit im J 4. und Anfange des 15. Jahrhunderts. 
a) Die Z e i t von c. 1320 bis zum Brande 1351. 
Der Neubau der Sakristei und Beginn des Kapellenbau.es. 
Auch alle einschlägigen Nachrichten, die wir aus der ersten 
Hälfte des 14. jahrhunderts erhalten, sprechen eher dafür, daß die 
Kirche zu St. johann im 13. jahrhunderte vollendet wurde. ;"" 
Die Erweiterung der Rechte der Neustadt durch Konrad Sack, 
Landmeister von Preußen, am 16. April 130310) steht anscheinend 
in einem ursächlichen Zusammenhange mit der Oründung der neu- 
städtischen PFarre zu S. jakob, die nach einer glaubhaften, wenn 
auch nicht sicher verbürgten Nachricht 1304 erfolgte 11). Diese 
6) Urkundenbuch des Bisthums Culm Nr. 29 und 34. 
7) Preußisches Urkundenbuch. Pol. Abt. Bd. I. Zweite Hälfte Nr. 37. 
B) Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 257. 
9) Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 257. 
10) Preußisches Urkundenbuch. Politische Abteilung I 2 Nr. 797. 
11) Wernicke, Die Kirchen der Stadt Thorn nennt dieses Jahr auf Grund 
eines am 11. August 1789 aufgenommenen Visitations-Rezesses. Handschrift 
im Ratsarchiv. 


- 30 -
		

/Pomorze_038_09_043_0001.djvu

			Gründung wäre aber wohl nicht vollzogen worden, wenn die Bau- 
arbeiten an S. johann nicht zum Abschlusse gekommen wären. 
Das altstädtische Pfarrhaus (domus plebani sancti johannis) wird 
zuerst in einer Urkunde vom 25. januar 1306 erwähnt 12). 
Die Stiftungen, die in dieser Zeit von frommen Leuten für ihr 
Seelenheil gemacht wurden, gedenken eines Baues an der Kirche 
nicht, so z. B. die des Matl1ias von Guben, die am 29. September 
1305 beurkundet wird I	
			

/Pomorze_038_09_044_0001.djvu

			dIe Kirche im Bau gewesen wäre. Der erste mit einiger Sidierheif 
von Schmid nachgewiesene Bau aus dem 14. jahrhunderte ist die 
Vergrößerung der Sakristei. Aus den formen der Gewölbe und 
aus dem Material der Konsolfiguren schließt Schmid, daß die gegen- 
wärtige Sakristei in den jahren 1310-1320 erbaut wurde 20 ). 
Das gesteigerte kirchliche Leben, das sich hier vor der Mitte 
des 14. jahrhunderts zu regen begann und sich besonders in der 
Stiftung der Seelenmessen äußerte, führte, da die Kirchengebäude 
für die neugegriindeten Altäre nicht ausreichten, zur Anla 6 e der 
Kapellen. Daß sich das bauliche Bedürfnis zuerst an der Pfarr- 
kirche der Altstadt fühlbar gemacht hat, ist zwar an sich schon 
glaubhaft, läßt sich aber auch urkundlich erhärten. 
Die älteste bekannte Kapelle bei der johanniskirche ist die 
Kapelle des Heinrich Rockendorf. 
Diese Kapelle wird zuerst genannt in einer Stiftung, die die 
Priester Wernher Kroschil und Andres Piczener am 1. März 1382 
für sie gerichtlich eintragen lassen. Der Wortlaut der Stiftung ist 
folgender: 
f1382}. 
Wtrnherus Kroschil bekante fIlit andirn synen geswisterie, das 
sy ir halb Erbe, gelegin in der Engmgassen, gegebin habin adi, wy 
das vorkouf ft worde zcu der Capeltin Rokendorffs, vnd her Andres 
10) Mltt. d. C.-V. dieses Heft S. 11 f. Wir sind geneigt, den Bau der 
Sakristei einige Jahre später als 1310 anzusetzen. Um diese Zeit war die Stadt 
mit einem Erweiterungsbau des Kaufhauses beschäftigt. Am 21. September 1309 
gestattet der Großkomtur Heinrich von Plotzke den Bürgern, vier Treppen zu 
bauen, wie sie sie von alters her am Kaufhause gehabt haben, und unter den 
Treppen Gemächer (commoda) zum Nutzen der Stadt zu bauen. Kestner (Bei- 
träge S. 189f.) und nach ihm Heise (Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. 
S. 236) verstehen gegen den Wortlaut der Urkunde unter den "gradus" Stufen 
und nehmen an, daß unter den 4 Stufen Keilet angelegt werden sollten(!). Wie 
Bernhard Schmid in einem im Coppernicus-Vereine am 13. November 1907 ge- 
haltenen Vortrage (vgl. "Die Presse" 1907 Nr. 269) nachwies, ist das Rathaus 
aus zwei ursprünglich getrennt stehenden Flügeln entstanden, dem Westflügel 
und dem Ostflügel. Im Westflügel lag der älteste Teil des Kaufhauses (1259), 
und daran lehnte sich die Wage (1279); im Ostfliigel schlossen sich an den 
ursprüngiich freistehenden Turm die Kram- und Brotbänke an (1274). Schmid 
ließ, obwohl er der richtigen Auffassung nahekam, doch die Frage offen, ob die 
belden Verbindungsflügel 1309 oder 1393 gebaut wären. Nun werden aber die 
beiden Verbindungsflügel schon in der Urkunde von 1343 als vorhanden voraus- 
gesetzt, da hier der Anbau der Buden an den 4 Wänden (also Außenseiten des 
Vierecks) gestattet wird. 
So gelangen wir zu dem Schlusse, daß 1309 die Erlaubnis erteilt wurde, 
an der Stelle der 4 Freitreppen die beiden Verbindungsflügel zu erbauen und 
die Treppen in den Bau zu verlegen. Die 4 Treppen müssen also an der 
Innenseite des West- und Ostflügels nach den Ecken zu gelegen haben. Uebrigens 
liegt in dem Wortlaute der Urkunde von 1309 nichts, was auf die Anlage von 
Kellerräumen hinweist. 
Das Bediirfnis nach Erweiterung des Kaufhauses entstand durch die Ver- 
mehrung der städtischen Geschäfte. In einer Urkunde vom 17. Februar 1308 
(Urkundenbuch des Bistums Culm Teil I Nr. 162) erscheinen zum ersten Male 
I
at und Gericht getrennt. Da liegt die Vermutung nahe, daß 1309 das in der 
Urkunde von 1393 erwähnte "Dinghaus" im nördlichen Verbindungsflügel ge- 
baut wurde, wo es dann auch nach dem Neubau von 1393 verblieben ist. Der 
südliche Verbindungsflügel mag für Zwecke des Rats eingerichtet worden seiu. 


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- 32 -
		

/Pomorze_038_09_045_0001.djvu

			piczeller, prister, kekante, das her ouch habe /{egebin czu derselben 
Capel/en XLV mark pruschs vnd 11 mark vnd 1111. Scot czins, mit 
irre erbmamen wil/etl, dy sich is ouch vorczegin habin vor gehegittem 
dinge. Actulll feria VI post ltuLOcauit 21 ). 
Diese Stiftung wird 1390 in etwas abgeänderter Form wiederholt 
f/390/. 
Her Andres botener 22 ), prister, mit yoworte siner erbelinge gab 
czu der capel/ill her Iteinric/l Rokmdotf XL V mark vnd czwu mark 
czins liff der vriheit vnd eynir Breuir vnd her wemher kroschil, 
prister, gab OUc/1 czu der capel/e was geldes geuille VOll syme halbin 
eIbe in der Enf!egassÜI gelel!in mit willili siner erbelinge, wenne das 
vorkow/ft worde, welc/lir vIIder in erste storbe, das der ander das 
gelt solde han czu syme 11Ilcze, noch syme tode das gelt by der 
capellill czublibm 23 ). 
Wie aus einem Zinsregister hervorgeht, war 1390 Werner 
Kroschil Vikar an der Kapelle 2 ,l). Es gab zwei Mitglieder der 
Familie Rockendorf, die den Vornamen Heinrich führten 2 !i). Der 
erste dieses Namens war 1308 Schul.l j er wird als Mitglied des 
Rats 1;120 und W3
 genannt 26 ). Erst in einer Urkunde vom 21. 
Mai 13:m wird dann wieder ein Heinrich Rockendorf als Zeuge 
genannt 27 ). I iHn war er Ratmann 28 ). Da der erste Heinrich 
Rockendorf als Stifter wohl nicht in Betracht kommt, muß die 
Kapelle in den 40er jahren des 1J. jahrhunderts erbaut worden 
sein. Wenn von dieser Kapelle auch nur bezeugt ist, daß sie in 
der Altstadt liegt:!!'), so versteht es sich wohl von selbst, daß sie 
sich bei der Pfarrkirche befand, da in dieser Zeit noch der Gründung 
einer andern Kapelle in der Altstadt gedacht wird. "Anno ) 349 wardt 
N. Pfafkorn die Capelle, die Er zu erbauen angelegt, zu seiner und 
seiner Freunde Gedächtniß nicht anders, denn mit dieser Be- 
scheidenheit nachgegeben, damit die Capelle nicht zu seinem und 
seiner Nachkömmelinge Nutzen und Seeligkeit allein solle verschrieben 
sein, sondern daß sie gemein sey zu anderer Leute Seeligkeit"30). 
Die Bedingung, unter der die Erlaubnis zum Bau erteilt wird, 
lehrt, daß die Kapelle bei der johalllliskirche lag. Zur Errichtung 
einer Kapelle auf privatem Grund und Boden hätte es wohl keiner 
Erlaubnis bedurft. 
Die Lage dieser beiden Kapellen kann nicht zweifelhaft sein. 
Es wird weiter unten gezeigt werden, daß die südliche Kapellen- 
--- 
111) Altst. Schöffenbnch IX I fol. 15 b. 
1111) In der Eintragung von 1382 sieht Piczener. Der Name Piczener kommt 
sonst noch vor in dcn Zinsregistern der Neustadt. Katalog 11, 111 63 S. 30. 
118) Altst. Schöffenbuch IX 1 fol. 33b-34a. 
11') Ncust. Zinsbuch Kat. 11, 111 63 S. 44. 
116) Kat. I Nr. 22. 
16) Zinsregister der Altstadt Kat. 11, 111 61 S. 39 und S. 34. 
117).Kat. I Nr. 34. 
18) Prätorius Thorner Ehrcntempel S. 5. Quellc? 
19) Neust. Zinsbuch 111 63 S. 44. 
SO) Mitteil. des c.-V. 13. Heft S. 6. 


- 33
		

/Pomorze_038_09_046_0001.djvu

			reihe einer jüngeren Zeit angehört als die nördliche. Die ersten 
Kapellen wurden also auf der Nordseite gebaut, und die Behauptung, 
daß die RockendOlische Kapelle die östlichste Kapelle auf der Nord- 
seite ist, in der der Altar zum Heil. Leichnam lag, erscheint nicht 
gewagt. Auch die oben erwähnten Stiftungen der beiden Priester 
Kroschil und Piczener aus dcn jahren 1382 und 1390 sprechen 
dafür, daß die Kapelle Rockendorfs mit der Leichnamskapelle 
identisch ist. Die Stiftungen der Priester, die die Kapelle und sich 
gegenseitig bedenken, erscheinen wie eine Vorbereitung der 1394 
an dem Leichnamsaltare gestifteten Priesterbrüderschaft 31 ). Es ist 
durchaus begreiflich, daß gerade die zuerst erbaute Kapelle unter 
dem Namen des Stifters noch eine Weile im Volksmunde lebte. 
Wir nehmen den gleichen Vorgang bei S. jakob wahr; hier wurde 
auch die älteste 1359 erbaute Kapclle nach ihrem Stifter die Kapelle 
des jungewise genannt"2). 
Darnach könnte die Kapelle, die Pfafkorn 1349 erbaute, die 
angrenzende zweite, die Kapelle St. Cruds, sein. 
Ob auch noch die dritte und letzte Kapelle in der nördlichen 
Kapellenreihe ' die Kapelle St. Andreae, vor dem Brande von 1 :J51 
erbaut wurde, muß dahingestellt bleiben. 
Die hier genannten Titel der in den drei Kapellen liegenden 
Altäre entstammen erst einer späteren Zeit. Wir werden in einem 
anderen Zusammenhange weiter unten dartun, daß diese Namen 
auch den Zustand des frühesten Mittelalters darstellen. 
Am 7. Dezember 1:J49 verlieh der Hochmeister Heinrich 
Tusmer der altstädtischen Pfarre zu St. johann die vorstädtische 
Kapelle zu St. Lorenz, die vorher dem Hospital zum Heiligen Geiste 
gehörte, mit ihrem Kirchhofe als Begräbnisstätte, weil die Be- 
völkerung der Stadt sich vermehrt hatte und immer noch vermehrte 
und der Kirchhof zu enge geworden war 33 ). Die Erweiterung der 
Kirche durch den Kapellenanbau, der dem Kirchhofe Platz entzog, 
mag bei dem Gesuche der Bürger um die Verleihung der Lorenz- 
kapelle neben jenem wichtigeren Beweggrunde mitgewirkt haben. 
b) Die Zeit vom Brande 1351- -1403. 
Der weitere Ausbau der Kapellen, die Erweitcrung des Langhauses 
und der Neubau des abgebrannten Turmes. 
Als in der Nacht des Laurentiustages (10. August) im jahre 
1351 ein großer Teil der Stadt eingeäschert wurde 34 ), wurde nach 
einer Vermutung Heises auch die johannis kirche von diesem Brande 
betroffen 35 ). Eine Bestätigung dieser Vermutung finden wir in den 
Zinsregistern der Altstadt Thorn 36 ). Auf der Rückseite des ersten 
Blattes sin d folgende Denkwürdigkeiten eingetragen: 
B1) Fontes VI--X S. 205. 
81) Urkundenbuch des Bistums Culm. Teil I Nr. 303. 
B8) Ratsarchiv Kata!. I Nr. 53. 
M) Script. rer. Pruss. 111 pag. 78. 
B.
) Die Bau- und Kunstdenkmäler a. d. O. Heft VI und VII S. 256. 
Be) Ratsarchiv Katalog 11, 111 62. 



', 


? 


, 


-- 34 


-"--
		

/Pomorze_038_09_047_0001.djvu

			{1351J. 
Item anno domini MO. CCCo. L. primo domino johanne Sost 
proeonsule et domino Hermallllo de datteln Camerario existmtibus 
de ymagine sande allI1e et de tabulis saneti johannis qualuor mareas. 
Eodem anno domillllS Thidemafl1111S papm qui fuil vitrieus eedesie 
dedil Ciuitati XX mareas vnde Ecclesia eeonuerso lene/ur Ciuitati 
de call1pana LXV marcas minus octo seolos anno anlediclo. 
{1352}. 
Item anno domini MO. eee o . l. Secundo dominis Wernero de 
putheo proeonsule et hermallllO datteln Camerario existentibus de 
ymagine et 1/ tabldis VI/I marcas. Eodem allIlO {EwirhJ37) de 
ymagine el fabulis 1 1 / 2 marcas el 2 1 / 2 marcas. 
Was es mit der raten weisen Bezahlung für eine Statue der 
H. Anna und zwei Bilder des H. johannes für eine Bewandtnis 
hat, ist nicht ersichtlich. Die Nachricht aber, daß der Kirchen- 
stiefvater Thiedemann Papen der Stadt 20 Mark anzahlt auf die 
Summe von 6;) Mark weniger 8 Scot, die die Kirche ihr für eine 
Glocke schuldet, wird lIun im Zusammenhange mit dem Berichte 
von dem Brande der Stadt verständlich. Da der Kirchturm mit den 
Glocken verbrannt war, hatte die Kirche eine Glocke von der Stadt 
gekauft. 
Daß bei dem Brande von 1351 im wesentlichen nur der Kirch- 
turm zerstört wurde, wird auch durch die Urkunde vom 20. Sep- 
tember 1 :JG 1 bestätigt, durch die der Bischof von Culm johannes 
dem Kirchenstiefvater gestattet, mit Wissen des Pfarrers herrenlose 
Restitutionsgelder bis zur Höhe von 200 Mark zur Wiederher- 
stellung der Johanniskirche zu verwenden 38 ). Die in Betracht 
kommenden Worte der Urkunde lauten: quod restauracio ecclesie 
sancti johannis baptiste in TllOrun nostre dyocesis necessaria et 
varia nunc in turri nUllc in campanis et in aliis necessariis annis 
preteritis plusquam perfectis es ca ignibili incineratis non modicos 
labores et sumptus requirit. Nach unserer Aufassung müssen 
diese Worte so übersetzt werden: weil die notwendige und 
mannigfaltige Wiederherstellung der Pfarrkirche zu S. johannis 
dem Täufer in Thorn in unserer Diözese, teils am Turm, teils an 
den Glocken und andern notwendigen Dingen, die in eheverflossenen 
jahren (annis preteritis plusquamperfectis) durch brennbare Stoffe 
eingeäschert worden sind, nicht mäßige Arbeiten und Aufwendungen 
verlangt. Dagegen bezieht t-"leise das Wort pI u qua m per f e c t i s 
nicht auf annis, sondern auf die Worte tu r I' i, ca m pan i s, al i i s 
ne ces s a r i i s (welche in den vergangenen Jahren schon völlig voll- 
endet waren) und folgert daraus, daß die Kirche gegen die Mitte 
des 14. jahrhunderts vollendet wurde 3 !J). 
Nach Heise wäre also besonders der Turm ein Werk aus der 
ersten Hälfte des 14. jahrhunderts. Wir glauben aber, oben wahr- 



7) Das eingeklammerte Wort ist ausgestrichen. 
S8) Urkundenbuch des Bistums Culm. Teil I Nr. 308. 
89) Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 256 und 257. 


- 35 -
		

/Pomorze_038_09_048_0001.djvu

			scheinlich gemacht zu hauen, daß der ganze Bau noch im 13. jahr- 
hunderte abgeschlossen wurde. 
Aus mehreren Anzeichen des Baubefundes zieht Heise den 
Schluß, dan durch den Brand von 1351 außer dem in der Urkunde 
von 1361 genannten Turme noch das Langhaus zerstört wurde 40 ). 
Da aber, wie wir sofort zeigen werden, der Wiederherstellungs bau 
vor 1361 nicht begonnen wurde, so hätte der Bischof sicher nicht 
versäumt, diesen erheblichen Schaden besonders zu erwähnen. 
Zu dem Brande von IB51 kam nämlich im jahre 1iJ52 ein 
neues Unglück über die Stadt, das von dem ersten vielleicht mit- 
bedingt wurde: 4321 Menschen wurden durch eine Pest hingerafft 41 ). 
Darum fehlte wohl in den ersten jahren Geld und Stimmung für 
den Wiederaufbau des Turmes. Nur kleinere Stiftungen flossen in 
dieser Zeit der Kirche zu. 1353 gau ein gewisser Gerwin der Kirche 
zu S. johann 8 Mark zu einem ewigen Lichte zu Ehren des 
Heiligen Leichnams 42 ), und 13f>() spendete Tilemann von der Linde 
6 Mark Zinses zu demselben Zwecke 43 ). 
Gegen Ende der 50er jahre dieses jahrhunderts regte sich in der 
Neustadt die Lust zu größeren Stiftungen. Im jahre I )
5f) stifteten 
johannes Aldewise und johannes jungewise in der Kapelle des 
jungewise bei S . jakob, die vermutlich euen erst geuaut war, ein 
Seelgeräte U ), und am W. November IB60 bestätigte Hochmeister 
Winrich von Kniprode bei seiner Anwesenheit in Thorn die 
Gründung einer Kapelle (Katharinenkapelle) auf der neustädtischen 
freiheit durch den Rat der Neustadt 45 ). Die "Not und göttliche 
Plage", die nach der Urkunde der Anlaß zum Bau der Kapelle war, 
ist wohl in den oben beschriebenen Unglücksfällen der jahre Jijäl 
und 1352 zu suchen. 
Nach den Verhältnissen in der Neustadt kann man auch die 
Verhältnisse in der Altstadt beurteilen. Man wird erst gegen Ende 
der 50er jahre an größere Bauten gedacht und die Wiederher- 
stellung der johanniskirche nicht vor jenem bischöflichen Erlaß 
von liJGl in Angriff genommen haben, weil der Bauplan sich auch 
auf andere Teile des Kirchengebäudes erstreckte. Als Abschluß 
oder wenigstens vorläufiger Abschluß der Bauarbeiten kann das 
jahr 1)188 angesehen werden, in dem der Pfarrer Lubert Wachs- 
schlager gestattete, daß die Mitglieder des Rats und ihre frauen 
und alle anderen, die zum Baue der Pfarrkirche beigetragen hatten 
(pro fabrica iIIius templi parochialis manum porrexerunt), in ihr be- 
stattet würden4(,). 
Es entsteht nun die sehr schwierige frage, wie sich die ver- 
schiedenen Arbeiten an der Kirche auf die Zeit von IB61-1H88 
-'Oföie Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 257. 
41) Zernecke Chronica 
 S. 21. 
4
) Mitteil. des c.-V. 13. Heft S. 6. 
43) Mitteil. des c.-V. 13. Heft S. 7. 
U) Urkundenbuch des Bistums Cuhn Teil I Nr. 303. 
40) Urkundenbuch des Bistums Culm Teil I Nr. 306. 
'6) Mitteil. des c.-V. 13. Heft S. 14. 


to 


Ih 



 


- 36 -
		

/Pomorze_038_09_049_0001.djvu

			verteilen. Nach der Baubeschreibung Heises mußten in dieser Zeit 
gebaut werden die Kapellen, die Erweiterung der dreischiffigen 
Hallenkirche nach Westen um ein joch, der Turm und dieSakristei U ). 
Ob die Erweiterung des Langhauses unter Einziehung des Turmes 
in das Innere stattfand, wie Heise annimmt, oder ob der Neubau 
des Turmes als Mittelturm vorsprang, muß wohl für immer dahin- 
gestellt bleiben. 
Erinncrn wir uns, daß nach unserer oben gegebenen Dar- 
stellung ein Teil der Kapellen schon vor J 351 gebaut war, und be- 
denken wir ferner, daß der Turm in dieser Bauzeit nicht vollendet 
wurde, wie wir unten zeigen werden, so wird es zur Gewißheit, 
daß an den Bauten nicht ununterbrochen gearbeitet wurde. Solche 
Pausen konnten z. ß. eintretcn, wenn die Opferwilligkeit der Bürger 
für andere große Bauten, wie die Marienkirche, in Anspruch ge- 
nommen wurde. Die Baugeschichte der Marienkirche ist aber 
ziemlich ungeklärt, unl;i die Vermutung Hcises, daß der Neubau 
der Kirche "in ihren Hauptteilen" um 1370 vollendet wurde, muß 
mit Vorsicht aufgenommcn werden 4 1!). Wir glauben, obwohl nach 
der Heiseschen Vermutung in den fiOer jahren an dem Neubau der 
Marienkirche gearbeitet wurde, doch daran festhalten zu müssen, 
daß die Bauten an dcr johanniskirche spätestens J aß1 begonnen 
wurden. Der Turm, die Erweiterung des Langhauses und der nörd- 
lichen Kapellenreihe nach Wcsten, und, wenn die basilikale Anlage 
als eine Zwischenstufe der Kirche nachgewiesen werden könnte, 
auch die Ueberhöhung des Mittelschiffes wurden wohl zu gleicher 
Zeit in Angriff genommen und waren, vielleicht nach einer mehr- 
jährigen Unterbrechung durch den Bau der Marienkirche, mit Aus- 
nahme des Turmes um Ja74 schon vollendet. Dieses Datum ge- 
winnen wir durch folgende Untersuchung. 
Im jahre 1390 ließ Ewirke Pape vor dem altstädtischen Ge- 
richte folgende Eintragung machen: 
Ewirke ewirke papen SOll offinbarte, das sill vatir her ewirt pape 
hefte gegebin IIlIor mark geldes ewiglich czugebin czu czwen Altaren 
als des heiligen Cmds vnd der drier konige in der pffare kirche. das 
voryoworte derselbe ewirce steteczuhalden V11d czu gebbI 49 ). 
Eberhard I Pape war 1364-1369 Schöffe und 1370-1374 
Ratmann, Eberhard 11 1390-1393 Schöffe und 1394, Ratmann. 
Darnach wurde jene Stiftung für die beiden Altäre S. Cruds und 
Trium Regum in den jahren Ia64-1374 gemacht. Nach dem Ver- 
zeichnisse der Benefizien von J 54150) waren damals in der nörd- 
lichen Kapellenreihe von Osten her gerechnet folgende Altäre: J) 


f7) Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 257. Der Neubau der 
Sakristei fällt in friihere Zeit. S. oben. 
'8) Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 283. 
'9) Altstädt. Schöffen buch Kat. 11, IX 1 fol. 34. 
GO) fontes VI---X. Tortlni S. 229. Dnrch den Vergleich mit dem Ver- 
leiclmissc der Altäre von 1596 (Mitt. des c.-V. 19. Heft S. 4 f) ist die obige 
Reihenfolge sichergestellt. 


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			Corporis Christi, 2) Cnteis, a) S. Andreac, 4) S. ßarb3rae. Alles 
zeugt dafür, daß diese Anordnung der Altäre dem Bestande 
gegen Ende des 14. jahrhunderts entspricht. Die Kapelle mit dem 
Altar Co r p 0 r i s C h r ist i, die dem Chore am nächsten liegt, ist 
vermutlich, wie oben gesagt wurde, die Kapelle Rockendorfs, die 
vor dem Brande von 1351 gebaut wurde. Die oben erwähnten 
Stiftungen zu ewigen Lichten aus den jahren 1353 und 1356 galten 
wohl dieser Kapelle. Der Altar des Heiligen Kreuzes war noch 
1439 in den Händen der familie Pape: damals war Peter Papau 
(= Pape) lehnherr des AltarsCiI). 
Als Stifter (oder förderer?) eines der beiden Benefieien S. 
Cruds werden genannt Herman Belgart und C1awke von der Linde, 
Bürger von Thorn 52 ). Im altstädtischen Schöffenbuche wird ein 
Hanke (Johannes), Sohn Herman Belgardes, in den jahren 1366 und 
1369 genannt. Mit dem zugleich genannten Clawke von der Linde 
kann also nur Nicolaus (I.) von der Linde gemeint sein, der seit 
1355 Ratmann war und IH65 starb. Darnach muß die Kapelle S. 
Cruds vor 1365 erbaut worden sein; sie ist vielleicht, wie wir 
oben vermuteten, die Kapelle des Pfafkorn und dann also 1349 
erbaut worden. 
Der Altar des Andreas ist sicher im 15. jahrhundert nach- 
weisbar. Als Stifter des zweiten Ministerium bei diesem Altar 
werden genannt die familie von Putten oder (!) Bartolt Becker 
und Tilmann von Allen, als Stifter des dritten die familie von lo63). 
Alle diese familien gehören dem 14. und 15. jahrhundert an, 
Bartolt Becker war 14'l7 Schöffe, Tilmann 11 von Allen war seit 
1469 Schöffe, seit 1461 Ratmann und starb 1499. Der Altar kann 
daher wohl noch im 14. jahrhundert errichtet sein. 
Der Altar der Heiligen drei Könige ist identisch mit dem 
Altar der H. Barbara. Unter dem Dopeltitel Barbarae oder Trium 
Regum wird der Altar zuerst 1409 genannt M ) und noch im Ver- 
zeichnisse von 1541 ist der alte Titel Trium Regum nicht vergessen!'iCi). 
Da hiernach die lage dieses Altares in der 4. Kapelle nicht 
zweifelhaft ist, so ist damit auch die oben behauptete Vollendung 
der nördlichen Kapellenreihe und die Erweiterung des langhauses 
um ein joch vor 1374 bewiesen. 
Anders liegen die Verhältnisse der südlichen Kapellenreihe. 
Nach den Verzeichnissen von 1541 und 1596 befanden sich hier 
folgende Altäre: 1) Der Altar Mariae Magdalenae, 2) S. Elisabethae, 
3) Trinitatis, 4) Nicolai. 
Der Altar Mariae Magdalenae wird zuerst im jahre 1416 
erwähnt; damals verschrieb ihm Johann Baracz einen jährlichen 
Zins, der auf seinem in der Kulmischen Gasse gelegenen Hause 


( 


p". 


J'I 


61) Urkunde im Ratsarchiv Katalog I Nr. 923. 
6
) fontes a. a. O. S. 233}34. 
6S) fontes a. a. O. S. 234 f. 
64) AUslädt. Schöffen buch Kat. 11, IX 3 S. 226. 
M) fonles a. a. O. S. 235. 


- 38 -
		

/Pomorze_038_09_051_0001.djvu

			und auf dem Malzhause in der Kleinen Bäckergasse (Schlammgasse) 
eingetragen war ii6 ). 
Als Stifter dieses Zinses kommt ein johann Baracz in Betracht, 
der 13!J2-13!J5 Schöffe war, 1396 Ratmann wurde und zuletzt 
1422 im Rate saß. Im jahre 1498 stifteten Nicolaus Czenker, Bürger 
von Thorn, und seine frau Barbara zu demselben Altare 10 Mark 
jährlichen Zinses. In der durch den Rat aufgenommenen Stiftungs- 
urkunde wird vorausgeschickt, daß johannes Baritsch, ehemals 
Bürger von Thorn, ein "beneficium manuale" in der Pfarrkirche zu 
S. johann unter dem Titel und in der Kapelle der Maria Magda- 
lena, der Apostel Philipp und jakob, der Agnes(virginisetmartiris) 
und der Hedwig (electae) gestiftet hat 57 ). Ein Beneficium 
Elisabethae wurde von Katharina Watzenrode gegründet und 
von Lucas Watzenrode, Bischof von Ermland 1489-1512, vergrößert 58 ). 
Mit Katharina Watzelrode kann nur Katharina verw. Peckau gemeint 
sein, die den Lukas Watzelrode wahrscheinlich 1439 heiratete, also 
die Mutter des Bischofs und Großmutter des Astronomen Copper- 
nicus 59 ). Oarnach kann das Beneficium nicht vor 1439 gegründet 
sein 60). Der Gründer des Beneficium Trinitatis ist nicht bekannt. 
Oie beiden Beneficien Nicolai gehörten zur Kaufmannskapelle. 
Oie älteste Erwähnung dieser Kapelle geschieht im jahre 1425/26(1). 
Das älteste Datum für die südliche Kapellenreihe ist also das jahr 
14 \(3. Zum mindesten wird dadurch sehr wahrscheinlich, daß die 
südliche Kapellenreihe später als die nördliche erbaut ist; wir können 
daher die Bauzeit frühestens auf den Anfang des 15. jahrhunderts 
setzen. Wir kommen darauf weiter unten zurück. für diese An- 
nahme spricht noch eine andere Tatsache. Wir erwähnten oben 
die Gründung der Priesterbrüderschaft im jahre 139-1. Wahrschein- 
lich erfolgte gleichzeitig die Einrichtung eines W olmhauses in der 
Culmer Straße für die Mitglieder der Brüderschaft. Es lag a,n- 
scheinend am Ende der linken Seite vom Markte aus, war also ein 
Eckhaus gegenüber dem Tore (2 ). Sie waren verpflichtet, flüchtige 
und fremde zu bestatten6:l) und wohnten vielleicht darum an dem 
Haupttore der Stadt. Oas Verzeichnis der Bewohner jenes Hauses 
war 1 ;194 folgendes: 


r\ 


68) Mitteil. des c.-V. 13. Heft S. 51. Genauere Angaben darüber finden 
sich in der unten citierten Urkunde von 1498. 
fi7) Ratsarchiv Kat. 11 Nr. 2606 und 2607. 
fiS) fontes a. a. O. S. 230. 
69) Mitteil. des c.-V. 3. Heft S. 71. 
80) Im Jahre 1448 war ein Lehn zu St. Elisabeth in der Johanniskirche von 
drei Personen abhängig. Mitteil. des C.-V. 13. Heft S. 68. 
61) Neustädt. Schöffenbuch Kat. 11, IX 52 S. 61. 
,
) In den Mitteil. des c.-V. 3. Heft S. 93 Anm. 1 wird ohne ersicht- 
lichen Grund Ecke der Cuhner Straße und der Schlammgasse (jetzt Kloster- 
straße), Altstadt 318, als dieses Wohnhaus bezeichnet. 
6S) foutes a. a. 0 S. 205. 


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/Pomorze_038_09_052_0001.djvu

			Vicarii ciuitatis tllOmn 
dominus /lieolaus Sostechin 
Capellanus stembergy/me 
Capellanlls domini nieolai Sost mi/loremzls (?) 
doinblUS wemherus kroschil 
gotkonis de allin capella/Ills 
Alberti Reberri senioris capellanlls 
dominlls joannes danczk. 6 4.) 
Die "Sternberginne", deren Kaplan hier erwähnt wird, wohnte 
mit einem Heinrich Sternberg bei S. johann ("circa sanctlllll jo- 
hannem")6!i) und war vielleicht die frau des Kirstan Stirnberg, eines 
Schöffen von 1382--1385. Der Kaplan des Nicolaus Sost war bei der 
Stiftung dieses lehns durch den Prister Nicolaus Sost im jahre 
1379 Mathies Wiese 6li ). Werner Kroschil ist der im Zusammen- 
hange mit der Kapelle des Heinrich Rockendorf seit ta82 genannte 
Priester. Das lehn des Ootko von Allen, dessen Kaplan erwähnt 
wird, wurde 1390 gestiftet (7 ). Der Name des Altars wird nicht 
genannt 68 ). Der ältere Albert Reber, dessen Kaplan ferner in dem 
Verzeichnisse steht, ist vermutlich der Ratmann dieses Namens, der 
nach einer wohl fehlerhaften Angabe 1393 starb (9 ). Der Priester 
johannes Danczk wird schon 1376 erwähnf7°). 
Die Zahl von 7 Vikaren reichte wohl hin für 4- Kapellen, aber 
nicht für die doppelte Zahl. Die Siebenzahl verblieb bis gegen 
Ende des 14. jahrhunderts. 139ü werden unter andern Steuer- 
restanten genannt: 


1 
I 


.. 


vicarii Ciuitatis. 
Dominus nicolaus Sostechin 
Cappellanus domine SternbergY/l/le 
Cappellanus domini Ootkonis de Allen 
Dominus joa/l/leS danczk 
Cappella/lus domini nicolai Sost 71 ). 
Aus dem Jahre 1398 liegt wieder ein vollständiges Ver- 
zeichnis vor: 


Viearii Ciuitatis. 
Dominus prepositus saneti Oeorgii , 
e 
 . 
Dominus wemherus krosschil 


") Schoßbuch der Altstadt Kat. 11, 111 69 S. 28. Die Priester waren zum 
Schoß verpflichtet; vgl. Mitteil. des c.-V. 13. Heft S. 10 und S. 20. 
66) Schoßbuch Kat. 11, 111 69 S. 16. 
66) Mitteil. des C.-V. 13. Heft S. 10. Nach dem Tode des Nicolaus Sost 
sollte das Lehen in die Hände der Familie von Lo übergehen. 
67) Mitteil. des c.-V. 13. Heft S. 15. 
18) Vielleicht der Altar Tlium Regum. Beziehungen der Familie von 
Allen zu diesem Altare finden sich unter den Jahren 1415 und 1418. Altstädt. 
Schöffenbuch IX 1 Fol. 125 und 154. 
89) Prätorius Ehrentempel S. 5. 
70) Altstädt. Schöffen buch Kat. 11, IX I Fol. 10. 
71) Kat. 11, 111 70 BI. 1. 


- 40 -
		

/Pomorze_038_09_053_0001.djvu

			"I' 


--1. 
I 
t 


... 


\ 

 



 


I 
Dominus nieolalls zostdzin 
Cappel/OIll1S dom;'le SternbergYIllIe 
Dominlls Dythmar /ippmrode 
Cappell0l111s Domini gotkonis de Allin 
Dominus joa1l1leS danczk 
Cappellanus domini nieolai zost 
Domitllls joannes dame!. 72) 
Rechnen wir den Probst von S. oeorgen ab und nehmen 
wir an, daß unter den Vikaren vielleicht auch einer von S.oeorgen 
sich befindet, so haben wir 1398 noch dieselbe Zahl wie 139-1. 
Wir dürfen also mit Sicherheit annehmen, daß die südliche Kapellen- 
reihe nicht vor Beginn des 15. jahrhunderts erbaut wurde. 
Wir kehren nun zu der oben aufgeworfenen Frage zurück, 
wie denn eigentlich die Bauzeit von 13ß L ---1388 ausgefüllt wurde. 
Wir können wohl zunächst feststellen, daß größere Bauarbeiten 
seit dem jahre 1385, da der Turm auf dem Markte um die Hälfte 
höher aufgerichtet wurde, als er vorher war'i3), an der johannis- 
kirche nicht ausgeführt wurden. Die oben erwähnte Verordnung 
des Pfarrers vom jahre 1388 besagt ja auch garnicht, daß bis zu 
diesem jahre gebaut wurde7,l). Da die von anderer Seite behauptete 
basilikale Erhöhung des Mittelschiffes als Zwischenstufe zwischen 
der alten niedrigen und jetzigen erhöhten Hallenkirche vorläufig ein 
Problem bleibt, so müssen wir vorläufig die Worte des Pfarrers 
Wachsschlager auf den Bau des Turmes und die neue Aus- 
schmückung des Chors und vielleicht auch der Kirche beziehen. 
Wahrscheinlich wurde der Chor damals mit Wand- und Decken- 
bildern geschmückf7a) und die fenster mit farbigem Glas versehen. 
Die Zeit der Ausschmückung des Chors ist sichergestellt durch die 
jahreszahlen 1382 und 1381 auf den beiden Wandschränken in der 
Ostwand des Chors 7 1.i). 
_ Die Inschriften lauten: 
Rechts oben: 
Al'e lux ll11llldi, verbum patris, /lOstia veTa 
Viva earo, deitas integra, VeJus homo. 
Unten: 
Anllo Domini MCCCLXXXII in festo purificationis Marie hoc 
opus est comple/um. 
Links oben: 
Dic ubi tunc esset, Cllm praeter eum niehi! esset? 
Tunc ubi nUllC ipse, quia so/um sufficit ipse. 
72) Kat. 11, 1II 70 BI. 7-8. 
75) Mitteil. des c.-V. 13. Heft S. 13. 
7') Vgl. die bischöfliche Urkunde von 1391. Wernicke Ocsch. I 115; 
Prätorius, Beschreibung der Stadt Thorn S. SO. 
76) Vgl. Mitteil. des c.-V. 16. Heft S. 57. 
76) In "Bau- und KUllstdeukmäler" a. a. O. S. 264 werden fälschlich die 
Jahreszahlen 1384 und 1385 angegeben. 


- 41
		

/Pomorze_038_09_054_0001.djvu

			Unten: 
Anno Domini MCCCLXXXIIlI die Oregorii hoc 0PllS est 
completum 77). 
Wann die 1385 unterbrochenen Bauten an der johanniskirche 
wieder anfgenomrnen wurden, ließe sich vielleicht mit Bestimmtheit 
sagen, wenn wir die Bauzeit für das neue Rathaus der Altstadt 
kennten. Wir müssen die Baugeschichte des Rathauses daher im 
Vorübergehen streifen. 1385 wurde wie erwähnt der Turm auf 
dem Markte um die Hälfte erhöhf7 8 ). Nach dem Ausdruck zu 
schließen scheint damals der Turm noch freigestanden zu haben, 
wenigstens auf drei Seiten. Wahrscheinlich trug sich damals 
der Rat schon mit dem Gedanken, ein neues Kaufhaus zu er- 
bauen. Der Neubau begann 13tJl, obwohl die Erlaubnis erst am 
14. Mai 1393 vom Hochmeister Konrad v. Wallenrod dazu erteilt 
wurde. Wahrscheinlich um bei diesem Baue Beschäftigung zu 
finden, kam der Maurer oder Maurergeselle Hans Türmchin 1392 
von Königsberg Pr. nach Thorn
9). Nach der Mitte, vielleicht auch 
erst gegen Ende der 90er jahre mag der Bau vollendet worden 
sein. für den Erb aue r des neu e n Rat hau ses haI t e n 
wir den Stadtmaurer Andris. Viellcicht ist dieser identisch 
mit dem Stadtmaurer Meister Andris, der vor I iJ92 unter den Älter- 
leuten des Handwerks der Maurer zu Königsberg genannt wird 80 ), 
und eigens zum Zwecke des Rathausbaues von der Altstadt Thorn 
in Dienst genommen. Es ist bezeugt, daß Meister Andris der 
Stadtmaurer 1399 von einem gewissen Tschoelle ein Haus in der 
fährgasse (Brücken straße) gekauft hat 81 ). Man darf wohl schließen, 
daß Meister Andris sich bei seinen Bauten im Dienste der Stadt 
in den 90er jahren das Geld zum Hauskaufe verdient hat. Im jahre 1400 
hatte er sicher einen Bau unter den Händen. Am 28. März 1400 
schrieb nämlich der Rat von Danzig an den von Thorn, daß er ver- 
gebens versucht habe, den MaurergeseUen NicIas Vynkenczayl zum 
Wiedereintritt in den Dienst des Meisters Andris zu bestimmen. 
Vynkenczayl habe erklärt, daß er nur unter der Bedingung in den 
Dienst des Meisters Andris getreten sei, daß dieser nur deutsche 
Oesellen beschäftige; mit Polen wolle er nicht zusammenarbeiten. 
Wir geben diesen interessanten Brief nachstehend im Wortlaute 
wieder. 
Ersamm liebin vrunde. euwim briff von wegin meistir andris 
euwirs Mewerers habe wir wol vom omen vnd habin vmme ellwir 
liebe willen nidas vynkenczayl vor vns bebot, der noch vornemunge 
euwirs briffis offinbar vor VI1S vnd in keginwortikeit desis brif- 
77) Wernicke, Die Kirchen der Stadt Thorn. Handschrift S. 12. 
78) Heise setzt die Erbauung des obersten Geschosses auf den Anfang 
des 14. Jahrh. Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 236. 
79) Zeugnis vom 13. Juni 1392 in Mitteil. des c.-V. 20. Heft S. 25 f. 
SO) Mitteil. des c.-V. Heft 20 S. 27. 
81) Altstädt. Schöffen buch IX 1 Fol. 57. Dieses Haus lag auf der liuken 
Seite von der Breiten Straße aus und gehörte dem Audirke Tscholln schon 1394. 
Schoß buch der Altstadt 111 69. Vgl. auch Schoßbuch 111 70. 


j 


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			ezeigers hat gesproclli/l, das her meistir alldris egenant erbeit also 
besclleideliehill hat gdobit alse verre, alse her ezu erbeitin dutsehy 
gese/lell habili moel1te, SUlldir mit polen wolde her mit nichtenicht 
o 
. erbeitell. alse flll meistir amids keYlle dutselle gesellen gehabinmoehte, 
do l1at her orlop VOll Im genomeJl vnd ist alse VOll Im gescheiden. 
1/11 seot pfenninge was her Im schuldig. dy gap l1er Im, Smldir her 
stys sy mit dm ftlsen VOll sic/I. dorvmme l1at her sy wedir ezu sieh 
genomm vnd wi/ sy gerne eynem itzlicltm gebin, dy sy vorl synent- 
wegin habin sal. wir hattell gerne gezeen, dos her wedir ezu euwirlll 
Mewerer geczogm hatte, wir mOc/IÜII In mit aUim vndirwisen vnd 
droyen dor ezu Ilicht brmgen. Oescrebill am sontag letare XIIIIC vndir 
l'nserm Seeret. Ratmanne 
danezik 
Rückseite: 
Ersamell vIIsern gUllstigell vrllllde1l l1errell Ratmannen ezu 
thOrlm dailda. 
Original auf Papier mit aufgedrücktem Secret 82 ). 
Bis vielleicht noch andere Quellen aufgefunden werden, neigen 
wir zu der Annahme, daß 1400 der Bau an der johanniskirche 
wiederaufgenommen wurde. Dagegen spricht nicht unbedingt der 
Beschluß des jahres 1402, daß man die Kirche zu S. johannis 
bauen und dieses von der Kanzel abkündigen solle, um dadurch 
die Leute zur Freigebigkeit anzumahnen 83 ). Im jahre 1403 wurde 
die Eindeckung des Turmes mit Blei an einen gewissen Mönch 
verdungen. Er sollte als Arbeitslohn und als Kostgeld für drei 
Personen 45 Mark erhalten, der Stadtzimmermann außer der Kost 12 
Scot wöchentlich 81 ). Es handelt sich doch wohl nicht um eine 
Neueindeckung des Turmes, sondern um die Vollendung des etwa 
la6t begonnenen Turmbaues. 
Um die Wende des jahrhunderts könnte auch der Bau der 
südlichen Kapellenreihe in Angriff genommen und vielleicht noch 
vor Einsturz des Turmes im jahre 1406 vollendet worden sein. Die 
Besetzung der Kapellen mit Altären könnte durch dieses Ereignis 
und durch den Neubau des Turmes bis etwa 1415 hingehalten 
worden sein. Es bleibt aber auch die Möglichkeit offen, daß der 
Bau der südlichen Kapellenreihe erst mit dem Neubau des Turmes 
begann. Vielleicht geben gelegentliche archivalische funde noch 
genaueren Aufschluß über die Stiftungen von Altären oder Benefizien 
in der südlichen Kapellenreihe. 


111. 
Die Bauten des 15. Jahrhunderts. 
a) Der Neubau des Turmes 1407-1437. 
Den größten Teil der Bauperiode von 1407-1437 nimmt die 
Erbauung des neuen Turmes ein, der 1433 in seiner jetzigen Höhe 
I!
) Katal. I Nr. 359. 
88) Mitteil. des C.-V. 13. Heft S. 28. 
Pt) Mitteil. des c.-V. 13. Heft S. 32. 


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			vollendet wurde. Wir verweisen hieriiber auf unsern früheren Auf- 
satz in dieser Zeitschrift 85 ). Wir haben den dort gemachten Aus- 
führungen einiges hinzuzufügen. Als Baumeister des Turmes 
während der jahre 1412 bis 1413{16 - das zweite Datum war . 
damals nicht genauer zu bestiminen - hatten wir den Meister 
jakob nachgewiesen. Inzwischcn haben wir ermittelt, daß dieser 
Meister schon 1409 im Dienste der Stadt tätig war 8G ). Wir gehen 
wohl nicht fehl, wenn wir annehmen, daß der Meister jakob 1407 
eigens für den Bau des Kirchturms bei S. johann in Dienst ge- 
nommen war. Auch nach unten hin kann die Tätigkeit des Maurers 
jakob fester begrenzt werden. Er wird noch U 15 und 1416 in 
den Rechnungen des Stadtbauamtes genannt!!7). So wird es uns 
wahrscheinlich, dan Meister jakob 1417 das Erdgeschoß des Turmes 
vollendet hat 8 !;). Die Lieferungen von Ziegeln in den jahren 1418 
bis 20 können für die im Grundrisse vorgesehenen Anbauten des 
Kirchturms verwendet worden sein!!!J). 
Die Baupause setzten wir früher auf die jahre 1421-J424an; 
jetzt sind wir geneigt, den Endpunkt auf 1427 zu legen. 
Dringende Arbeiten an städtischen Bauwerken, besonders der 
Stadtbefestigung, wurden während dieser Zeit ausgeführt. 1420 bis 
1423 ist ein Meister Simon (Symon) als Maurer nachweisbar!JO). In 
dem Kriegsjahre 1422, in dem König Wladislaus mit den Litauern 
die Vorstädte abbrannte!J') und sehr eifrig an der Erneuerung der 
Befestigung gearbeitet wurde, war er zusammen mit einem Meister 
Andris tätig, vielleicht demselben, der unter den jahren 13!)9-1400 
genannt wurde. 
1427 mauerten ein Meister Vynkenczal und Anselmus (Ans- 
helmus) am Turme vor dem altthornischen Tore!J2). Beide Meister 
wurden auch 1429 zusammen genanl1t!J3) und Meister Anczhelmus 
allein 1430, da er den "neuen Turm" mauert 9 !). Wie fügt sich nun 
dazu die Wiederaufnahme des Baues an der johanniskirche? Die Stif- 
tungen zum Baue des Turmes aus den jahren 1425 und 142(95) 
beweisen d urchaus nicht, daß gerade in diesen jahren gebaut 
86) 18. Heft S. 27-39. 
86) Rechnung des Bauamtes von 1409 S. 21 in Kat. 11, XVI 6. Mit ihm 
zusammen wird hier genannt ein Maurer Keysser in folgender Notiz: "Hem 
e 
dedi 5 scot dem murer keysser synen oucn czu mach in dem czygil stricher". 
87) Kat. 11, XVI 6: Rechnung von 14]5 S. 12, ]4 und 23; Rechnung von 
1416 S. 7. 
es) Vgl. Mitteil. des c.-V. 18. Heft S. 29. 
89) Vgl. Mitteil. des c.-V. 18. Heft S. 29. 
90) Kat. 11, XVI 6: Rechnung von 1420 S. 13 und 14; Rechnung von ]422 
S. 57 (Simon mauert am Fährtor) und S. 58; Rechnung von 1423 S. 3. 
91) Zernecke Chronica ll S. 41. 
91) Kat. 11, XVI 6: Rechnung von ]427 S. 13. Vynkenczal ist vielleicht 
derselbe, der oben ]400 als Geselle genannt ward. 
93) Kat. 11, XVI 6: Rechnung von ]429 S. 27. 
9.) Kat. 11, XVI 6: Rechnung von ]430 S. 7. 
96) Mitteil. des c.-V. 18. Heft S. 29. 


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			wurde; nur das darf man viclleicht sagen, daß der Weiterbau in 
Aussicht genommen war. So gelangen wir denn zu der Vermutung, 
daß der Meister Hans Gotland zunächst für kirchliche Bauten vom 
Rate gedungw wurde und daß der Bau der Sakristei bei S. Lorenz 
im jahre j,1
7 sein er.stes Werk in Thorn war 9ß ). Diese Vermutung 
könnte zur Gewißheit erhoben werden, wenn es gelänge, die 
Wirksamkeit des Meisters Gotland vor der Uebersiedlung nach 
Thorn zu ermitteln. 
Der Aufbau der beiden oberen Geschosse des Kirchturmes 
fällt in die jahre 1J
8-1433; er wird gewiß unterbrochen durch 
den Neubau des Fährtores, den derselbe Meister Got!and im jahre 
143
 ausführt!J7). Darnach wird das erste Ohergeschoß vielleicht 
innerhalb der jahre 1428-1431, das zweite 1,133 erbaut sein. Ob 
an dem zweiten Obergeschoß ausschließlich 1433 gebaut wurde, 
wird sich aus der Zahl der in diesem jahre verwendeten Mauer- 
steine berechncn lassen!'8). 
Solange hieraus keine sicheren Schlußfolgerungen gezogen 
sind, steht die Annahme frei, daß an dem Turme noch über 1433 
hinaus gebaut wurde. In diesem Falle wäre das Ha3 aufgesetzte 
Dach nur ein Notdach gewesen 9 !}). Man kann aber auch annehmen, 
daß für die ersten Glocken, die in den jahren ]-l3li-14iJ7 gegossen 
und aufgehängt wurden, vorher die erforderlichen Mittel gesammelt 
werdcn mußten. Diese Annahme ist wahrscheinlicher, da noch 
]437 zu den Glocken "gebettelt" ward 100). Die Glocken wurden 
14:3ß gegossen lOl ); wievieJ, wird nicht gesagt. 
Vielleicht gehört in das jahr 1436 auch eine undatierte Kirch- 
baurechnllng lO :!), in der einc dreiwöchentliche Arbeit am Kirchen- 
gebäude berechnet ist. Zimmermann und Maurer sind beschäftigt, 
der Maurer (
m 
 Stellen wird Gotland genannt), erhielt einen Lohn 
von 7 Mark, ü Mark und 5 Mark geringen Geldes. Ferner wird 
an jemand ein Lohn von 8 Sch. ausgezahlt für zwei Tage, "dor 
man dy glache abelis". Ob man eine Glocke vom Turme herunter- 
ließ, die zum Umgießen bestimmt war? Kirchenglocken waren 
natürlich auch währenct des Turmbaues vorhanden, eine von 1412 
ist noch heute erhalten 103). Ob sie aber auf dem im Bau befind- 
lichen Turme oder auf einem besonderen Glockenstuhle auf dem 
Kirchhofe aufgehängt waren, ist lIngewiß. 14iJ7 wurden die Spuren 
(..Sporen"), also wohl die Lager, gegossen, in denen die 


06) Vgl. Mitteil. des c.-V. 18. Heft S. 30. Hier war ich noch geneigt, den 
Beginn seiner Bantätigkeit anf 1425 anzusetzen. 
97) Miteil. des C.-V. 18. Heft S. 62 ff. Wir bemerken hier nachträglich, 
daß schon 1429 mit dem Abbruche des fährtores begonnen wird. Rechnung 
dieses Jahres Kat. II,XVI 6 S. 22; vgl. S. 20. 
98) Mitteil. des c.-V. 18. Heft S. 39. 
99) Mitteil. des c.-V. 20. Heft S. 30 und 36. 
100) Undatierte Rechnnng [von 1437] Kat. 11, XVII 44. 
10J) Rechnung Kat. 11, XVII 44. 
101) Katal. 11, XVI 24. 
lOS) Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 266. 


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			Glocken gehen sollten, die Klöppel gemacht, die Eichenhölzer, auf 
denen die Glocken mit den Zapfen lagen, und die Seile gekauft 104). 
Ein Maurer hieb am Turme aus, offenbar, damit die Glocken in 
den Turm gezogen werden konnten. Gotland erhielt für den 
"Bogen" 1 Markj was für ein Bogen gemeint ist, ist nicht klar. Jeden- 
falls war es Gotlands letzte Arbeit an der Johanniskirchej wohl 
aus diesem Anlasse erhielt gleichzeitig seine Hausfrau 7 Mark. 
Von diesen Glocken - es waren nach dem Wortlaute der 
Rechnung von 1437 mindestens drei - ist eine erhalten 105). 
. Aus der Rechnung von 1437 verdient noch die Ausmalung 
der Kapelle für 1 Mark Erwähnung. Welche Kapelle gemeint ist, 
ist schwer zu sagen. 
1437 war die Arbeit an der Pfarrkirche zu S. Johann voll- 
bracht, wie der Rat in einem an den Rat von Danzig unter dem 
8. November gerichteten Schreiben erwähnt, in dem er den Mei<:>ter 
Gotland zur Beschäftigung empfiehlt 106). 
In den letzten Jahren, 1434 -1437, war die Tätigkeit des 
Meisters Gotland im Dienste der Stadt anscheinend von geringem 
Umfange gewesen. 14;J7 war er außer an der Johanniskirche zu- 
sammen mit einem Meister NicJis verwandt worden, den Grund zu 
den Pfeilern auf der Schiffbrücke zu mauern, die alten Pfeiler zu 
bessern und abzurichten, die fleischbänke zu bessern und die Bad- 
stube zu behängen 1(7). Dieselbe Rechnung nennt auch Sparren, 
Zimmerholz und kleine Sparren, die bei der Johanniskirche Ver- 
wendung fanden, außerdem eichene Dielen für die Glocken. 
1441 wurden drei alte Glocken zerschlagen, darunter die 
Predigtglocke, und drei neue unter Hinzunahme anderen Materials 
gegossen. Von Interesse ist die Verwendung des Messings von 
Leichensteinen. Die drei neuen Glocken waren die große NicJos- 
glocke, die nächstgroße Glocke und die neue Predigtglocke 108 ). 
b) Die Ueberhöhung des Lan
hauses, weitere Pläne und kleinere 
Bauten. 
1468-1497. 
Im Jahre 14!5 wurde ein Stadtmaurer angenommen 109). Vielleicht 
war es Meister Lucas, der in den Jahren 1448-1451 mit Bauten 
an der festung beschäftigt war 11O ). Diese bewegte Zeit und die 
Kriegsjahre ] 454-14G6 drängten die Sorge um die kirchlichen Bau- 
werke in den Hintergrund. Die Kirchen der Neustadt waren "ver- 
fallen und verdorhen." Den Beschwerden der Neustädter wurde 
10') Die Rechnung- ist zwar undatiert; hält man sie aber gegen die Rech. 
nung von 1436, so ergibt sich die obige Datierung mit Sicherheit. 
1(6) Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 266. 
106) Mitteil. des c.-V. 20. Heft S. 66. . 
107) Katal. 11, XVI 24. Die Rechnung ist zwar undatiert; da aber der 
1437 tRatmann Hennann Palsat als verstorben erwähnt wird, kann sie nur dem 
Jahre 1437 angehören. 
lOB) Rechnung von 1441/42 in Kat. 11, XVII 44. 
100) Mitteil. des c.-V. 13. Heft S. 67. 
110) Mitteil. des c.-V. 13. Heft S. 68-70. 


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			nachgegeben, und der Rat setzte von t.t.67 ab die auf 3 erhöhte 
Zahl von Kirchvätern ein 111). Der Verfall der Johanniskirche 
führte 1.J-68 zu einer ähnlichen Maßnahme in der Altstadt. Dem 
Kirchvater aus der Mitte des Rats soll fortan ein Beirat aus der 
Gemeinde beigesellt werden, damit das Kirchenvermögen besser 
verwaltet würde. Die urkundliche Nachricht darüber findet sich im 
Zinsbuche l12 ); sie lautet: 


{I Jfj8). 
In deI' JOI'c;:al ilieslt dm'sfi ?Jnnset's ltC/'I'en Tawsinl Virlul/Idertlt 
Vllllrl acldvU1ldsecl/rzigisten llOt deI' I
h(lIlle Ratlt mit dm eldistcn hen'en 
vle!Jssigliclt betmrllt vnnd zu l,e/'c:en gm01llen der "-irclten sinfe Johannis 
aheneml'n vllml "orterbnis vnlld 1J
ie sie wedh' t'II"-ol1len vmul gebmoet 
1IIoge tOC1ylen. flo1'll1/tbe hot deI' Rriiome Rat/t dil'kont etlirlte erbare 
glitte leu'te vs (lcl' genll'.'I"en dOll 01' 2uralltCn t'1/1111 ,lU!.'iesen nebel! dem 
heTl"'1l de!J Ratllis, alse dem E,'samel! herren Jolum Rlllt'8en, diez i01'S 
kil'ellClwalC'I', vIII"l also vordIll/. alle im' mit Iwlfe vllnel be}jstclldikeit des 
lm'ren t'S dem Rllfl;e V01' (ly kirclw vmul it'e c:iI/SC1' zumtben VII/lel dy 
::1(U01'so/',1len. So sillt ge
'm'l'n dcse Et.bm'c norllg('scll'l'cbene gt:tte manne, 
alse lw' 
Maffis Rich!('1', Srli('p[J(', LudlJ'ig sel/il/drler vnnd libm'ills iode, 
t',md eil sint de?' ki-rchcn e.ill8el' olJi;'andwc/.t t"1 desem huclle ,1lescllrebcn. 
Darnach begannen die Bauarbeitcn an der Johanniskirche 1468. 
Die Dauer dieser Arbeiten geht aus den folgenden drei Nach- 
richten hervor: 
I) f1l72J. 
Ifem (!OI'nacl:, Im efe. l.t';<;ii ./01'e tom't dcszen obgesclu'ebelln ltert'en 
vllde glitten lewtel! zeulw./ffe ,1/1'!lebe'! IWll/'ielt kriiger mit/telffen :zeu 
Rat/tCn vnnde :cuuolendm die gcbeu:de! 13). 
2) L 1472). 
Meistm' J\'ocop bauet f/I
f vel'ordnung der J\.irclwnvätel' dm Scl,wie- 
hogen zu S. .Jolwnn 1II£t dem PfeileI' dieses .Ju/U. I !4). 
. 3) L 147.'17. 
Im Jw'e '/n. rece. .Im'. lxxiii. am. abende. Im'ellt:. Ist. dl:s. Ge- 
weihe. Geslo{;sen 1 !5). 
Nach Wcrnickes Bericht befanden sich diese Worte als In- 
schrift in der Kirche "rechts an der Turmwand". Sie waren an- 
scheinend "in schwarz gcmalten oder doch nur ein wenig erhabenen, 
etwa einen halben Fuß langen Buchstaben dargestellt" und waren 
noch vollkommen erhalten, wenngleich sie wegcn der Höhe nur 
schwer mit bloßcn Augen erkannt werden konnten (185(j). Die 


111) Mitleil. des c.-V. 13. Heft S. 107. 
112) Liber cenSllUIIl ecclesie sancti johannis. Katal. 11, XVII 42 Rückseite 
des ersten Blattes. 
113) Liber censuum ecclesie sancti johannis. Katal. 11, XVII 42 Rückseite 
des ersten Blattes. Diese Eintragung steht hinter der von 1468. 
IIf) Mitteil. des c.-V. 13. Heft S. 114. 
116) Wernicke, Die Kirchen der Stadt Thorn. Handschr. im Ratsarchiv 
Kat. 11, X 25 S. 13. Nach derselben Qnelle soll vor 30 jahren [also 1826] an 
der östlichen Wand der Kirche noch eine zweite Inschrift sichtbar gewesen sein. 


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			Inschrift, die jetzt vielleicht unter der Tünche liegt, konnte von uns 
bisher nicht aufgefunden werden. 
Welcher Art die Bauten in den Jahren 14fi8-1473 waren, er- 
fahren wir aus nachstehendem Vermerk des Zinsbuches. 
[Naclt 1472). 
ltem. zCuu.is8en allen v1l1ule 1'gliclten vnde zcukiimfltigen, die de.' 
Er8Zallle Rath uu der ki]'clte sancti Joltanni8 ZCUUOl'1J'es
C'J' kewst vnde 
setczet, das die tle!Jsziglichen lassen zcuseen Z{'It den R!Jnnen obir der 
mittel I.irchen, wenn ilJ
 ist geselteen, do lllen die pfe.yllC'J' vttt/'e.lJb mit 
dem gewelbe, do hot isz der cZ!Jmmel'nzan vo/'seen mit den baU-en. VII/ul 
hot die vorslleten, das die vif" die Mamel'latte nicht "'unden ]'ciclten, 
sundet. men 'fIlllste 8ie oft eichen clotczer legen, domit 8ie vorlellget mOl'den. 
Dergleichen men och zcu den declteren wol zcusee, vff das eiN' kirche 
vnnde den gewelben ke!Jn schade ge3cltee In zCIlI.'omenden zceitell, Nemellde 
das lon von dem Almechtigen [lote vnnde dem liben Iten'CIlsallct .JolwnnesIIG). 
Steinbrecht, der diese letzte Notiz zuerst benutzte und ver- 
öffentlichte, schloß daraus richtig, daß in dieser Zeit ein Auf- 
trieb der Gewölbe stattfand 117). Nehmen wir noch die von uns 
veröffentlichten Notizen von ]4(;8- -147ö hinzu, die zusammen auf 
die AÜsführung größerer Bauten hinweisen, so ist die Erhöhung 
des Langhauses in diesem Zeitraume sichergestellt, und die ab- 
weichende baugeschichtliche Darstellung Heises 118) muH aufgegeben 
werden. In welcher Reihenfolge die einzelnen Schiffe erhöht 
wurden, ist nicht zu sagen; zuletzt scheint das nördliche Seiten- 
schiff eingewölbt worden zu sein, wenn man unter dem Ausdruck 
"rechts an der Turmwand", wo die von Wernicke gelesene Inschrift 
stand, die an den Turmpfeiler angrenzende Westwand des nördlichen 
Seitenschiffes versteht. 
Unter dem Schwibbogen und dem Pfeiler, den der Meister 
Prokop im Jahre 1472 erbaute, dürfen wir vielleicht den Bogen, der 
das nördliche Seitenschiff im Westen abschließt, und den dazu ge- 
hörigen Strebepfeiler verstehen. 
Vielleicht führte derselbe Meister die gesamten Bauarbeiten 
der Jahre ]468- -]473 aus. Aus dieser Zeit stammen vielleicht 
die rohen Steinskulpturen am ersten und zweiten freipfeiler des nörd- 
lichen Seitenschiffes vom Turme aus. An dem ersten Pfeiler setzen 
außer vier von unten in den Ecken aufsteigenden Runddiensten an 
den vier zur Längsachse des Langhauses parallel und senkrecht 
stehenden Seiten etwa von der Mitte der Pfeiler vier weitere Rund- 
dienste an 119). Diese acht Skulpturen sind, von der Westseite des 
Pfeilers an gezählt, folgende: J) Wappen (Lilie), 2) Kopf eines 


116) Liber censuum ecclesie sancti Johannis Katal. 11, XVII 42. Die Ein- 
tragung steht hinter der von 1472. 
117) Stein brecht, Die Baukunst des deutschen Ritterordens in Preußen I. 
S.25. 
118) Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 258. 
119) Die vier zuerst genannten sind sichtbar auf dem Grundrisse des 
Pfeilers in: Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 243. 


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			Skulpturen von cincm Frcipfeitcr 
in dcr Johanniskirche zu Thorn. 


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fnl" "'iBB<,uBchnft und KuuBt. 21. 


t.ichtdruck 'Y011 Albtln }'r..ch, Borlln W.
		

/Pomorze_038_09_062_0001.djvu

			\
		

/Pomorze_038_09_063_0001.djvu

			. 


. 


poinischen Edelmanns mit pelzverbrämter Mütze (?), 3) Zwerg, 4) 
Kopf eines Königs mit Krone, 5) Konsole (?), 6) Konsole (?), 7) 
Kopf eines bärtigen Mannes (Bürgers) (?), 8) Konsole (?). Vgl. die Tafel. 
Auf der Westseite des zweiten freipfeilers befindet sich noch eine 
9. Skulptur, die anscheinend einen Mönch mit Kapuze darstellt. 
Es ist unwahrscheinlich, daß ein anderer als der Maurermeister, 
der das Langhaus erhöhte, diese Skulpturen einfügen ließ, und so 
könnte das Wappen vielleicht dem Meister Prokop angehören. 
An der Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse bei S. johann 
und an dem zuletzt beschriebenen Bau hat sicher seinen großen 
Anteil der rührige Pfarrer Hieronymus Waldau, Domherr der Hoch- 
stifte Ermland und Culm, der als Pfarrer von S. johann 1466/67 
bis 1495 wirkte 120 ). 
Unter seiner Amtstätigkeit wurde am 15. August 1479 die 
große Orgel, die von dem Minoriten Bartholomaeus gebaut worden 
war, zum ersten Male gespielt 121). 
Diese Orgel befand sich an derselben Stelle, an der noch 
heute eine Orgel steht, an der Ost wand des nördlichen Seiten- 
schiffes 122 ). 
Auch dem weiteren Ausbau der Kirche wandte Waldau sein 
Interesse zu. Wir glauben, daß schon bei der Erbauung des gewaltigen 
Turmes 1407-1433, der doch zu der niedrigen Hallenkirche gar 
nicht im Einklange stand, auf eine Vergrößerung des Kirchen- 
gebäudes Bedacht genommen war. Außer den Größenverhältnissen 
spricht für diese Vermutung auch das Vorhandensein der großen 
Nische auf der Ostseite des Turmes im Innern der Kirche. Als 
erste Konsequenz ergab sich dann die Erhöhung des Langhauses 
1468--1473. Nun war von der alten Kirche noch der niedrige 
Chor übriggeblieben. Zehn jahre nach der Vollendung des Lang- 
hauses dachte man an die Vergrößerung des Chors. Am 30. April 
1483 beurkundeten der Rat der Altstadt Thorn und die Kirchenväter 
der johanniskirche, johann Rackendorf, Liborius jöde und Mattis 
Richter, daß Hieronymus Waldau der Kirche "czum ba wen und 
dirlengunge des chores" unter bestimmten Bedingungen 50 Mark 
geringes Geldes vermacht habe 128). Wir können wohl annehmen, 
daß diese Schenkung den Grundstock zu einem Baufonds bildete, 
der allmäh lich angesammelt werden sollte. 
1
) Vgl. Zeitschr. des westpr. Geschichtsvereins. Heft 49 S. 225-226. 
Als Jahr des Amtsantritts in Thorn können wir nicht, wie hier geschehen ist, 1466 
bestimmen, sondern müssen einen Spielraum von 1466 zu 1467 lassen. Dagegen sind 
wir in der Lage. als Todesjahr 1495 mit Sicherheit zu behaupten, dasein Nachfolger 
Johannes Smolle schon am 13. februar 1496 als Pfarrer von Thorn genannt 
wird. Ratsarchiv Katalog I Nr. 2590 a. 
111) Zeitschr. des westpr. Geschichtsvereins 49 S. 242. 
m) Ueber eine Orgel, die unter dem Triumphbogen hing (seit wann ?), 
vgl. fontes VI- X S. 210. 
118) Zeitsehr. des westpr. Oeschichtsvereins 49 S. 228-229. Aus der dort 
erwähnten Eintragung der Urkunde in das Ratsbuch sind die Namen der Kirchen- 
väter und des Waldau entnommen in den "Thorner Denkwürdigkeiten." Mitteil. 
des c.-V. 13. Heft S. 131. 


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			Nach einer Vermutung Heises wurden im Jahre 148-1 die 
beiden Vorhallen am Turme aufgeführfl 24 ). Die Quelle, aus denen 
Heise schöpft, ist außer den Kunstformen der folgende Brief des 
Rates von Thorn an den Rat von Danzig aus dem Jahre 148-l. 
Vnnszern trun tlichenn grus mit beheglichem willenn sfetis ZCII- 
110renn. Erszame, wolweisze hemn bszllIzder guttenn friinde. So vnnde 
nach deme wir denne eynen baw an vnszer pfarkirdzelllz angefangellll 
habfll1l vnlld den gerne volendellll vnnde mit gotis hulffe vorbrmgellll 
weldenn, sunder vmbe gebruchs halbenn kalkis musz esz dorneder 
legenn efc. Hirumbe So biffenn wir euwer weisheit gantcz frundtlidl 
ill bszllllderm /leis, wollet vns zcu semlidzem baw vnde czubehllft 
vnnszer Sfat XXX ader xl leste kalk lassen1l zcusteen. Das wellen 
wir 11l allem gutte gerne vorScllllldell vmbe eUlVer Erszame weysheif, 
die wir gote befelen. Oebenn zcu ThorwlIl am dunrstage nach 
Oerdrudis Im etc. lxxxiiii lore. 


Ratmanne der 
Stat Thorunn. 


Adresse auf der Rückseite: 
Den Erszammn wolweiszellll hemn Burgermeister vnnde Rat- 
mannen der Stat Oeda1lczke Vllnszernn bszUlldermn gUllstigelll1 
frundenn 12o ). 
Es ist zweifelhaft, ob wir der Vermutung Heises ohne Ein- 
schränkung folgen dürfen. Nach sicherer Nachricht wurde im Jahre 
1470 "aus der Halle auf dem Kirchhofe" ein Gebot des Rats publi- 
ciert I26 ). Nach Lage der Dinge kann nur die nördliche Vorhalle 
gemeint sein. Ihre Bauzeit dürfte daher in die Bauperiode 14ns bis 
1473 fallen; dagegen kann die südliche Vorhalle wohl 148-1 erbaut 
worden sein. 
für die Bautätigkeit des Jahres 1484 nimmt Heise dcn Meister 
Hans Brand in Anspruch, der im Jahre 1485 an der Marienkirche 
zu Danzig tätig war 127 ). Er stützt seine Vermutung auf ein 
Schreiben des Johann Scheweke und Heinrich falke an den Rat 
von Danzig vom 17. März 1485, in dem es am Schlusse heißt: 
ffurder Erszame herrenn, vor x tage1l vnde lenger sprodlell wyr 
den maurer, dem dy pfarkirdze zcumauren ist vordingt, yn frogmde, 
wanner er sich ken dantzdle welde tl/gell, don
f/ er antwerfe, er bl iii 
tagen abeczyen welde. So ist vns derselbte neclttm vnder ogen komm, 
Vllde abermols grjroget seyns czoges halbm kegen dantzcke, Sprach er, 
er bysnodlher keyne gesellen, al/sgenomen eynell, hette modlt bekol/lm, er 
vorsege sich ollch, keynegesellellfurder zuerhaldell. Darvl/lme, Ersame 
herrenn vnde frunde, wyr befurcltten VIIS, dy kirche mit selbtenmanlle 


J
) Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 256 -258. 
J
O) Original auf Papier mit aufgedriicktem Papiersiegel d (nach Engel,- 
Die mittelalterlichen Siegel I. Teil S. 19) im Staatsarchiv zu Danzig 300 Abt. 
U 68 Nr. 254. 
J16) Mitteil. des C.-V. 13. Heft S. 111. 
m) Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 258. 


- 50 -" 


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			nieht wol sulle seyn vorwareth. Gof/le beuolmn. Gegeben zu thorun 
am domstage (sie!) noch letare Anno ete. lxxx quinto. 
johann Seheueke 
Heinrich /falke. 1118) 
Der Wortlaut dieses Schreibens läßt es freilich unbestimmt, 
ob Hans Brand nach Danzig aus Thorn gekommen sei. Aber wir 
finden in einer Rechnung des Jahres 1481 in Thorn außer dem 
Maurer janko als Maurer noch beschäftigt einen Meister Hans 129). 
Dieser könnte mit Hans Brand identisch sein. 
Noch manche förderung erfuhr die Kirche während der Amts- 
tätigkeit des Hieronymus Waldau. 1485 vermachte Barbara von 
Birken, die Witwe des Bürgermeisters Rüdiger v. Birken, der Kirche 
zu S. johann das Dorf Simenau I30 ). 14!)O gab der Pfarrer Hierony- 
mus Waldau 50 Mark zum Neubau des Pfarrhauses. Der Rat ließ 
es zwar bauen, wollte aber mit dem Bau fortan nichts zu tun 
haben, sondern der Pfarrer sollte es aus eignen Mitteln bauen, 
und auch die Kirche sollte nichts zusetzen 131). Als der König 
Johanll Albert am 31. Oktober 14!)'1 seinen feierlichen Einzug in 
Thorn hielt, stiftete er zusammen mit seinem Bruder Sigismund für 
den Hochaltar 32 ungarische Gulden 182). 
]495 starb der rührige Pfarrer Waldau. Unter seinem Nach':' 
folger johannes Szmolle wurde 1497 der Plan, den Chor neu zu 
bauen, noch einmal aufgenommen. Wir erfahren das aus nach- 
stehendem Schreiben des Rats von Thorn an den Rat von Danzig 
vom 8. April 1497. . 
Vnnszermn fruntliehenn grusz mit Steter behegeliehkeit zeuuoren. 
Erszame, Namha/ftige, wolweysze her renn, bszonndergonstige frunde, 
wyr zeyn 11m meynUllge, gote deme almee/ltigen, oueh Marien, zeyner 
gebenetfeytenn mutter, ZCllm ewigenn lobe vnnde Ere vnnde allen 
Crisztglobigellll szelell zeu troszte Inn vnnszer pfarkirehe der a/denn 
Stadt den Cohr newe zen ba wenn, dar
eu wyr denne Materialia, 
bszontfenlll kalgk, gebroch habenn, dar von E. w. mit bszonderem 
fleys frunl/ich byttellll, Ewer w. geruche, vnnszerenn der zelbtigen 
kirclleJIn sty/fwetere1l/1 etezliche last kalgkesz bey euch In Ewer Stadt 
durch E. w. etaliche mitborger, dy zy dorezu konnen vormogenn, 
zcukowffe1l/1 vorgonnenn v/l/lde gestatmn, den sze/btigenn vorge- 
nommen baw szeliglicheJIn zeu fu/endenn,. gantez vorszehenn, E. w. 
v/ms hyrilllle zen willen seyn wirt, vor sc holde wir gen E. w. Gote 


1118) Original im Staatsarchiv zu Danzig 300 Abt. U 77 Nr. 73. 
1
9) Ratsarchiv Kat. 11, XVI 24 Rechnung von 1481 S. 9. Hier heißt es: 
"ltem mester hans deme mewerer gebin von deme quartir beynnen des rothusszes 
Czu besteygen ewber den brot benckenn vor sulche erbit XI mark vnd vor lli 
seitte speck VIII scot". 
J50) Mitteil. des c.-V. 13. Heft S. 132. 
131) Zeitschr. des west pr. Geschichtsvereins 42. Heft S. 157. Vgl. Mitteil. 
des c.-V. 13. Heft S. 134. 
131) Zeitschr. des westpr. Oeschichtsvereins 49. Heft S. 246. 


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			gluckszeligk bevolenn jlUntlich ye gerne E. w. anthwerth. Oegehenn 
zcu Thorunn am Sonnobellt vor de1l1e SIlIztage misericordia domini 
"Noch Cristi gebordt der mynner czallm Szebennvnndenewnczigsztenn 
jore. Radtmanne der 
Stadt Thorunn. 
Adresse auf der Rückseite: 
Dem Erszammelln Namhafftigelln wolweyszenn herrenn Borger- 
meysztir vnde Radtmannenn der Stadt danczke vnnszertlln bszo/lder- 
gonsztigenn jrunden I88 ). 
Ohne Grund nimmt Heise an, daß es sich "weniger um einen 
Neubau als nur um die Wiederherstellung des zerstörten Altar- 
hauses" handelt 184). Sowohl nach dem Wortlaute dieser Urkunde als 
auch nach unserer vorangegangenen Darstellung kann nicht mehr 
bezweifelt werden, daß eine Zeit lang die Absicht bestand, einen 
den Größenverhältnissen des Langhauses entsprechenden Chor zu 
erbauen. Warum der Neubau des Chors unterblieben ist, konnten 
wir bisher nicht ermitteln. 
Als letzte Bauarbeit des ausgehenden Mittelalters kommt nur 
noch der kleine Anbau der Sakristei, die Schatzkammer, in frage, 
der nach Heise wahrscheinlich 1497 aufgeführt wurde. Eine Nach- 
prüfung bedarf diese Vermutung wohl auch I3li ). 
Damit waren die Neubauten an der Kirche zum Abschlusse 
gekommen. Abgesehen von den Zerstörungen, die der Chorgiebel 
und die drei Giebel des Langhauses in bisher nicht bestimmter 
Zeit erfahren haben 186),. steht das Gebäude im wesentlichen so da, 
wie es gegen Ende des ] 5. Jahrhunderts gestanden hat. D r e i 
J a h r h und e r t e hab e n a n d ie sem rag end enD e n km a I 
d e u t s c her K u I t u r g e a r bei t e t. M ö gen die kom m e n- 
den Geschlechter immer Verständnis und Kraft 
gen u g b e s i t zen, e s ins ein e mal t e n Z u s t a n dez u 
erhalten! 


. _ t0+-4 _' 


1115) Original auf Papier mit aufgedrücktem Papiersiegel d (nach Engel, 
Die mittelalterlichen Siegel I. Teil S. 19) im Staatsarchiv zu Danzig 300 Abt. 
U 69 Nr. 104. 
184) Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 258. 
1M) Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 258. 
186) Wann der Chorgiebel durch den Blitz zerstört wurde, läßt sich aus 
dem Berichte des 17. Jahrhunderts auch nicht annähernd bestimmen. Prätorius, 
Beschreibung der Stadt Thorn S. 81. Bie Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. 
S. 258 Im Jahre 1661 wurde der Chorgiebel durch einen Sturm von neuern 
beschädigt. Zernecke Chronica I S. 350. 


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			Anhang l. 
Uebersicht über die Baugeschichte. 
ca. 1250-1257 Bau des Altarhauses. 
ca. 1260-1290 Bau des langhauses und des Turmes. 
ca. 1310-1320 Neubau der Sakristei. 
ca. 133!)-1349 Bau der Kapelle Rockendorf (leichnamskapelle). 
1319 Bau der Kapelle des N. Pfafkorn (Kapelle S. Cruds ?). 
1351 Brand der Kirche. 
1361-ca.1374 Erweiterung des langhauses um ein Joch und 
Vollendung der nördlichen Kapellenreihe (3. und 
4. Kapelle). Neubau des Turmes begonnen. 
1382-1384 Wandschränke in der Ostwand des Chors. 
ca. 14000derca. 1407 Beginn des Baues der südlichen Kapellenreihe. 
1403 Vollendung des 11. Turmes. 
1406 Einsturz des 11. Turmes. 
1407-1417 (?) Erdgeschoß des 111. Turmes mit den Anbauten. 
1428 (?)-1433 Die beiden oberen Geschosse des 111. Turmes. 
1436-1437 Neue Glocken. 
1441 Umgießen dreier Glocken. 
1468-1473 Erhöhung des langhauses. Bau der nördlichen 
Vorhalle (?) 
1479 Bau der großen Orgel. 
1484 Südliche Vorhalle. 
1490 Neubau des Pfarrhauses. 
1497 Bau der Schatzkammer (?) 


I. 


Anhang II. 
Uebersicht über die Maurermeister und Maurer in Thorn. 
Ende des 14. Jahrh. bis Ende des 15. Jahrh. 
Maurergeselle H ans Tür m chi n 1392. 
Stadtmaurer A n d r i s 1399-1400. 
Maurergeselle Niclas Vynkenczayl1400. 
Meister Jakob 1407-1417 (?) 
Maurer K ey s s e r 1409. 
Meister Si mon 1420-1423. 
Meister An d r i s 1422. 
Meister V y n k e n c z al 1427, 1429 (s. oben!) 
Meister A 11 sei mus 1427, 1429, 1430. 
Meister Ha n s Go tl a n d 1427-1437. 
He i n r ich, Kumpan des Hans Gotland, 1432. Mitteil. des 
c.-V. 18. Heft S. 60. 
Meister Ni c li s 1437. 
Meister lu ca s 1445 (?), 1448-1451. 
Meister Pro k 0 p 1472, vielleicht 1408-1473. 
Maurer Ja n k 0 1481. 
Meister Ha n s 1481, vielleicht identisch mit Meister H ans 
B ra n d 1484. 


Verantwortlicher Herausl\'eher: Professor Artbur Semrau in Thorn. 
Druck der Buchdruckerei der Thnrner Ostdeutschen Zeitung, O. m. b. H. in Thom. 


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Mitteilungen 


des 


Coppernicus - Vereins für Wissenschaft und Kunst 


zu 


Thorn. 


21. Heft. 


September 1913. 


Nr. 3. 


Inhalt: 
P. Pan s k e, Zur Geschichte einer alten deutschen Ansiedlung in West- 
preußen. 2. S. 55. 


Zur Geschichte einer alten deutschen Ansiedlung in Westpreuszeo. 2. 
Von P. Pan s k e, Pfarrer zu Bütow. 
Die sieben Dörfer, auf welche unser erster Aufsatz in diesen 
M ilteilllngen Hcft J(i (1908) S. il5-48 Bezug hatte, finden sich 
urkundlich sämtlich erst im 14. Jahrhundert, nach dem Beginn der 
Ordenshcrrschaft in Pommerellen, erwähnt. Die früheste Nachricht 
überhaupt gehört vemllltliclz ins Jahr 13 HP). Da hat ein Bcamter 
des deutschen Ritterordens, von dem wir nur den Vornamen 
kennen, Brun 2 ), der Kapelle, welche seit alters auf dem Heiligen- 
berge in einiger Entfernung vom heutigen Dorfe Frankenhagen 3 ) 
bestand, die Rechte einer Pfarrkirche erwirkt und im Zusammen- 
hange damit die Verlegung des Gotteshauses nach seiner bis in 
die Gegenwart festgehaltenen Stelle veranlaßt. 1347 sodann wurde 
die Kirche erweitert und mit allem Notwendigcn als Bänken, drei 
Olocken usw. vollgenügend versehen. Erweiterung und innere Aus- 


1) Um mich nicht unnötig zu wiederholen, verweise ich Leser, die sich 
für diese und andere hier in Betracht kommenden Einzelfragen interessieren, 
auf die Anmerkungen, welche ich der Ltlstrntirm der Kirchen zu Osterwik und 
franken hagen vom Jahre 1485 gelegentlich ihrer Veröffentlichung im 12. Bande 
der von der societas literaria Toruncnsis herausgegebenen fontes 1908 S. 211 ff. 
beigefiigt habe. 

) Jedenfalls gehörte er dem Schlochauer Konvente an. 
S) Nach der Aussprache des Namens der Örtlichkeit, wie sie sich bis in 
unsere Zeiten hinein erhalten hat mit dem Tone auf der ersten Silbe des 
Wortes, handelt es sich um einen mons Bll>lctorum; weniger gut, um nicht zu 
sagen irreführend, übersetzt ihn die alte Lustration mit mons sacer. Zu mons 
sanctorum vgl. die Ortsnamen Seligenstadt im Würzburgischen (= locus bea- 
torum), Seeligstadt und Scelingstädt im Königreiche Sachsen. "Selig" heißt 
noch heute bei uns wie anderswo jeder als gläubiger Christ Entschlafene, 
polnisch sagt man dafür Bwil,)\ej pllmil,)ci. Möglich, daß mit diesem letzteren 
Ausdrucke jene Bezeichnung der ehemaligen Kult- und Begräbnisstätte als 
Heiligenberg in Verbindung steht. 


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			stattung verdankte sie dem damaligen Schlochauer Waldmeister 
Bruder Bertram von Hohensteint). Die Versorgung der Kirche 
aber, glaube ich, hatte ihren tieferen Grund in der um eben jene 
Zeit vorgenommenen Lokation des Dorfes franken hagen zu 
culmischem Recht. Diese erfolgte in der Weise, daß der Schlochauer 
Komtur Bruder Johann von Barkenfelde durch Urkunde von 
vielleicht dem 22. September 1347 (oder schon vom 23. September 
13M3 ?)2) dem Schlllzen Johannes 61 Hufen überwies, von denen 
52 mit Bauern besetzt werden sollten, während gleichzeitig 4 für 
den Pfarrer ausgeworfen und die letzten 5 als Entgelt für das Be- 
setzungsgeschäft zu freien Schulzenhufen erklärt wurden. Bemerkens- 
wert ist noch, daß in der Handfeste von einem alten Kreczim die 
Rede ist, von dem die Hälfte des Zinses dem Schulzen zugebilligt 
wird: es kann kaum zweifelhaft sein, daß, nachdem die Kirche er- 
baut war, sich daneben alsogleich eine Krugwirtschaft aufgetan hatte; 
dies pflegte in alten Zeiten stets der fall zu sein:!). Ueberdies er- 
hielt der Schulz Johannes nach der üblichen Praxis des Ordens 
noch den dritten Teil der Gefälle des Dorfgerichts angewiesen. 


1) Auch diesen OrdensriUt'r vermögen wir, soviel ich weiß, sonst nicht 
nachzuweisen. Wohl aber war ein Bernhard von Hohenstein (Hoinstein), 
vielleicht aus Hessen g-ebiirtig-, 1352 WUerbruder und 1355 Pferdemarschall des 
Konvents zu Christburg (vgl. Heft 9 der Historischen Zeitschrift für den Reg.- 
Bezirk Marienwerder S. 104 und 106): möglicherweise ein naher Verwandter. 

) Hinsichtlich der Datierung- verweise ich auf die Anmerkung- auf S. 76 
hinter der Urkunde Nr. 72 in dem Buche: Urkund
n der Komturei Tuchei, 
Danzig ]9] I (= Quellen und Darstellungen zur Geschichte Westpreußens 6). 
S) Später kam es sogar vor, daß der Ortsgeistliche selbst eine gewiss
 
Schankg-erechtigkeit ausübte, wie denn die Lustration von ]485 dem Pfarrer von 
üsterwik-frankenhagen libertatem liquorum absque strepitu (also wohl eine sog. 
eicha karczma) zugesteht. Diese bestand noch im ]8. Jahrhundert zu 
Recht; vgl. das Decretum occasione propinationis cerevisiae in fundo eccle- 
siastico vom 26. Juni 1722 im 8. Buche der Caminer Consistorialakt
n (111 6 
des Pelpliner Archivs) gleich auf dem ersten BlaUe: In termino hodierno ex 
commissione peracta ineiden(ti) comparens personaliter Adm. R. Antonius 
Valentini plenipotens Adm. Rndi Joannis Kuklentz parochi Ostrouitensis actoris 
prineipalis, insistendo iuri communi et statutis Regni a Reg-e Alberto sub anno 
]436 t
ste Herburto titulo de cerevisia, quo mediante tribuitur facultas parochis 
in bonis regalibus braxandi et propinandi liquores etiam alienos in fundo eccle. 
siastico, petiit idem ad fundum Ecclesiae suae Silnensis extendi. In praesentia famati 
Klein eivis Tucholiensis suae totius Civitatis (nol1line) producente rotulul1l commis- 
sionis expeditae, in qua Jacobus Melk incola fundi Ecclesiae Silnensis sin
 
sei tu parochi cerevisiam Conecensem propinare praesurnpsisse deducitur. Prae- 
sente quoque praetacto Jacobo Melk, se sine seientia sui parochi cerevisiam 
Conecensem famati Polein eivis recepisse et propinasse agnoscente. Reveren- 
dissimus PerllJustris Dominus rotulum producturn aperuit: ex quo quouiam 
Jacobus Melk praesurnpsit absque ullo sei tu parochi sui cerevisiam iIIam alienam 
reeipere: proinde eundem ad libras cerae 5 pro Ecclesia Silnensi condemnavit. 
Salvo tamen iure inposterum braxandi, propinandi et facultatem concedendi in 
quacunque domo ecclesiastica, dummodo non 
xtra parochiam, parocho reser- 
vato vigore praeallegati statuti, et salva action
 spectabili magistratui Tucholiensi 
contra famaturn Polein eivem Conecensem absque consensu parochi propinante. 
Nach diesem Dekrete gewinnt es den Anschein, als ob das Ausschankrecht der 
Pfarrer lediglich eine polnische Gepflogenheit war und durch das erwähnte 
Statut vom Jahre ]436 legalisiert wurde. Ob auch im Ordensstaate etwas 
ähnliches zugelassen wurde, scheint mir sehr fraglich. 


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			Die Lokation selbst hat sich offenbar eine Reihe von jahren hin- 
gezogen. Erst 1355 kam auch die äußere die Ausstattung der Pfarrei 
zustande: die vier in der Handfeste des Dorfes vorgesehenen (und 
jedenfalls schon längst zuvor - bei der Privilegierung der alten 
Kapelle mit Pfarrrechten - in Aussicht gestellten) Hufen wurden 
auf der inzwischen nach dem System der Dreifelderwirtschaft ein- 
gerichteten feldflur nunmehr in Einzelstücken angewiesen; auch 
erhielt der Pfarrer in dem neu loderten Dorfe selbst zwei Hof- 
lagen von je 3/ 4 Morgen: auf einer derselben wurden die Pfarr- 
gebäude errichtet, dort, wo solche sich seit wenigen jahren auch 
jetzt wieder erheben. Zu den Hoflagen aber gehörte je ein sog. 
Garthof am Ende des Dorfes nach Konitz zu, vermutlich zum 
Anbau der Küchengemüse bestimmt. Endlich war auf der ent- 
gegengesetzten Seite des Dorfes ostwärts noch ein Garten samt 
daran stoßender Wiese (am fließe) der Pfarrdotation, wohl in 
erster Linie :iU fischereizwecken, überantwortet worden. 
Zwischen 132G und 1330 war auch auf der Burg Tuchei, welche 
um eben jene Zeit der Orden samt zahlreichen andern in der Um- 
gegend liegenden Besitzungen seitens des einheimischen Magnaten 
Peter von Neuenburg erworben haben muß, eine Komturei einge- 
richtet worden I). Von Tuchel aus wurde in Bälde die Lokation der 
sechs übrigen Dörfer unserer Heimat in die Wege geleitet. freilich 
ist es mit unserer Kenntnis dieser Vorgänge im einzelnen nicht 
zum besten bestellt, da die ersten Gründungsprivilegien von Granau, 
Lichtnau, Petztin und Schlagentin leider für immer verloren gegangen 
sind: das von Granau infolge Diebstahls, dasjenige von Lichtnau 
infolge Brandes, die der bei den andern Orte infolge späterer 
Kassierung durch den Orden selbst. Somit müssen wir uns 
wesentlich bei dem bescheiden, was sich über Osterwik und 
Zekzin diesbezüglich beibringen läßt. 
Osterwik übernahm im jahre 1338 der vir discretus et honestusl!) 
Nicolaus Sulesdorf in form eines Kaufs mit 84 Hufen zur Be- 
setzung nach culmischem Recht: 8 Hufen wurden ihm und seinen 
Erben oder Nachfolgern als freies Eigentum verliehen, 4 zur Pfarr- 
dotation bestimmt; so blieben noch 72 an Bauern aufzuteilen. 
Ueberdies erhielt er in gewohnter Weise den dritten Teil vom 
Ertrage der Gerichtsgefälle und die Hälfte des Krugzinses. 
Die Bauern haben je von der Hufe 17 scot an Geld und 


1) 1326 war Dietrich von Lichtenhain noch Komtur von Schwetz und 
Schlochau (vgl. beispielsweise die in den Roczniki tow. nauk. w Toruniu Jahr- 
gang 10, 1903 S. 375 f. veröffentlichte Handfeste des Dorfes Kgl. Neukirch), 
1330 ist er zuerst als Komtur von Tuchel nachweisbar. 
I) Das Transsumpt der Osterwiker Handfeste vom Jahre 1552 hat die 
beiden letzten Worte zu Unrecht fortgelassen. Sie finden sich in der Abschrift, 
die der Friedericianischen landesaufnahme beigegeben ist (Abt. 181 Nr. 13127 
des Danziger Staatsarchivs). Daß sie im Originale standen, beweist die Ueber- 
setzung: dem erbarn wysen manne. 


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			2 fette Hühner auf Martini zu entrichten. Sonst werden ihnen 
noch die üblichen Pflichten auferlegt, z. B. Hilfleistung bei Burg- 
bauten, nur daß sie von Arbeiten bei der Heumaad aus besonderer 
Rücksicht befreit bleiben sollen. Bemerkenswert sodann ist, daß 
bei der festsetzung des von den 72 Rustikalhufen an den Erz- 
bischof von Gnesen zu leistenden Zehnten ein Unterschied ge- 
macht wird, jenachdem der Zins vom Pfluge oder vom Haken erfolgt: 
der Pflug ist bekanntlich das deutsche, der Haken das alte 
slavische Ackergerät ; die Abgabe vom Pfluge wurde auf einen 
Vierdung, die vom Haken auf einen halben Vierdung normiert. 
Wir kommen auf die Bedeutung dieser Bestimmung weiter unten 
zurück. 


Hier liegt uns zunächst ob, noch die Grenzangaben in der 
Osterwiker Handfeste von 1338 mit ein paar Worten zu berühren. 
Da wird zunächst ein Baum genannt, bis zu dem sich die franken- 
hagener feldflur erstreckt, des weiteren ein Kienstrauch, sodann 
eine Eiche, diese als Grenze gegen Zekzin charakterisiert, ferner 
eine Linde bei der Mühle; dann finden sich - olme Zuhilfenahme 
von Bäumen oder sonstigen Orientierungsmitteln - schlechthin 
die Grenzen der Ortschaften Schlagentin, Lichtnau und Granau, als 
Grenzen auch für die Osterwiker flur benannt, was offenbar dahin 
zu verstehen ist, daß nach diesen Seiten, d. h. im wesentlichen 
nach Süden und Westen, die Grenzen bereits feststehend waren. 
Nicht so nach Norden und Osten zu: dort mußten Grenzen erst 
abgesteckt werden, so zwar, daß dabei das von dem Unternehmer 
Nicolaus Sulesdorf anzuerkennende Gesamtmaß der Fläche von 84 
Hufen herauskam. 


Die eben angestellte Erwägung stimmt zu der Tatsache, daß 
die ehemalige slavische Siedelung, welche als Vorgängerin des 
1338 ins Leben gerufenen Dorfes Osterwik anzusprechen ist, so 
ziemlich eine achtel Meile westlich davon entfernt lag: die Stelle 
derselben hat bis auf den heutigen Tag den Namen Dorfstätte be- 
wahrt, wie sie sich auch in der Lustration von 1485 bezeichnet 
findet. Damals schon handelte es sich um ein fe I d: es liegt am 
Ostufer des Osterwiker Sees, zwischen See - Behnkes und der 
Granauer Grenze. Beim Beackern dieses Geländes sind denn auch 
vor noch garnicht so langer Zeit funde gemacht word
n, die auf 
eine frühere menschliche W olm stätte schließen lassen. Der Kenner 
des Terrains sei zudem an die Tatsache erinnert, daß ebendort im See 
nicht weit vom Ufer sich Eichenpfähle eingerammt finden, die allem 
Anschein nach einst den Zweck hatten, als Stützpunkte einer Zug- 
brücke zu dienen, welche in Vorzeiten die Verbindung mit dem 
"Wall" - so nennt noch heutzutage jedermann in der Umgegend 
die Insel im Osterwiker See - herstellte. Daß es sich hier um 
einen alten sog. Burgwall handelt, kann nicht zweifelhaft sein: 
Bohlenreste, die am Saume der Insel sich noch vorfinden, deuten 
ebendarauf hin. 


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			Doch es ist für jetzi nicht unsere Absicht, in die vorgeschicht- 
liche Zeit der Gegend einzugehen I). Wir halten uns vielmehr an 
das urkundliche Material, welches für das 14. Jahrhundert vorliegt. 
Da berichtet uns denn wieder die Lustration von 1485, daß die (in 
der Handfeste von 1338 vorgesehene) Dotation der Osterwiker 
PFarrei noch durch den ersten Tuchler Komtur Dietrich von Lichten- 
hain selbst zur Ausführung kam. Wenn der Bericht genau ist, 
dann muH dies spätestens 134;} (oder 1344) geschehen sein, indem 
der genannte Ordensbruder nur bis dahin im Komturamte stand. 
Hier hören wir ausdrücklich, daß ein D 0 k urne n t vorlag: es ist 
anzunehmen (und tatsächlich besitzen wir Anhaltspunkte dafür), daß 
der Orden die Einzeldotationen der Kirchen allenthalben schriftlich 
fixiert hat. Hinsichtlich Osterwiks sei nur bemerkt, daß auch hier 
die Pfarrei 2 Hoflagen im Dorfe erhielt von je I Morgen Größe - 
auf der einen davon stehen noch heute Pfarrhaus und Wirtschafts- 
gebäude; auHerdem kamen an zwei verschiedenen Enden des Dorfes, 
dem "Stadtende" sowie dem frankenhagener, zwei Gärten oder, 
wie der alte Ausdruck lautet, Garthöfe hinzu, die jedenfalls 1485, 
wahrscheinlich schon viel früher mit je einem PFarrkaten besetzt 
waren (heutzutage der eine bekannt als Grabowskischer Katen; der 
andere ist eingegangen, an seiner Stelle befindet sich jetzt der 
Brügmannskaten). 
Ueberhaupt scheint das Besetzungsgeschäft von Osterwik 
ziemlich flott vor sich gegangen zu sein, denn schon unter dem 
NachFolger Dietrichs von Lichtenhain im Tuchler Komturamt, 
Konrad Vullekop, wurde eine Nachmessung der feldflur vorge- 
nommen, wobei sich ein Uebermaß von 6 Hufen und 3 Morgen 
Ackers herausstellte. Es ist lehrreich in mehr als einer Beziehung, 
was mit dieser obirmose angestellt wurde. Zunächst erhielt die 
Dorfschaft eine halbe Hufe für den See und eine weitere halbe 
Für den MÜhlenteich. Wohlverstanden: die fischerei auf dem See wie 
auch die Mühlengerechtigkeit war, wenn der Ausdruck erlaubt ist, 
ein Regal, der L3ndesherrschaFt vorbehalten. Nun wurde aber 
durch die bei den Gewässer ein ziemliches Stück an Ackerfläche 
den Dorfgcnossen entzogen: dafür der Ersatz. Darüber hinaus er- 
hielten die Bauern umsonst noch eine weitere halbe Hufe und die 
3 Morgen, desgleichcn der SChulz 1/ 2 Hufe:!). So blieben noch 4 


1) Nur die jüngste einschlägige Zeitungsnotiz vom 10. August d. }s. sei 
gestattet hier mitzuteilen: "E i n ewe r Iv olle B r 0 n zeh 0 h I axt mit schönen 
Verzierungen ist beim Pflügeu auf d('m felde des Gutsbesitzers fedde in 
Osterwik gefunden worden. Den fund erwarb lehrer Rosentreter für das 
Thorner städtische Museum. Auf derselben Stelle sind bereits früher vorge- 
schichtliche funde gemacht worden; auch ist sie von Professor Konwentz seiner- 
zeit eingehend untersucht und als Kulturherd vorgeschichtlicher Zeit festgestellt 
wurden. Am Ufer des Osterwicker Sees wurden römische Perlen der jüngeren 
Bronzezeit gefunden. Die Reste der Schanzen aus der Burgwallzeit gehen auch 
hier ihrem Ende entgegen". 

) ur daz sie uns deste baz czinseten; uf daz er uns deste baz gedienete: 
würde in etwas späterer Zeit mit Bezug auf die Bauern, bezw. den Schulzen 
die B
gründung lauten. 


. 


- 59-
		

/Pomorze_038_09_074_0001.djvu

			Hufen übrig: hinsichtlich dieser wurde wieder ein regelrechtes Kauf. 
geschäft abgeschlossen und die Hufe mit 15 mark (damaligen Geldes) 
bewertet. Die Summe - 60 mark - wurde selbstverständlich 
nicht in bar beglichen: woher hätten auch im 14. Jahrhundert 
Dorfleute, zumal solche des kolonialen Ostens, soviel Geld zu- 
sammenbringen können? vielmehr wurde die Schuldzahlung in der 
Weise geregelt, daß in Zukunft der Hufenzins mit je einem scot 
aufgeschlagen wurde. Bei 72 Hufen ergab das ein Jahres- 
mehr von 72 scot. Setzen wir dies in Beziehung zu der Kauf- 
summe (60 mark; 1 mark = 24 scot, also 60 mark = 1440 scot), so 
ersehen wir, daß die Grundrente im vorliegenden fall für den Orden 
5 Prozent abwarf; es wäre interessant zu beobachten, ob dies auch 
sonst der Normalsatz war. 


Daß die "Besetzung" von Osterwik zu einem glücklichen Ziel 
und Ende gediehen ist, läßt sich auch daraus abnehmen, daß die 
familie des Lokators noch 70 jahre später, also wohl schon in der 
dritten Generation, sich im Besitze des Schulzenamtes befand. Im 
jahre 1409 nämlich verlieh der Orden dem getreuen Hannes 
Czulisdorf Schulzen zu Osterwik und den sonstigen Dorfeinwohnern 
den Osterwiker See mit Ausschluß der Insel darauf, des sog. "Walles" 
(vgl. oben), gegen 9 Vierdunge jahreszins. Rechnen wir auch hier 
[) Prozent, so würde sich der Wert des Sees ohne Insel einer 
Kapitalsumme von 45 mark gleichstellen. Ob dies zutrifft, bleibt 
natürlich eine offene frage. 
Am Südwestufer des Sees auf dem sog. Seeberge, soll der 
Ueberlieferung nach die alte Kapelle des Ortes gestanden haben. 
Eigentümlich, daß das Gedächtnis der Vorväter dies festgehalten 
hat, während das Andenken an die vormalige Kapelle auf dem 
Heiligenberge bei frankenhagen ganz abhanden gekommen war 
und erst wieder literarisch erschlossen wurde. Viel1eicht hängt 
dies damit zusammen, daB die 0 s t e r w i k e r Kapelle ihrem 
Zwecke möglicherweise bis ins 15. jahrhundert hinein gedient hat. 
Denn die noch heute bestehende, aus feldsteinen aufgemauerte 
Kirche im Dorfe ist erst 1402 errichtet worden, und zwar auf Kosten 
des Ordens I). Die innere Einrichtung besorgte der Tuchler Keller- 
meister Bruder Kunz von Merenberg. Ihre wirkliche Ueberweisung 
zum gottesdienstlichen Gebrauche freilich erfolgte erst im jahre 
1435 2 ), was nach meinem Dafürhalten damit zusammenhängt, daß 


I) Es wäre freilich auch denkbar, daß gleich bel der Lokation des Dorfes 
eine hölzerne Kirche hingebaut wurde, die dann nur wenige Jahrzehnte vor- 
gehalten hätte. 
t) Die lange Verzögerung möchte ich fast dahin verstehen, daß Osterwik 
ursprünglich und noch zu Anfang des 15. Jahrhunderts als Pfarrei nicht selb- 
ständig war, vielmehr einem andern (dem Frankenhagener?) Pfarrsysteme an- 
gehörte. 1414 erlitten die Osterwiker an erim kirchgerethe 57 mark glltis geldis 
Schaden (unde siist am durffe 308 mark): Ordellsfoliant 5 b des Königsberger 
Staatsarchivs S. 346. 


.. 


-60-
		

/Pomorze_038_09_075_0001.djvu

			eben um jene Zeit ein starker Zuzug von Leuten aus dem Osna- 
brückschen her erfolgte: wie heutzutage beim Siedelungsgeschäft 
in erster Linie die Kirchen- und Schulverhältnisse eine Regelung er- 
heischen, so dürfte auch im 15. jahrhundert die Schaffung 
wenigstens eines geordneten Kirchenwesens Grundbedingung des 
Zuzuges gewesen sein. Ebendamals ist denn auch, wie ich schon 
zum Schlusse meines ersten Aufsatzes hervorhob, die Vereinigung 
der beiden Nachbarpfarreien vor sich gegangen, wodurch franken- 
hagen (als filiale) je länger je mehr in den Hintergrund trat. 
Keine zwei jahrzehnte darauf fielen dem schon mit 8 Hufen 
ausgestatteten Pfarrer (4 von Osterwik und 4 von frankenhagen) 
noch a weitere zu, insofern drei hinterbliebene adlige fräulein der 
Gutsherrschaft von Kozmin, des Namens (v.) Kam ecke, auf diesem 
ihrem Gute eine Kapelle errichteten und dieselbe 1454 mit 3 Hufen 
landes ausstatteten. Die Kapelle wurde nach kaum drei jahr- 
zehnten in das Dorf Zekzin übernommen. 


I 


Zekzin, zuerst in der Grenzbeschreibung von Osterwik er- 
wähnt, erhielt seine Handfeste im jahre 1342: dem dortigen Schulzen 
Heinrich wurden 45 Hufen zwecks Besetzung zu culmischem Rechte 
verliehen. Als Entlohnung für das Unternehmen erhielt er die 
üblichen Vergünstigungen: ein Zehntel der feldflur, somit 4 1 / 2 
Hufen, frei zum Schulzenamte, ein Drittel von den Gerichtsgefällen 
und den halben Krugzins. 41 1 / 2 Hufen blieben bäuerlich zu nutzen: 
der Hufenzins lautete auf 15 scot Geld und 2 Hühner zu Martini, 
sowie 2 Tage Scharwerksarbeit, zunächst bei der Heuernte; außer- 
dem kamen die üblichen Allgemeinverpflichtungen, wie Hand- und 
Spanndienste beim Burgenbau, in Ansatz. Hinsichtlich des nach 
Onesen zu zahlenden Bischofszehnten kehrt auch hier die Be- 
stimmung wieder: vom Pfluge ein Vierdung, vom Haken ein halber. 
Sonst findet sich diese Vorschrift, was die Komturei Tuchel betrifft, 
nur noch in der Stobnoer Handfeste vom jahre 1336. Nun ist 
bekannt, daß im Jahre 13-1-4 durch den Hochmeister ludolf König 
mit dem Erzbischof statt des Bischofszehnten ein Bischofsz ins ver- . 
einbart wurde, so zwar, daß von allen Ordensgütern, welche auf 
ius theutonicale gesetzt sich bereits im Kulturzustande befanden, 
deren Besitzer von jeder Zinshufe 2 scot zu entrichten hatten von 
der Zeit an, wo der Orden angefangen hatte, in jenen Gütern 
sei ne n Zins zu erheben I). Sonach können für unsere Betrachtung 
allerdings nur die Handfesten vor diesem Jahre in frage kommen: 
da scheidet dann noch diejenige von Sluppi (Ja...l) aus, weil sich darin 
der Orden anheischig macht, selbst für die Bauern den Bischofs- 
zehnten zu zahlen. Alles in allem sehen wir aber, daß in den ersten 
jahrzehnten der "Besetzung" von Zinsdörfern es den Unternehmern 
anheimgestellt wurde, ob sie in den von ihnen zu gründenden 
Dorfverband auch leute, die nach altem slavischen Herkommen 
we iter zu wirtschaften gedachten, mit aufnehmen wollten. jeden- 
I) Vgl. Voigt, Geschichte Preußens, 5. Bd. (Königsberg 1832) S. 34. 


- - 61 -
		

/Pomorze_038_09_076_0001.djvu

			falls kann von einer pi a nm ä ß i gen Kolonisation Ilur mitOeutschen 
in jener frühen Zeit nicht die Rede sein. Nirgends findet sich in 
unseren Handfesten die anderswo begegnende Weisllng, homines 
te u ton i co s zur Siedelung heranzuziehen. Bemerkenswert ist 
auch, daß für die Zinsdörfer bei ihrer Besetzung nach Clllmischem 
Recht keine freijahre stipuliert werden. Das läßt darauf schließen, 
daß die in Betracht kommenden Ortschaften sämtlich schon vordem, 
wenn der Ausdruck zutreffend ist, angebaut waren, somit genau 
genommen eigentlich nur auf ein besseres (das culmische) Recht 
umgesetzt, und dadurch einer höheren Kultur fähig gemacht 
wurden. Nun geht meine Meinung allerdings dahin, daß durch die 
Lokation, wie wir uns gewöhnt haben den betreffenden Vorgang kurz 
zu benennen, das deutsche Element eigentlich erst seine Existenz- 
bedingung hier zu Lande geschaffen sah und sich zur Siedelung in 
größerer Menge anwerben ließ. Die alteingesessene Bevölkerung 
aber, soweit sie in den neuen Dorfverband eintrat, erlangte durch 
die Bewidmung mit culmischem Recht den Stand der persönlichen 
freiheit, falls sie, was wir im einzelnen nicht beurteilen können, 
bis dahin ganz oder doch teilweise unfrei gewesen sein sollte. 
Die Lokation war für die künftige Entwicklung der Verhältnisse 
nach allen Seiten von der einschneidendste n Bedeutung: als freilich 
verhältnismäßig nur mattes Gegenstück dazu ließe sich ihr lediglich 
die Gemeinheitsaufhebung und Verkoppelung der Orundstiicke in 
den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts an die 
Seite stellen. Auffallend ist übrigens, daß wir für manche Dörfer 
Männer als Lokatoren auftreten sehen, die offenbar mit der von 
ihnen zur Besetzung übenommenen Ortschaft bisher nichts zu tun 
gehabt hatten (wie Nic. Sulesdorf bezüglich Osterwiks), anderswo 
aber die Schulzen die Lokation besorgen. Ich verstehe dies letztere 
dahin, daß der Orden es gern sah, wenn Deutsche, auch ehe die 
Besetzung eines Dorfes in die Wege geleitet wurde, sich darin 
niederließen und, wenn angängig (etwa durch Kauf oder Ein- 
heiraten), den alten polnischen Starosten ablösten. 
So mag der Zekziner Schulze von 1 R42, des' Namens Heinrich, 
seine Erklärung finden. Denn wenn auch die alten deutschen 
Kaisernamen aus der Salierzeit, Heinrich und Konrad, seit wenigstens 
dem 13. Jahrhundert bei den piastischen Fürstengeschlechtern sich 
Eingang verschafft hatten - ich erinnere an Herzog Konrad von 
Masowien und die Heinriche von Schlesien - so glaube ich doch 
nicht, daß auch die niederen Schichten des Volkes sich ihrer so- 
bald bemächtigten. Ein Heinrich alls der ersten Hälfte des 14. 
Jahrhunderts in unsern Urkunden läßt stets auf deutschcn Ursprung 
schließen I). 


J) Ebenso haUe ich den St'/wTztn Thilo von Stob no (1336) für eincn 
Deutschen. Die eingentiimliche Kurzform des Namcns Dietrich mit dem Auf- 
tretcn dcs vcrkleinernden I zum Schlusse und der Ausstoßung des Dental- 
buchstabens davor (also DietI, Tietl, Ticl; Thilo mit lateinischer Endnng wie 
Bruno= Brun) ist in Mitteldeutschland zuhause - man denke nur an den Merse- 
burger Bischof Thilo von Trotha -; mit der Kolonisation des Nordostens ist 


- 62- 


-
		

/Pomorze_038_09_077_0001.djvu

			I 
" 


Oenaueres vielleicht sind wir imstande über die Herkunft des 
Osterwiker Lokators vom jahre 1338 herauszubringen. Sein Name 
war, wie schon des öfteren erwähnt, Nicolaus Sulesdorf. Im 14. 
jahrhunderte war immer noch der Vorname die Hauptsache, und 
so findcn wir beispielsweisc in fast allen Handfcsten, die sich auf die 
Komturei Tuchel beziehen, daß, wenn ein Beliehener das erste Mal 
mit Vor- und Zunamen bezeichnet wird, er hinterher in der Ur- 
kundc stets nur mit dem Vornamen sich wiederangeführt findet. 
Unscr Nicolalls Sulesdorf aber macht davon eine Ausnahme. Er 
erscheint zweimal als Nicolaus Sulesdorf, das dritte Mal als ante- 
dichls Nicolaus, zum vierten und letzten Mal wieder als jam dictus 
Nicolaus Sulesdorf. Man kann daraus schließen, daß bei ihm der 
Zunamc schon recht fest geworden war. Woher hatte er aber 
diesen Zunamen? Ich irre kaum, wenn ich sage, er hatte ihn er- 
erbt: so hießen schon seine Vorfahren. Das waren keine 
Bauern; denn Bauern führten - in unserer Gegend wenigstens- 
noch in den ersten jahrzehnten des 15. jahrhunderts lediglich 
einen Vornamen I). Im beginncnden 14. jahrhundert weist ein 
Zuname, zumal ein solcher, dem ein Ortsname zugrunde liegt, 
mit Sicherheit auf eine städtische oder, was dasselbe ist, bürger- 
liche Familie hin. In den Städten machte sich das Bedürfnis, 
die einzelnen Bewohner genauer zu unterscheiden, weit früher 
geltend als auf dem platten Lande: die Beinamen, welche man 
wählte, waren verschiedener Extraction, besonders beliebt waren 
diejenigen nach dem Orte, wo jemand herstammte. 
Wo haben wir nun das Dorf zu suchen, nach welchem unser 
Nicolaus seinen Beinamen führte? Im deutschen Mutterlande würde 
es eine vergebene Mühe sein; das in seinem ersten Bestandteil 
eine Kürzung des Namens Sulislaw aufweisende Wort beschränkt 
unsere Suche von vornherein auf den kolonialen Osten. Ziehen wir 
da Neu man n s Orts-Lexikon des deutschen Reiches, 3 Auf!. von 
Wilhelm Keil, Leipzig und Wien 18g4, zurate, so kommen folgende 
Orte in Frage: 1. das Dorf Sülstorf in Mecklcnburg-Schwerin, 
s. von Schwerin, an der Eisenbahnlinie Wismar-Ludwigslust gelegen, 
mit einer evangelischen Pfarrkirche, bei Neumann mit 4
2 Ein- 
wohnern notiert; 2. das Dorf Zühlsdorf im prenBischen Regierungs- 
bezirk Frankfurt, Kreis Arnswalde, 6g4 Einwohner, ebenfalls mit 
einer evangelischen Pfarrkirche; 3. das Dorf Zühlsdorf, Regierungs- 
bezirk Potsdam, Kreis Niederbarnim, mit 301 Einwohnern; endlich 
4. das Dorf Züllsdorf im Regierungsbezirk Merseburg, Kreis Torgau, 
mit 6 IO Einwohnern und einer evangelischen Pfarrkirche; nahe 


t 


die Namensform dann auch hierher vorgedrungen und hat sich in dem nicht 
eben seltenen Familiennamen Thiele, Thiel, Theil erhalten. Der Lokator von Sluppi 
(1341) war ein Gallicus, ebenso der eine Krüger im Dorfe Reetz (1325). Wir 
gehen kaum irre, wenn wir beide für wallonischer Abkunft halten; denn wohl 
nur Wallonen (nicht auch Franzosen oder gar Italiener) dürften von ihren 
Nachbarn, den im Kolonisationsgeschäft so überaus rührigen Vlamen, zur Mit- 
beteiligung an der Okkupation des fernen Nordostens nachgezogen sein. 
I) Zum Jahre 1414 benennt das Schadenbuch (S. 133) drei Bauern zu 
Große Mandilmir; sie hießen Latczke, Tyde, Clamme. 


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/Pomorze_038_09_078_0001.djvu

			dabei eine gleichnamige Oberförsterei (in Rosenfeld) mit 56 Be- 
wohnern 1). 
Gilt es nun, uns für einen dieser Orte zu entscheiden, so 
glaube ich, gehen wir so gut wie sicher, wenn wir auf das an der 
zweiten Stelle genannte Dorf unser Augenmerk richten. Es scheint 
mir folgendes dafür ausschlaggebend. In der Umgegend von 
Arnswalde sowie in den angrenzenden Teilen der heutigen Provinz 
Pommern hatte sich in der Kolonisationszeit das seinen Ursprung 
aus Stormarn herleitende Geschlecht derer v. Wedel ansässig ge- 
macht 2 ). In diese familie rein deutscher Extraction ist - vermutlich 
infolge Verschwägerung mit einer einheimischen Adelsfamilie - 
der slavische Vorname Sulislaw eben in der abgekürzten form 
Zcules, Zulis, Czulisch eingedrungen: man schlage hierzu das 
Register zum Codex diplomaticus maioris Poloniae nach; bci Zulis 
de (=Czulisch von) Wedel findet sich dort ausdrücklich N. M. 
(= Nova Marchia) in Klammern beigefügt. Nun war Zühlsdorf 
zwischen Arnswalde und Neuwedell zweifelsohne Wedel scher Besitz, 
wenn nicht eine Wedelsche Gründung. Von der Neumark folgten 
den weiter im Osten neue Besitzungen erwerbenden Wedels welche 
von ihren Leuten nach, und so findet sich denn auch in der Urkunde 
Nr. 967 des eben genannten Codex dip\. mai. Pol., durch welche zwei 
Brüder v. Wedel ihrer Stadt Nuve Vredeland (=Märkisch friedland) 
zwecks Beförderung deren Wohlstandes eine Anzahl Gerechtsame 
zubilligen, unter den Zeugen ein Gerardus Sulstorp erwähnt. Die 
Urkunde ist datiert von Arnscron (=Deutsch Krone) den 2. februar 
1314. Was die Zeugenreihe anlangt, so erscheint zunächst der 
Pfarrer von Dt. Krone nebst drei Gebrüdern v. Wedel. Dann 
werden bürgerliche Zeugen aufgezählt: an vierter Stelle begegnet 
der schon genannte Gerardus Sulstorp; an achter und neunter 
Nicolaus et Johannes fratres dicti Knokendorp, mit dem Zusatze: 
fundatores premisse civitatis Nuve Vredeland et consules ibidem: 
wobei leider unklar bleibt, ob diese Charakterisierung sich nur auf die 
bei den Brüder Knokendorf (jetzt heißt der Ort, von den der Name 
stammt, Knackendorf) bezieht oder, was wahrscheinlicher anmutet, 
auf alle bisher benannten bürgerlichen Personen. Trifft die letztere 
Vermutung zu, dann gehörte Gerhard Sulstorp zu den Mitbegründern 
der Stadt Märkisch friedland und bekleidete 1314 daselbst eine 
- Ifln der Anmerkung wenigstens möchte ich noch die Erinnerul'1g an 
einen anderen (jetzt untergegangen und darum bei Neumann nicht erwähnten) 
Ort gleichen Namens wachrufen. Am 10. August 1884 wurde unfern des 
sächsischen Dorfes Kieritzsch (32 km südlich von Leipzig) zu Ehren Luthers 
und seiner Frau ein Denkmal enthüllt. "Es bezeichnet die Stätte, wo einst 
Zulsdorf gestanden hat, das kleine Gut Z., das Luther in der Woche vor 
Pfingsten 1540 seinem Schwager Hans von Bora um 610 Gulden abgekauft hat, 
das er selbst ein Erbdächlein derer von Bora nennt, das er 1542 in seinem 
Testament seiner Käthe zu einem Leibgedinge verschreibt. Von dem kleinen 
Gut liegt jetzt kein Ziegel mehr auf dem andern" (Ernst Kroker, Katharina von 
Bora, Leipzig rI906]). Vf:!:1. d!lzu die (Leipziger) 1II
lstrirte Z.e
tung Nr. 3096 
vom 30. 9kt. 1.902. --: Fur die Herkunft unseres Nlcolaus freilich, glaube ich, 
kommt dieser Immerhm etwas abgelegene Ort kaum oder garnicht in Betracht. 

) Vgl. hierzu die Bemerkungen von Fritz: Curschmann im 12. Bande 
der Pommerschen Jahrbücher, Greifswald 1911 S. 298 und 301. 


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/Pomorze_038_09_079_0001.djvu

			RatsherrnsteIle. Mit ihm, glaube ich, stand in naher verwandt- 
schaftlicher Beziehung - vielleicht war es sein Sohn - der Nico- 
laus Sulesdorf, weIcher gute zwei Jahrzehnte später beim deutschen 
Orden als Unternehmer zur Lokation des Dorfes Osterwik sich 
meldete und in form eines Kaufes sein Geschäft mit dem Orden 
abschloß - nicht ohne Erfolg, wie schon oben dargetan. 
Ueber den frankenhagener Schulzen und Lokator von c. 
1346/47 ist nichts Genaueres festzustellen. Die Namensform 
Johannes in der zweifelsohne aus dem Lateinischen übersetzten Urkunde 
erweist sich eben als gänzlich indifferent und läßt keine weiteren 
Schlüsse zu. Aus der Namensform Hannus indessen, mit weIcher 
der G ra n aue r Schulze sich 1356 genannt findet, wird man doch, 
glaube ich, slavische Abkunft dieses Mannes mit ziemlicher Wahr- 
scheinlichkeit folgern müssen. Mag auch gegen die Aufstellungen 
v. K
trzyIiski's in seinem Werke: 0 ludnosci polskiej w Prusiech 
niegdys krzyzackich, Lemberg 1882 S. 118 ff., wo zum ersten Male 
in umfassender Weise die in den Ordensurkunden begegnenden 
Schreibungen der Vornamen nach dieser Richtung hin erörtert 
werden, in diesem oder jenem Einzelfalle mit Glück angekämpft 
worden sein 1) : den Beweis finde ich bisher nicht erbracht, daß 


1) Die Gegenausfiihrungen von Hans Plehn in der Geschichte des Kreises 
Strasburg in Westpreußen, Leipzig 1900 S. 60 ff. verschlagen im ganzen recht 
wenig. Oie von ihm den Deutschen schon des Mittelalters imputierte "Neigung, 
ihren Kindern fremdländische Namen beizulegen und namentlich in der Kose- 
form fremde EnduJ1gen zu gebrauchen", ist doch nur in ga n z seltenen Fällen_ 
zutreffend, die nicht verallgemeinert werden dürfen. Umgekehrt vermögen wir. 
zu beobachten, daß in der Kolonisationsperiode d e u t s ehe Vornamen mit 
Leichtigkeit sich bei der alteingesessenen slavischen Bevölkerung Eingang ver- 
schafften, zunächst in den höheren Schichten, dann aber auch tief nach unten 
awsgreifend. Was bei Plehn auf S. 61 die mit vier deutschen Vertretern vor- 
gebrachte Namensform Niclos beweisen soll, bleibt rätselhaft: das ist doch 
einfach die Zusammenziehung des Namens Nicolaus (ebenso wie sonst gelegent- 
lich sich die Formen Niclas, Niclus usw. finden); gegen K
trzYI\ski ist das ein 
reiner Lufthieb. Ebenso wenig nimmt der eben genannte Gelehrte die Franzke, 
Franczke als polnisch in Anspruch (vgl. bei ihm S. 120), und Tytcze ist be- 
kanntlich eine oberdeutsche Kürzung des Namens Dietrich. Mit alle dem ist 
also garnichts bewiesen. Die Vornamen freilich aus dem Breslauer Biirgerbuche, 
welche Plehn für unzweifelhaft deutsch erklärt, darunter Hanco, Maczco, Franzco, 
Ticzko, Bartco, Niczco, nicht minder Peczco, werden andere mit besserem Recht 
fiir ursprÜnglich polnische Bildungen halten, wobei natürlich bestehen bleibt, 
daß ihre Träger inzwischen jedenfalls schon germanisiert waren. Franzco könnte 
auch eine bloße Latinisierung des deutschen Franzke sein. Bleiben bei Plehn 
nur die Namensformen Hannos und Hannus übrig: bei Hannos kann zugegeben 
werden, daß das 0 in der Endsilbe vielleicht manchmal nur eine Vergröberung 
des e darstellt; was ich iiber Hann u s denke, ist oben im Texte auseinander- 
gesetzt. - Um nichts glücklicher ist die Polemik, mit der Artur Döhring in 
seiner Schrift: Ueber die Herkunft der Masuren, Osterode 1910 (Leipz. Diss.) 
gegen Kl,'trzYliski auftritt. Auf Einzelheiten einzugehen, verlohnt sich nicht 
der Mühe. Oöhring wiederholt lediglich die von Plehn supponierte mittelalter- 
liche "Neigung" der Deutschen, "ihren Kindern ausländische Vornamen beizu- 
legen und besonders in der Koseform fremde Endungen zu gebrauchen" (S. 53). 
Dabei erscheinen dann als Beleg nur gerade wieder die von Plehn beige- 
brachten Namen; bewiesen ist also garnichts. Wenn zudem Döhring u. a. auch 
Clauko fÜr einen altpreuRischen Namen hält, so ist damit nur eine alte läugst ge- 
äußerte Meinung wiederholt. Wie stimmt dazu aber, daß z. B. 1368 der Schlochauer 


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/Pomorze_038_09_080_0001.djvu

			im Deutschen jemals der in einer unbetonten Silbe stehende Vokal 
e sich bis zu einem u verdumpft hätte. Aus johannes wurde ab- 
gekürzt ohne weiteres Halmes (vgl. 1409 Hannes Czulisdorf), in 
fortbildungen konnte statt des e wohl auch der i-laut eintreten 
(Hannysyz, Genetivform : Thorner fontes Bd. 12, ]808 S. XXIII); 
Hann 0 s erregt 
chon Bedenken, Hann u s aber ist und bleibt nach 
meinem Gefühl eine undeutsche form. Wenn man nun noch in 
Betracht. zieht, daß zum Schlusse eines Wortes (besonders bei 
Zusammensetzungen) sich häufig genug ein einfaches s statt des 
getrübten lautes sch gesetzt findet -- ich erinnere an Schreibungen 
wie colmishaber = cölmisch Hafer, Sabirs gebitte = Sabirsch(es) 
Gebiet, terra zabor, Rynysdorf 
 Reinischdorf - so wird man 
ein gleiches wohl für den im Polnischen erweichten s-Laut (8 ge- 
schrieben) annehmen dürfen; dann aber stellt sich Hannus-- Hanus 
(gröber gesprochen I-Janusz) zu der zweifellos slavischen Bildung 
Hanko (abgeschwächt Hanke) genau so wie janusz (jenusch) zu 
janko (Janeke, janike, janke usw). Trifft diese Mutmaßung zu, so 
haben wir in dem Granauer Schulzen Hannus einen Mann polnischer 
Abkunft zu sehen nicht minder wie beispielsweise in dem Gosty- 
czyner Müller von 1343, der in seiner Handfeste sich zweimal als 
Hannus, die beiden andern Male als johannes genannt findet. 
Wir kommen nunmehr auf den Lichtnauer Schulzen von 131i3 
zu sprechen: er hieß Gerke Bösilborg (Bosilburg). Der Vorname 
ist eine Kürzung des Namens Gerhard; was aber stellen wir mit dem 
. Zunamen Bösilborg an? Es gibt ein Dorf Bösel bei friesoythe im 
Oldenburgischen und ein zweites gleichnamiges im Kreise Lüchow, 
Regierungsbezirk Lüneburg. Doch sind beides unbedeutende Ort- 
schaften, und daß hier oder dort ehedem (bis ins ]4. Jahrhundert 
hinein) eine Bur g bestanden hätte, die hinterher spurlos ver- 
schwunden wäre, ist wohl kaum anzunehmen. Eher möchte ich 
glauben, daß der Name des Lichtnauer Schulzen in dem 13tH an- 
gelegten Handfestenbuche der Komturei Tuchel nicht ganz korrekt 
wiedergegeben war. Beim Diktieren, das damals viel mehr in 
Uebung war wie heute, konnte ein Verhören schon einmal vor- 
kommen. Ich meine nun, der Name lautete richtig Bösinburg (oder 
ähnlich). Diesen Zunamen!) führte auch (mit dem Vornamen Tylo) 
der Mann, mit welchem der Orden WH7 ein Tauschgeschäft 
machte, indem er ihm 5 Grochowsche (lehnmanns)hufen verlieh 
gegen 5 Petztiner Schulzenhufen 2 ), die er an sich zog, um darauf 
ein Vorwerk zu errichten. Tylo Bösinburg war also bis dahin 


Komtur einem Clauko dichls Ca s sub e die Mühle zu Damnitz verleiht 
(Handfestenbuch 3, 1 des Danziger Staatsarchivs Abt. 3 NI'. 1 fol. 18)? Nach 
meinem Dafürhalten ist Claul	
			

/Pomorze_038_09_081_0001.djvu

			'- 


Schulze zu Petztin gewesen: ich halte ihn für einen nahen Ver- 
wandten des Lichtnauer Schulzen von 13ß3. 
Nun werden wir auch, denke ich, mit der feststellung des 
Ortes, woher der Name stammt, auf sichereren Boden treten. Prof. 
Curschmann zu Greifswald hat im 19. Bande der forschungen zur 
deutschen Landes- und Volkskunde, herausgegeben von Hahn 
(Stuttgart 1910) einen sehr beachtenswerten Aufsatz veröffentlicht, 
betitelt: Die deutschen Ortsnamen im nordostdeutschen Kolonial- 
gebiet. Darin liest man auf S. 179: "Sagt der Name etwas über 
die topographische Lage eines Ortes aus und paßt dies auf die 
Lage des Ortes im Koloniallande ni c h t, wohl aber auf eine gleich- 
namige im Westen gelegene Ortschaft, so handelt es sich sicherlich 
um einen übertragenen Namen. " Wenig oberhalb von Lauen- 
burg, wo der Eibe ein kleines flüßchen von rechts, die Boize, zu- 
fließt, findet man die alte feste Boizenburgj ein anderes Boizen- 
burg liegt weiter 9stwärts in der Ukermark am sogenannten Strom, 
einem Zufluß der Ucker". Dazu die Anmerkungen zum erstgenannten 
Orte: "Sieht man von der angezweifelten Ratzeburger Dotations- 
urkunde von 11D8 ab, so kommt der Name des "territorium Boicene- 
burg", der ja das Vorhanden sein einer feste dieses Namens vor- 
aussetzt, zuerst 1171 vor"j und zum zweiten: "Zuerst genannt 1271 
»villa Boiceneburch«". Nach meinem Dafürhalten nun möchte der 
in der heutigen Provinz Brandenburg liegende Ort als derjenige 
anzusprechen sein, auf den der Name der oben berührten beiden 
Schulzen I) in letzter Linie zurückgeht und aus welchen dann 
schließlich auch die familie einmal ihren Ursprung hatte. Voll 
be w eis e n lassen sich solche Aufstellungen selbstverständlich 
nicht, es kann sich nur ein gewisses Gefühl für derlei Herkunfts- 
fragen ausbilden, und da habe ich allerdings das Gefühl, daß in 
den früheren Zeiten der koloniale Zuzug nach Pommerellen mehr 
vom Südwesten her erfolgte; erst später ist dann die heutige 
Provinz Pommern 2 ) an die erste Stelle gerückt (und gleich Mecklen- 


I) Es gab in Pommerellen schon im 13. jahrhundert eine familie des 
gleichen Namens: diese war aber ritterlichen oder, sagen wir besser, ministe- 
rialischen Standes. 1256 verlieh der Herzog Sam bor 11. honestis viris Heinrico 
cognomine Scildere et johanni de Beyzenburg in zwei Dörfern unweit von 
Dirchau 60 Hufen; servitium vero, quod essent nobis exinde facturi, eorum 
committimus voluntati. 1304 aber bekunden die Ratmänner der Stadt Elbing, 
quod domina Catherina dicta de Beuzenenborch civis nostra mitsamt ihren zwei 
Söhuen und ihrer Tochter ihre angeerbte villa Swarziszewo im Dirschauer Ge- 
biete dem Bischofe Gerward vou Wlodawek für eine gewisse Summe Geldes 
abgetreten habe. Vgl. zum Vorstehenden die Nummern 164 und 627 des 
Pommerellischen Urkundenbuches; in der zweiten ist natürlich Beuzenenborch 
zu lesen (nicht Benzenenborch). Man beachte, daß in beiden fällen die 
Partikel de dem Namen vorgesetzt erscheint: das hat doch seiue Bedeutung. 

) Eine sehr große Anzahl westpreußischer bäuerlicher oder bürgerlicher 
familien, die seit jahrhunderten nachzuweisen sind, tragen ihren Namen von 
poml1le-rschen Ortschaften: ich erinnere nur an Semrau (schon 1447 hieß der 
Schulze von förstenau im jetzigen Kreise Schlochau so), Gatz (1536 ein Bauer 
Nicolaus Gaczcze zu Henuigsdorf, Lucas Gaczcze zu Harmsdorf), Schwemin 
(Schulzen zu Dt. Zekzin) und die besonders im Schlochauschen sehr verbreiteten 
Namen mit der Endung -hagen (Borkenhagen, fetkenhagen, Ziegen hagen usw.). 


- 67-
		

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			burg an die zweite). Der Grund dieser Erscheinung liegt auf der 
Hand: die Mark Brandenburg war rechts der Eibe das älteste 
Gebiet, das nachhaltig vom deutschen Mutterlande kolonisiert 
wurde; wie dann die Kolonisation sich weiter östlich vorschob, 
war sie bereits in der Lage, für diesen Zweck überschüssige Kräfte 
mit abzugeben I). - So meine ich also, entstammten auch unsere 
Bösenburgs einer familie, die irgendwo in einer Kolonialstadt des 
märkischen Ostens (oder etwa auch der Neumark) sich ansässig 
gemacht hatte und ihren Zunamen dem Herkunftsorte verdankte. 
Ueber diesen gibt das schon zitierte Neumannsche Orts-Lexikon 
folgenden Aufschluß: "B 0 i tz e nb u r gin der U k er m a r k 
(Boytzenburg), flecken und Rittergut, . . . Regierungsbezirk Potsdam, 
Kreis- und Amtsgericht Templin, am fluß Quillow, 845 Einwohner, 
. . . Gerichtstag, evangelische Pfarrkirche, Schloß und Garten nebst 
Tiergarten und fasanerie in der GI' a f sc ha f t B. des Grafen von 
Arnim-B., fischzuchtanstalt, Molkerei, Spiritusbrennerei . . . ." Eine 
"Burg" mag an diesem Orte niemals existiert haben
), vielmehr ist 
(wenn anders wir Curschmann folgen dürfen) mit dem ganzen 
Namen auch die Endung von der Stadt Boitzenburg an der EIbe 
hierher übertragen. 
Noch ein Umstand will besprochen sein. Man könnte Anstoß 
daran nehmen, daß der familienname zu Anfang der zweiten Silbe 
ein s aufweist, während der Ort, von dem ich denselben herleite, 
an dieser Stelle einen z-Laut enthält. Ich glaube, die Sache ist 
ganz unerheblich. Offenbar hat man zu spät mittelalterlichen Zeiten 
in diesen und ähnlichen fällen ein weiches s gesprochen - man 
vergleiche dazu Schreibungen wie zo, zee, zeen (sehen), zemlich, 
Gnezen u. a. Erst später, wo die geographischen Namen in der 
Schrift festgelegt wurden, ist die Differenzierung entstanden. Zum 


Auf Mecklenburg als Ursprungsort weist u. a. der Name Musolf hin (durch 
Umstellung- der liquida entstanden aus Mulsow). Die ganze frage sei hiermit 
nur einmal kurz berührt; eine genauere forschung in der Richtung' dürfte g-ewiß 
manches schöne Resultat zeitigen. - Auch pommersche Adelsfamilien, wie die 
v. Bonin oder Kamecke, traten erst verhältnismäßig spät mit einzelnen ihrer 
Mitglieder in die Dienste des Ordens. Doch darüber anderswo. 
1) Noch ein, wie mir scheint, durchschlagendes Beispiel möchte ich hier 
anführen. Im jahre 1370 erkaufte die Vogtei in der erzbischöflich Gnesenschen 
Stadt Kamin mit zehn Hufen Landes, zwei Hofstätten und einer Anzahl von 
Gerechtsamen der providus vir Hermanus dictu,> Templyn: Codex dipl. mai. Pol. 
Nr. 1633. Wo läßt sich der Beiname dieses Mannes anders herleiten als von 
der ukermärkischen Stadt, die mit Boitzenburg und der Stadt lychen nahe 
beisammen liegt? Die Nachkommen dieses Hermann sind lange in der Um- 
gegend von Kamin sitzen geblieben. Noch aus den ersten jahrzehnten des 18. 
jahrhunderts vermag ich sie in Damrall und Drausnitz nachzuweisen. Der 
Drausnitzer familie entstammte, wenn ich nicht irre, der Canoniclls, Dekan und 
Pfarrer von Prechlau l acob Templinski, über den ich in den Thorner fontes 
Bd. 13 (1909) S. 540 . einige Nachrichten zusammengestellt habe. Ihm sind 
vermutlich Verwandte nachgezogen (etwa ein dem Geistlichen die W.irtschaft 
führender Bruder): die bis in die neuste Zeit in den Schlochauer Hinterdörfern 
vorkommenden Templins hängen wohl damit zusammen. 

) Genaueres darüber vermöchte natlirlich nur die lokalforschung fest- 
zustellen. 


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			11 


Vergleiche bietet sich ohne weiteres der Name des Ostefwiker 
Lokators Sulesdoff, bei dem überdies in der ersten Silbe def Um- 
laut nur nicht geschrieben ist, sicher aber gesprochen wurde, also 
Sühlsdorf (mit weichem s zu Anfang). Scin Nachkomme (1909) 
findet sich Czulisdorf geschrieben, zu sprechen Zühlsdorf. Das e 
bezw. i hinter dem I in diesem Namen hat, glaube ich, einen 
eigenen Lautwert nicht, sondern dient nur dazu, den Buchstaben 
zu erweichen, was dann allerdings wieder die Klangfarbe des vor- 
angehenden Vokals leicht beeinflussen kann. 
Nun wäre weiter anzuführen der Name des Schlagentiner 
Schulzen vom Jahre 1368, Peczhe, der sich sofort als eine etwas 
mundgerechtere Umformung des slavischen Piecio (Koseform 
fiir Peter, Petrus) erweist. Heutzutage erscheint derselbe als 
familienname mit der form Pötsch (oder ähnlich geschrieben) .bei- 
spielsweise im Ermlande, anderswo als Pietsch, Peitsch; im 
Wendischen entspricht ihm Pech (mit langem e zu sprechen). 
Die Verkleinerungsform wieder des eben besprochenen 
Namens liegt vor bei dem Manne, welchem der Tuchler Komtur 
Conrad Vullekop im Jahre 1345 den Krug im Dorfe Petztin verlieh: 
er wird in der Handfeste dreimal Peczke, dazwischen einmal Petef 
(Petir) genannt, das erste Mal (wie auch sonst immer üblich, vgl. 
oben S. (3) mit dem Zunamen Wassirrabe. So echt deutsch nun 
diese letztere Bezeichnung uns anmuten mag, der Peczke ist und 
bleibt darum unläugbar slavischef Abkunft. Den Beinamen mag er 
vielleicht nach seiner Hausmarke ') bekommen haben, die in jenen 
alten Zeiten die Stelle der heutigen Schilder vertrat: ein Rabe, der 
sich am Wasser letzte, zeigte an, daß es in diesem Hause etwas 
Besseres zu essen und erst recht zu trinken gab, als dem Tiere 
selbst beschieden war. 
Beim Miiller Claus zu Frankenhagen (tab8) käme es darauf 
an zu wissen, ob die auf sein Bitten erneuerte Handfeste lateinisch 
oder dcutsch abgefaßt war. Im ersteren falle könnte bei der 
Verdcutschung die Kurzform Claus statt des Vollnamens (Nicolaus) 
eingesetzt sein. Stand aber gleich urspriinglich Claus in der Ur- 
kunde, dann wäre die deutsche Abkunft dcs Mannes außer Zweifel 
gestellt. So ist ein Urteil mißlich. - Mit Absicht unerwähnt ge- 
lassen habe ich den Pfarrer Herrn Bedeke von Schlagen tin (1378): 
der Name ist anscheinend Verkleinerungsform von Beda und möchte 
wegen dieses Umstandes (man denke an den Angelsachsen Beda 
venerabilis) eher auf deutsche als auf slavische Abkunft schließen 
lassen. Doch kommen Oeistliche für die frage der Nationalität 
von Einwohnern im Kolonialgebiet kaum oder nur wenig in Betracht: 
sie brauchten ja nicht aus def Oegend herzustammen, auch hinter- 
ließen sie bei ihrem Tode höchstens nur diesen oder jenen Ver- 
wandten, der etwa in ihrem Haushalte gestanden hatte, an dem 
Orte der eigenen Wirksamkeit. Nur so viel allenfalls kann uns der 
Pfarrer Herr Bedeke lehren, daß auch in Schlagentin das deutsche 


1) Bei Leuten adliger Herkunft würde man von einem hantgemal reden. 


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			Element um jene Zeit schon eingedrungen war und keineswegs 
alle Einwohner des Dorfes mit ihrem Schulzen gleicher Herkunft 
waren. 
Namen von einzelnen einfachen Bau ern sind uns aus dem 
14. Jahrhundert weder für unsere Dörfer, noch überhaupt für den 
Tuchler Komtureibezirk aufbehalten. Die gebuer (gebuwer, rustici) 
erscheinen zu jener Zeit stets nur als Kollektivbegriff, gegenüber- 
stehend dem Schulzen: so beispielsweise in dem Zinsbuche vom 
Jahre 1400. Wären Einzelnamen überliefert, so bin ich überzeugt, 
daß ein nicht unbeträchtlicher Prozentsatz davon sich als undeutsch 
erweisen würde l ). 
Alles in allem: auch unsere Dörfer waren zur Zeit, wo die 
Kolonisationstätigkeit des deutschen Ritterordens hinsichtlich 
P0f11merellens in flor stand, ein wahrer Schmelztiegel für altange- 
stammte Bewohner slavischer Abkunft, die allmählich an deutsche 
Sitten und deutsches Recht gewöhnt wurden, wie für unter- 
nehmungslustige Einwanderer, welche sich den neuen Verhältnissen 
anzupassen verstanden oder verstehen lernen mußten. Nirgends 
findet sich eine Spur, daß die sieben Dörfer sich irgend von den 
sonstigen der Komturei abgehobcn oder unterschieden hätten: 
wenigstcns was das eng e r e Tucheier Gebiet betrifft, so machen 
nur die beiden ganz im Osten gelegenen Dörfer Groß ßislaw und 
Polnisch Cekzin den Eindruck, als ob sie vom Deutschtum kaum 
oder garnicht berührt wurden. Bei den übrigen ist deutscher Ein- 
fluß wahrnehmbar, gleichwohl, wie mir scheint, ganz und gar kein 
Gedanke an eine planmäßige ausschließlich d e u t s c h e Besiedelung. 


- . .,. . 


J) Damit diese meine Vermutung doch nicht ganz in der Luft schwebt, 
setze ich aus dem ältesten Konitzer Ratsbuch (Abt. 320 Nr. 1 des Danziger 
Staatsarchivs, S.63) folgenden Eintrag hierher: Wyssentlich sey demm siczenn- 
denn unnd zcukomendenn RoUte zcur Conitcz, daß yß geschenn yß, do mann 
screyb ynn denn jorenn Cristi Towsenth 1I1I hundert unnd LXXXIlu, daß der erßame 
roth uf dy czeylh mit vulborth, gudenn gewisßenn unnd reyfem rothe des ge- 
strenghenn Andriß Puskarß vonn Dobriczann, uf dy zczeyth hoptmann zcur 
Konitcz, habenn 10sßenn enthoptenn Stankenn ßonn vonn Osterwigk umb denn 
willenn, dall her hot gestandenn vor dcm siczenndenn gehegethenn dynge ynn 
des foytes howße. Ich bemerke dazu nur, dall der Vater des Delinquenten 
möglicherweise auch ein Einlieger gewesen sein kann: keinesfalls gehörte er 
der gehobeneren Klasse an, sonst wäre sein Sohn als des Schulzen (Krügers, 
Müllers) Sohn bezeichnet worden. Wahrscheinlich aber doch war Stanke 
(=StaÜko, Kurzform von Stanislaus) ein Bauer. 


Verantwortlicher Herausgeber: Professor Arthur Semrau in Thorn. 
Druck der Buchdruckerei der Thorner Ostdeutschen Zeitung, O. m. b. H. in Thorn. 
- 70 -
		

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			Mitteilungen 


des 


Coppernicus - Vereins für Wissenschaft und Kunst 


zu 


Thorn. 


21. Heft. 


September 1913. 


Nr. 3. 


Inhalt: 
P. Panske, Zur Geschichte einer alten deutschen Ansiedlung in West- 
preußen. 2. S. 55. 


Zur Geschichte einer alten deutschen Ansiedlung in Westpreuszen. 2. 
Von P. Panske, Pfarrer zu Bütow. 
Die sieben Dörfer, auf welche unser erster Aufsatz in diesen 
M itttilllllf{tn Heft I(i (1908) S. 35-48 Bezug hatte, finden sich 
urkundlich sämtlich erst im 14. Jahrhundert, nach dem Beginn der 
Ordensherrschaft in Pommerellen, erwähnt. Die früheste Nachricht 
überhaupt gehört vermutlich ins Jahr 1319 1 ). Da hat ein Beamter 
des deutschen Ritterordens, von dem wir nur den Vornamen 
kennen, Brun 2 ), der Kapelle, welche seit alters auf dem Heiligen- 
berge in einiger Entfernung vom heutigen Dorfe frankenhagen 8 ) 
bestand, die Rechte einer Pfarrkirche erwirkt und im Zusammen- 
hange damit die Verlegung des Gotteshauses nach seiner bis in 
die Gegenwart festgehaltenen Stelle veranlaßt. 1347 sodann wurde 
die Kirche erweitert und mit allem Notwendigen als Bänken, drei 
Glocken usw. vollgenügend versehen. Erweiterung und innere Aus- 


1) Um mich nicht unnötig zu wiederholen, verweise ich L
ser, die sich 
fiir diese und andere hier in Betracht kommenden Einzelfragen interessieren, 
auf die Anmerkungen, welche ich der Lustrati()/
 der Kirchen zu Osterwik und 
frankenhagen vom Jahre 1485 gelegentlich ihrer Veröffentlichung im 12. Bande 
der von der societas Iiteraria TOrllnensis herausgegebenen fontes 1908 S. 211 ff. 
beigefügt habe. . 

) Jedenfalls gehörte er dem Schlochauer Konvente an. 
3) Nach der Aussprache des Namens der Örtlichkeit, wie sie sich bis in 
unsere Zeiten hinein erhalten hat mit dem Tone auf der ersten Silbe des 
Wortes, handelt es sich um einen mons 8allctorum; weniger gut, um nicht zu 
sagen irrefÜhrend, übersetzt ihn die alte Lustration mit mons sacer. Zu mons 
sanctorum vgl. die Ortsnamen Seligenstadt im WÜrzburgischen (= locus bea- 
tormn), Seeligstadt und Seelingstädt im Königreiche Sachsen. "Selig" heißt 
noch heute bei uns wie anderswo jeder als gläubiger Christ Entschlafene, 
polnisch sagt man dafiir Bwictl'j pllmi
ci. Möglich, daß mit diesem letzteren 
Ausdrucke jene Bezeichnung der ehemaligen Kult- und Begräbnisstätte als 
Heiligenberg in Verbindung steht. 


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			stattung verdankte sie dem damaligen Schlochauer Waldmeister 
Bruder Bertram von HohensteinI). Die Versorgung der Kirche 
aber, glaube ich, hatte ihren tieferen Grund in der um eben jene 
Zeit vorgenommenen Lokation des Dorfes frankenhagen zu 
culmischem Recht. Diese erfolgte in der Weise, daß der Schlochauer 
Komtur Bruder johann von Barkenfelde durch Urkunde von 
vielleicht dem 22. September 1347 (oder schon vom 23. September 
1346 ?)2) dem Schlllzen johannes 61 Hufen überwies, von denen 
52 mit Bauern besetzt werden sollten, während gleichzeitig 4 für 
den Pfarrer ausgeworfen und die letzten 5 als Entgelt für das Be- 
setzungsgeschäft zu freien Schulzenhufen erklärt wurden. Bemerkens- 
wert ist noch, daß in der Handfeste von einem alten Kreczim die 
Rede ist, von deAl die Hälfte des Zinses dem Schulzen zugebilligt 
wird: es kann kaum zweifelhaft sein, daß, nachdem die Kirche er- 
baut war, sich daneben alsogleich eine Krugwirtschaft aufgetan hatte; 
dies pflegte in alten Zeiten stets der fall zu sein 3 ). Ueberdies er- 
hielt der Schulz johannes nach der üblichen Praxis des Ordens 
noch den dritten Teil der Gefälle des Dorfgerichts angewiesen. 


I) Auch diesen Ordensritter vermögen wir, soviel ich weiß, sonst nicht 
nachzuweisen. Wohl aber war ein Be r n h a r d von Hohenstein (Hoinstein), 
vielleicht aus Hessen gebiirtig, 1352 I
itterbruder und 1355 Pferdemarschall des 
Konvents zu Christburg (vgl. Heft 9 der Historischen Zeitschrift für den Reg.- 
Bezirk Marienwerder S. 104 und 106); möglicherweise ein naher Verwandter. 

) Hinsichtlich der Datierung verweise ich auf die Anmerkung auf S. 76 
hinter der Urkunde Nr. 72 iu dem Buche: Urkunden der Komturei Tuchei, 
Danzig ]911 (= Quellen und Darstellun6"en zur Geschichte Westpreußens 6). 
S) Später kam es sogar vor, daß der Ortsgeistliche selbst eine gewisse 
Schankgerechtigkeit ausübte, wie denn die Lustratiou von ]485 dem Pfarrer von 
üsterwik-Frankenhagen libertatem liquorum absque strepitu (also wohl eine sog. 
cicha karczma) zugesteht. Diese bestand noch im ]8. Jahrhundert zu 
Recht; vgl. das Decretum occasione propinationis cerevisiae in fundo eccle- 
siastico vom 26. Juni ] 722 im 8. Buche der Caminer Consistorialakten (111 6 
des Pelpliner Archivs) gleich auf dem ersten ßlatte: In termino hodierno ex 
commissione peracta inciden(ti) comparens personaliter Adm. R. Antonius 
Valentini plenipotens Adm. Rndi Joannis Kuklentz parochi Ostrouitensis actoris 
principalis, insistendo iuri eommuni et statutis Regni a Rege Alberto sub anno 
]416 teste Herburto titulo de cerevisia, quo mediante tribuitur facllltas parochis 
in bonis regalibus braxandi et propinandi liquores etiam alienos in furido eccle- 
siastico. petHt idem ad fundum Ecclesiae suae Silnensis extendi. In praesentia famati 
Klein civis Tucholiensis suae totius Civitatis (nomine) producente rotulum commis- 
sionis expeditae, in qua Jacobus Melk incola fundi Ecclesiae Silnensis sine 
scitu pa roch i cerevisiam Conecensem propin are praesul11psisse deducitur. Prae- 
sente quoque praetacto Jacobo Melk, se si ne scientia sui parochi cerevisial11 
Conecensem famati Polein civis recepisse et propinasse agnoscente. Reveren- 
dissimus Perlllustris Dominus rotulum producturn aperuit: ex quo quoniam 
Jacobus Melk praesul11psit absque ullo scitu parochi sui cerevisiam iIIam alienam 
recipere: proinde eundel11 ad libras cerae 5 pro Ecclesia Silnensi condel11navit. 
Salvo tamen iure inposterul11 braxandi, propinandi et facultatem concedendi in 
quacunque dOl11o ecclesiastica, dUl11l11odo non extra parochiam, parocho reser- 
vato vigore praeallegati statuti, et salva actione spectabili magistratui Tucholiensi 
contra famatum Polein eivem Conecensem absqne consensu parochi plopinante. 
Nach diesem Dekrete gewinnt es den Anschein, als ob das Ausschankrecht der 
Pfarrer lediglich eine polnische Gepflogenheit war und durch das erwähnte 
Statut vom Jahre 1436 legalisiert wurde. Ob auch im Ordensstaate etwas 
ähnliches zugelassen wurde, scheint mir sehr fraglich. 


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			Die Lokation selbst hat sich offenbar eine Reihe von Jahren hin- 
gezogen. Erst 1355 kam auch die äußere die Ausstattung der Pfarrei 
zustande: die vier in der Handfeste des Dorfes vorgesehenen (und 
jedenfalls schon längst zuvor - bei der Privilegierung der alten 
Kapelle mit Pfarrrechten - in Aussicht gestellten) Hufen wurden 
auf der inzwischen nach dem System der Dreifelderwirtschaft ein- 
gerichteten feldflur nunmchr in Einzelstücken angewiesen; auch 
erhielt der Pfarrer in dem neu loderten Dorfe selbst zwei Hof- 
lagen von je 814 Morgen: auf einer derselben wurden die Pfarr- 
gebäude errichtet, dort, wo solche sich seit wenigen Jahren auch 
jetzt wieder erheben. Zu den Hoflagen aber gehörte je ein sog. 
Garthof am Ende des Dorfes nach Konitz zu, vermutlich zum 
Anbau der Küchengemüse bestimmt. Endlich war auf der ent- 
gegengesetzten Seite des Dorfes ostwärts noch ein Garten samt 
daran stoßender Wiese (am fließe) der Pfarrdotation, wohl in 
erster linie zu fischereizwecken, überantwortet worden. 
Zwischen 13
G und 1330 war auch auf der Burg Tuchei, welche 
um eben jene Zeit der Orden samt zahlreichen andern in der Um- 
gegend liegenden Besitzungen seitens des einheimischen Magnaten 
Peter von Neuenburg erworben haben muß, eine Komturei einge- 
richtet worden 1). Von Tuchel aus wurde in Bälde die Lokation der 
sechs übrigen Dörfer unserer Heimat in die Wege geleitet. freilich 
ist es mit unserer Kenntnis dieser Vorgänge im einzelnen nicht 
zum besten bestellt, da die ersten Gründungsprivilegien von Granau, 
Lichtnau, Petztin und Schlagentin leider für immer verloren gegangen 
sind: das von Granau infolge Diebstahls, dasjenige von Lichtnau 
infolge Brandes, die der bei den andern Orte infolge späterer 
Kassierung durch den Orden selbst. Somit müssen wir uns 
wesentlich bei dem bescheiden, was sich über Osterwik und 
Zekzin diesbezüglich beibringen läßt. 
Osterwik übernahm im Jahre 1338 der vir discretus et honestus 2 ) 
Nicolaus Sulesdorf in form eincs Kaufs mit 84 Hufen zur Be- 
setzung nach culmischem Recht: 8 Hufen wurden ihm und seinen 
Erben oder Nachfolgern als freies Eigentum verliehen, 4 zur Pfarr- 
dotation bestimmt; so bliehen noch 72 an Bauern aufzuteilen. 
Ueberdies erhielt er in gewohnter Weise den dritten Teil vom 
Ertrage der Gerichtsgefälle und die Hälfte des Krugzinses. 
Die Bauern haben je von der Hufe 17 scot an Oeld und 


1) 1326 war Dietrich von Lichtenhain noch Komtur von Schwetz und 
Schlochau (vgl. beispielsweise die in den Roczniki tow. nauk. w Toruniu Jahr- 
gang 10, IIJ03 S. 375 f. veröffentlichte Handfeste des Dorfes Kgl. Neukirch), 
1330 ist er zuerst als Komtur von Tuchel nachweisbar. 
I) Das Transsumpt der Osterwiker Handfeste vom Jahre 1552 hat die 
beiden letzten Worte zu Unrecht fortgelassen. Sie finden sich in der Abschrift, 
die der Friedericianischen Landesaufnahme beigegeben ist (Abt. 181 Nr. 13127 
des Danziger Staatsarchivs). Daß sie im Originale standen, beweist die Ueber- 
setzung: dem erbarn wysen manne. 


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			-. 


2 -fette Hühner auf Martini zu entrichten. Sonst werden ihnen 
noch die üblichen Pflichten auferlegt, z. B. Hilfleistung bei Burg- 
bauten, nur daß sie von Arbeiten bei der Heumaad aus besonderer 
Rücksicht befreit bleiben sollen. Bemerkenswert sodann ist, daß 
bei der festsetzung des von den 72 Rustikalhufen an den Erz- 
bischof von Gnesen zu leistenden Zehnten ein Unterschied ge- 
macht wird, jenachdem der Zins vom Pfluge oder vom Haken erfolgt: 
der Pflug ist bekanntlich das deutsche, der Haken das alte 
slavische Ackergerät ; die Abgabe vom Pfluge wurde auf einen 
Vierdung, die vom Haken auf einen halben Vierdung normiert. 
Wir kommen auf die Bedeutung dieser Bestimmung weiter unten 
zurück. 


Hier liegt uns zunächst ob, noch die Grenzangaben in der 
Osterwiker Handfeste von 1338 mit ein paar Worten zu berühren. 
Da wird zunächst ein Baum genannt, bis zu dem sich die franken- 
hagener feldflur erstreckt, des weiteren ein Kienstrauch, sodal1n 
eine Eiche, diese als Grenze gegen Zekzin charakterisiert, ferner 
eine Linde bei der Mühle; dann finden sich - ohne Zuhilfenahme 
von Bäumen oder sonstigen Orientierungsmitteln - schlechthin 
die Grenzen der Ortschaften Schlagen tin, Lichtnau und Granau, als 
Grenzen auch für die Osterwiker flur benannt, was offenbar dahin 
zu verstehen ist, daß nach diesen Seiten, d. h. im wesentlichen 
nach Süden und Westen, die Grenzen bereits feststehend waren. 
Nicht so nach Norden und Osten zu: dort mußten Grenzen erst 
abgesteckt werden, so zwar, daß dabei das von dem Unternehmer 
Nicolaus Sulesdorf anzuerkennende GesamtmaH der fläche von 84 
Hufen herauskam. 


Die eben angestellte Erwägung stimmt zu der Tatsache, daß 
die ehemalige slavische Siedelung, welche als Vorgängerin des 
1338 ins leben gerufenen Dorfes Osterwik anzusprechen ist, so 
ziemlich eine achtel Meile westlich davon entfernt lag: die Stelle 
derselben hat bis auf den heutigen Tag den Namen Dorfstätte be- 
wahrt, wie sie sich auch in der lustration von 1-185 bezeichnet 
findet. Damals schon handelte es sich Ulll ein fe I d: es liegt am 
Ostufer des Osterwiker Sees, zwischen Sce - Behnkes und der 
Granauer Grenze. Beim Beackcrn dieses Geländes sind denn auch 
vor noch garnicht so langer Zeit funde gemacht wordcn, die auf 
eine frühere menschliche Wohn stätte schließen lassen. Der Kenner 
des Terrains sei zudem an die Tatsache erinnert, daß ebendort im See 
nicht weit vom Ufer sich Eichenpfähle eingerammt finden, die allem 
Anschein nach einst den Zweck hattcn, als StÜtzpunkte einer Zug- 
brücke zu dienen, welche in Vorzeiten die Verbindung mit dem 
"Wall" - so nennt noch heutzutage jedermann in der Umgegend 
die Insel im Osterwiker See - herstellte. Daß es sich hier um 
einen alten sog. Burgwall handelt, kann nicht zweifelhaft scin: 
Bohlenreste, die am Saume der Insel sich noch vorfinden, dcutcn 
ebendarauf hin. 


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			Doch es ist für jetzi nicht unsere Absicht, in die vorgeschicht- 
liche Zeit der Gegend einzugehen I). Wir halten uns vielmehr an 
das urkundliche Material, welches für das 14. Jahrhundert vorliegt. 
Da berichtet uns denn wieder die Lustration von 14!:!5, daß die (in 
der Handfeste von 1338 vorgesehene) Dotation der Osterwiker 
PFarrei noch durch den ersten Tuchler Komtur Dietrich von Lichten- 
hain selbst zur Ausführung kam. Wenn der Bericht genau ist, 
dann muß dies spätestens 1343 (oder 1344) geschehen sein, indem 
der genannte Ordensbruder nur bis dahin im Komturamte stand. 
Hier hören wir ausdrücklich, daß ein D 0 k urne n t vorlag: es ist 
anzunehmen (und tatsächlich besitzen wir Anhaltspunkte dafür), daß 
der Orden die Einzeldotationen der Kirchen allenthalben schriftlich 
fixiert hat. Hinsichtlich Osterwiks sei nur bemerkt, daß auch hier 
die Pfarrei 2 Hoflagen im Dorfe erhielt von je I Morgen Größe- 
auf der einen davon stehen noch heute Pfarrhaus und Wirtschafts- 
gebäude; außerdem kamen an zwei verschiedenen Enden des Dorfes, 
dem "Stadtende" sowie dem frankenhagener, zwei Gärten oder, 
wie der alte Ausdruck lautet, Garthöfe hinzu, die jedenfalls 1485, 
wahrscheinlich schon viel früher mit je einem Pfarrkaten besetzt 
waren (heutzutage der eine bekannt als Grabowskischer Katen; der 
andere ist eingegangen, an" seiner Stelle befindet sich jetzt der 
Brügmannskaten). 
Ueberhaupt scheint das Besetzungsgeschäft von Osterwik 
ziemlich flott vor sich gegangen zu sein, denn schon unter dem 
NachFolger Dietrichs von Lichtenhain im Tuchler Komturamt, 
Konrad Vullekop, wurde eine Nachmessung der feldflur vorge- 
nommen, wobei sich ein Uebermaß von 6 Hufen und H Morgen 
Ackers herausstellte. Es ist lehrreich in mehr als einer Beziehung, 
was mit dieser obirmose angestellt wurde. Zunächst erhielt die 
Dorfschaft eine halbe Hufe für den See und eine weitere halbe 
für den Mühlenteich. Wohlverstanden: die fischerei auf dem See wie 
auch die Mühlengerechtigkeit war, wenn der Ausdruck erlaubt ist, 
ein Regal, der Landesherrschaft vorbehalten. Nun wurde aber 
durch die beiden Gewässer ein ziemliches Stück an Ackerfläche 
den Dorfgenossen entzogen: daHir der Ersatz. Darüber hinaus er- 
hielten die Bauern Ulnsonst noch eine weitere halbe Hufe und die 
3 Morgen, desgleichen der Schulz 1/ 2 Hufe\!). So blieben noch 4 


J) Nur die jüngste einschlägige Zeitungsnotiz vom 10. August d. Js. sei 
gestattet hier mitzuteilen: "E in ewe rt vo 11 e B r 0 n ze ho h I axt mit schönen 
Verzierungen ist beim Pflügen auf dl'm Felde des Gutsbesitzers Fedde in 
Osterwik gefunden worden. Den fund erwarb Lehrer Rosentreter fiir das 
Thorner städtische Museum. Auf derselben Stelle sind bereits früher vorge- 
schichtliche funde gemacht worden; auch ist sie von Professor Konwentz seiner- 
zeit eingehend untersucht und als Kulturherd vorgeschichtlicher Zeit festgestellt 
wurden. Am Ufer des Osterwicker Sees wurden römische Perlen der jüngeren 
Bronzezeit gefunden. Die Reste der Schanzen aus der Burgwallzeit gehen auch 
hier ihrem Ende entgegen". 

) ur daz sie uns deste baz czinseten; uf daz er uns deste baz gedienete: 
würde in etwas späterer Zeit mit Bezug auf die Bauern, bezw. den Schulzen 
die B
gründung lauten. 


- 59- 


-
		

/Pomorze_038_09_090_0001.djvu

			Hufen übrig: hinsichtlich dieser wurde wieder ein regelrechtes Kauf- 
geschäft abgeschlossen und die Hufe mit 15 mark (damaligen Geldes) 
bewertet. Die Summe - 60 mark - wurde selbstverständlich 
nicht in bar beglichen: woher hätten auch im 14. Jahrhundert 
Dorfleute, zumal solche des kolonialen Ostens, soviel Geld zu- 
sammenbringen können? vielmehr wurde die Schuldzahlung in der 
Weise geregelt, daß in Zukunft der Hufenzins mit je einem scot 
aufgeschlagen wurde. Bei 72 Hufen ergab das ein jahres- 
mehr von 72 scot. Setzen wir dies in Beziehung zu der Kauf- 
summe (GO mark; 1 mark = 24 scot, also 60 mark = 1440 scot), so 
ersehen wir, daß die Grundrente im vorliegenden fall für den Orden 
5 Prozent abwarf; es wäre interessant zu beobachten, ob dies auch 
sonst der Normalsatz war. 


Daß die "Besetzung" von Osterwik zu einem glücklichen Ziel 
und Ende gediehen ist, läßt sich auch daraus abnehmen, daß die 
familie des Lokators noch 70 jahre später, also wohl schon in der 
dritten Generation, sich im Besitze des Schulzenamtes befand. Im 
jahre 1409 nämlich verlieh der Orden dem getreuen Hannes 
Czulisdorf Schulzen zu Osterwik und den sonstigen Dorfeinwohnern 
den Osterwiker See mit Ausschluß der Insel darauf, des sog. "Walles" 
(vgl. oben), gegen 9 Vierdunge jahreszins. Rechnen wir auch hier 
5 Prozent, so würde sich der Wert des Sees ohne Insel einer 
Kapitalsumme von 45 mark gleichstellen. Ob dies zutrifft, bleibt 
natürlich eine offene frage. 
Am Südwestufer des Sees auf dem sog. Seeberge, soll der 
Ueberlieferung nach die alte Kapelle des Ortes gestanden haben, 
Eigentümlich, daß das Gedächtnis der Vorväter dies festgehalten 
hat, während das Andenken an die vormalige Kapelle auf dem 
Heiligenberge bei frankenhagen ganz abhanden gekommen war 
und erst wieder literarisch erschlossen wurde. Vielleicht hängt 
dies damit zusammen, daß die 0 s t e r w i k e r Kapelle ihrem 
Zwecke möglicherweise bis ins 15. jahrhundert hinein gedient hat. 
Denn die noch heute bestehende, aus feldsteinen aufgemauerte 
Kirche im Dorfe ist erst 1402 errichtet worden, und zwar auf Kosten 
des Ordens I). Die innere Einrichtung besorgte der Tuchler Keller- 
meister Bruder Kunz von Merenberg. Ihre wirkliche Ueberweisung 
zum gottesdienstlichen Gebrauche freilich erfolgte erst im jahre 
1435\!), was nach meinem Dafürhalten damit zusammenhängt, daß 


I) Es wäre freilich auch denkbar, daß gleich bel der Lokation des Dorfes 
eine hölzerne Kirche hingebaut wurde, die dann nur wenige Jahrzehnte vor- 
gehalten hätte. 
2) Die lange Verzögerung möchte ich fast dahin verstehen, daß Osterwik 
ursprünglich und noch zu Anfang des 15. Jahrhunderts als Pfarrei nicht selb- 
ständig war, vielmehr einem andern (dem Frankenhagener?) Pfarrsysteme an- 
gehörte. 1414 erlitten die Osterwiker an erim kirchgerethe 57 mark gutis geldis 
Schaden (unde süst am durffe 308 mark): Ordensfoliant 5 b des Königsberger 
Staatsarchivs S. 346. 


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			ehen um jene Zeit ein starker Zuzug von Leuten aus dem Osna- 
brückschen her erfolgte: wie heutzutage beim Siedelungsgeschäft 
in erster Linie die Kirchen- und Schulverhältnisse eine Regelung er- 
heischen, so dürfte auch im 15. jahrhundert die Schaffung 
wenigstens eines geordneten Kirchenwesens Grundbedingung des 
Zuzuges gewesen sein. Ebendamals ist denn auch, wie ich schon 
zum Schlusse meines ersten Aufsatzes hervorhob, die Vereinigung 
der beiden Nachbarpfarreien vor sich gegangen, wodurch franken- 
hagen (als filiale) je länger je mehr in den Hintergrund trat. 
Keine zwei jahrzehnte darauf fielen dem schon mit 8 Hufen 
ausgestatteten Pfarrer (4 von Osterwik und 4 von frankenhagen) 
noch ;} weitere zu, insofern drei hinterbliebene adlige fräulein der 
Gutsherrschaft von Kozmin, des Namens (v.) Kamecke, auf diesem 
ihrem Gute eine Kapelle errichteten und dieselbe 1454 mit 3 Hufen 
Landes ausstatteten. Die Kapelle wurde nach kaum drei jahr- 
zehnten in das Dorf Zekzin übernommen. 


Zekzin, zuerst in der Grenzbeschreibung von Osterwik er- 
wähnt, erhielt seine Handfeste im jahre 1342: dem dortigen Schulzen 
Heinrich wurden 45 Hufen zwecks Besetzung zu culmischem Rechte 
'verliehen. Als Entlohnung für das Unternehmen erhielt er die 
üblichen Vergünstigungen: ein Zehntel der feldflur, somit 4 1 i2 
Hufen, frei zum Schulzenamte, ein Drittel von den Gerichtsgefällen 
und den halben Krugzins. 411/ 2 Hufen blieben bäuerlich zu nutzen: 
der Hufenzins lautete auf 15 scot Geld und 2 Hühner zu Martini, 
sowie 2 Tage Scharwerksarbeit, zunächst bei der Heuernte; außer- 
dem kamen die üblichen Allgemeinverpflichtungen, wie Hand- und 
Spanndienste beim Burgenbau, in Ansatz. Hinsichtlich des nach 
Gnesen zu zahlenden Bischofszehnten kehrt auch hier die Be- 
stimmung wieder: vom Pfluge ein Vierdung, vom Haken ein halber. 
Sonst findet sich diese Vorschrift, was die Komturei Tuchel betrifft, 
nur noch in der Stobnoer Handfeste vom jahre 133(t Nun ist 
bekannt, daß im jahre ] 3-1-4 durch den Hochmeister Ludolf König 
mit dem Erzbischof statt des Bischofszehnten ein Bischofsz ins ver- 
einbart wurde, so zwar, daß von allen Ordensgütern, welche auf 
ius theutonicale gesetzt sich bereits im Kulturzustande befanden, 
deren Besitzer von jeder Zinshufe 2 scot zu entrichten hatten von 
der Zeit an, wo der Orden angefangen hatte, in jenen Gütern 
sei n e n Zins zu erheben I). So nach können für unsere Betrachtung 
allerdings nur die Handfesten vor diesem jahre in Frage kommen: 
da scheidet dann noch diejenige von Sluppi (I :J41) aus, weil sich darin 
der Ordcn anheischig macht, selbst für die Bauern den Bischofs- 
zehnten zu zahlen. Alles in allem sehen wir aber, daß in den ersten 
jahrzehnten der "Besetzung" von Zinsdörfern es den Unternchmern 
anhcimgestellt wurde, ob sie in den von ihnen zu gründenden 
Dorfverband auch Leute, die nach altem slavischcn Herkommen 
weiter zu wirtschaften gedachten, mit aufnehmen wollten. jeden- 
I) Vgl. Voigt, Geschichte Preußens, 5. Bd. (Königsberg 1832) S. 34. 


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/Pomorze_038_09_092_0001.djvu

			falls kann von einer pi an m ä ß i gen Kolonisation Ilur mitDeutschen 
in jener frühen Zeit nicht die Rede sein. Nirgends findet sich in 
unseren Handfesten die anderswo begegnende Weisung, homines 
te u ton i co s zur Siedeltmg heranzuziehen. Bemerkenswert ist 
auch, daß für die Zinsdörfer bei ihrer Besetzung nach culmischem 
Recht keine Freijahre stipuliert werden. Das läßt darauf schließen, 
daß die in Betracht kommenden Ortschaften sämtlich schon vordem, 
wenn der Ausdruck zutreffend ist, angebaut waren, somit genau 
genommen eig-entlich nur auf ein besseres (das culmische) Recht 
umgesetzt, und dadurch einer höheren Kultur fähig gemacht 
wurden. Nun geht meine Meinung allerdings dahin, daß durch die 
Lokatioll, wie wir uns gewöhnt haben den betreffenden Vorgang kurz 
zu benennen, das deutsche Element eigentlich erst seine Existenz- 
bedingung hier zu Lande geschaffen sah und sich zur Siedelung in 
größerer Menge anwerben ließ. Die alteingesessene Bevölkerung 
aber, soweit sie in den neuen Dorfverband eintrat, erlangte durch 
die Bewidmung mit culmischem Recht den Stand der persönlichen 
Freiheit, falls sie, was wir im einzelnen nicht beurteilen können, 
bis dahin ganz oder doch teilweise unfrei gewesen sein sollte. 
Die Lokation war für die künftige Entwicklung der Verhältnisse 
nach allen Seiten von der einschneidendste n Bedeutung: als freilich 
verhältnismäßig nur mattes Gegenstück dazu ließe sich ihr lediglich 
die Gemeinheitsaufhebung und Verkoppelung der Grundstücke in 
den dreißiger und vierziger jahren des vorigen jahrhunderts an die 
Seite stellen. Auffallend ist übrigens, daß wir für manche Dörfer 
Männer als Lokatoren auftreten sehen, die offenbar mit der von 
ihnen zur Besetzung übenommenen Ortschaft bisher nichts zu tun 
gehabt hatten (wie Nic. Sulesdorf bezüglich Osterwiks), OInderswo 
aber die Schulzen die Lokation besorgen. Ich verstehe dies letztere 
dahin, daß der Orden es gern sah, wenn Deutsche, auch ehe die 
Besetzung eines Dorfes in die Wege geleitet wurde, sich darin 
niederließen und, wenn angängig (etwa durch Kauf oder Ein- 
heiraten), den alten polnischen Starosten ablösten. 
So mag der Zekziner Schulze von 1342, des' Namens Heinrich, 
seine Erklärung finden. Denn wenn auch die alten deutschen 
Kaisernamen aus der Salierzeit, Heinrich und Konrad, seit wenigstens 
dem 13. jahrhundert bei den piastischen Fürstengeschlechtern sich 
Eingang verschafft hatten - ich erinnere an Herzog Konrad von 
Masowien und die Heinriche von. Schlesien - so glaube ich doch 
nicht, daß auch die niederen Schichten des Volkes sich ihrer so- 
bald bemächtig-ten. Ein Heinrich aus der ersten Hälfte des 14. 
jahrhunderts in unsern Urkunden läßt stets auf deutschen Ursprung 
schLießen I). 


I 
. 


I) Ebenso halte ich den Schulzen Thilo von 5tohno (1336) liir einen 
Deutschen. Die eingentümliche Kurzform des Namens Dietrich mit dem Auf- 
treten des verkleinernden 1 zum Schlusse und der Ausstoßung des Dental- 
buchstabens davor (also DietI, Tietl, Tiel; Thilo mit lateinischer Endung wie 
Bruno= Arun) ist in Mitteldeutschland zuhause - man denke nur an den Merse- 
burger Bischof Thilo von Trotha -; mit der Kolonisation des Nordostens ist 


f 
. 
f 


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/Pomorze_038_09_093_0001.djvu

			Oenaueres vielleicht sind wir imstande über die Herkunft des 
Osterwiker Lolwtors vom Jahre 1338 herauszubringen. Sein Name 
war, wie schon des öfteren erwähnt, Nicolaus Sulesdorf. Im 14. 
Jahrhunderte war immer noch der Vorname die Hauptsache, und 
so finden wir beispielsweise in fast allcn Handfesten, die sich auf die 
Komturei Tuchel beziehen, daß, wenn ein Beliehener das erste Mal 
mit Vor- und Zunamen bezeichnet wird, er hinterher in der Ur- 
kunde stets nur mit dem Vornamen sich wiederangeführt findet. 
Unser Nicolaus Sulesdorf aber macht davon eine Ausnahme. Er 
erscheint zweimal als Nicolaus Sulesdorf, das dritte Mal als ante- 
dictLls Nicolaus, zum vierten und letzten Mal wieder als jam dictus 
Nicolaus Sulesdorf. Man kann daraus schließen, daß bei ihm der 
Zuname schon recht fest geworden war. Woher hatte er aber 
diesen Zunamen? Ich irre kaum, wenn ich sage, er hatte ihn er- 
erbt: so hießen schon seine Vorfahren. Das waren keine 
Bauern; denn B.auern führten - in unserer Gegend wenigstens- 
noch in den er'\ten jahrzehnten ues 15. jallrhunderts lediglich 
einen Vornamen I). Im beginnenden ]4. jahrhundert weist ein 
Zuname, zumal ein solcher, dem ein Ortsname zugrunde liegt, 
mit Sicherheit auf eine städtische oder, was uasselbe ist, bürger- 
liche familie hin. In den Städten machte sich das Bedürfnis, 
die einzelnen Bewohner genauer zu unterscheiden, weit früher 
geltend als auf dem platten Lande: die Beinamen, welche man 
wählte, waren verschiedener Extraction, I,)esonuers beliebt waren 
diejenigen nach dem Orte, wo jemand herstammte. 
Wo haben wir nun das Dorf zu suchen, nach welchem unser 
Nicolaus seinen Beinamen führte? Im deutschen Mutterlande würde 
es eine vergebene Mühe sein; das in seinem ersten Bestandteil 
eine Kürzung des Namens Sulislaw aufweisende Wort beschränkt 
unsere Suche von vornherein auf den kolonialen Osten. Ziehen wir 
da Neu man n s Orts-Lexikon des deutschen Reiches, 3 Auf!. von 
Wilhelm Keil, Leipzig und Wien 18g4, zurate, so kommen folgende 
Orte in frage: 1. das Dorf Sülstorf in Mecklenburg-Schwerin, 
s. von Schwerin, an der Eisenbahnlinie Wismar-Ludwigslust gelegen, 
mit einer evangelischen Pfarrkirche, bei Neumann mit 4
2 Ein- 
wohnern notiert; 2. das Dorf Zühlsdorf im preußischen Regierungs- 
bezirk frankfurt, Kreis Arnswalde, 694 Einwohner, ebenfalls mit 
einer evangelischen Pfarrkirche; 3. das Dorf Zühlsdorf, Regierungs- 
bezirk Potsdam, Kreis Niederbarnim, mit 301 Einwohnern; endlich 
4. das Dorf Züllsdorf im Regierungsbezirk Merseburg, Kreis Torgau, 
mit 610 Einwohnern und einer evangelischen Pfarrkirche; nahe 


( 
, 

 


die Namensform dann auch hierher vorgedrungen und hat sich in dem nicht 
eben seltenen Familiennamen Thiele, Thiel, Theil erhalten. Der Lokator von Sluppi 
(1341) war ein Gallicus, ebenso der eine Krüger im Dorfe Reetz (1325). Wir 
gehen kaum irre, wenn wir beide fiir wallonischer Abkunft halten; denn wohl 
nur Wallonen (nicht auch Franzosen oder gar Italiener) dürften von ihren 
Nachbarn, den im Kolonisationsgeschäft so überaus rührigen Vlamen, zur Mit- 
beteiligung an der Okkupation des fernen Nordostens nachgezogen sein. 
I) Zum jahre 1414 benennt das Schadenbuch (S. 133) drei Bauern zu 
Große Mandilmir; sie hießen Latczke, Tyde, Clamme. 


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/Pomorze_038_09_094_0001.djvu

			dabei eine gleichnamige Oberförsterei (in Rosenfeld) mit 56 Be- 
wohnern 1 ). 
Gilt es nun, uns für einen dieser Orte zu entscheiden, so 
glaube ich, gehen wir so gut wie sicher, wenn wir auf das an der 
zweiten Stelle genannte Dorf unser Augenmerk richten. Es scheint 
mir folgendes dafür ausschlaggebend. In der Umgegend von 
Arnswalde sowie in den angrenzenden Teilen der heutigen Provinz 
Pommern hatte sich in der Kolonisationszeit das seinen Ursprung 
aus Stormarn herleitende Geschlecht derer v. Wedel ansässig ge- 
macht 2 ). In diese Familie rein deutscher Extraction ist - vermutlich 
infolge Verschwägerung mit einer einheimischen Adelsfamilie - 
der slavische Vorname Sulislaw eben in der abgekürzten Form 
Zcules, Zulis, Czulisch eingedrungen: man schlage hierzu das 
Register zum Codex diplomaticus maioris Poloniae nach; bei Zulis 
de (=Czulisch von) Wedel findet sich dort ausdrücklich N. M. 
(= Nova Marchia) in Klammern beigefügt. Nun. war Zühlsdorf 
zwischen Arnswalde und Neuwedell zweifelsohne Wedel scher Besitz, 
wenn nicht eine Wedelsche Gründung. Von der Neumark folgten 
den weiter im Osten neue Besitzungen erwerbenden Wedels welche 
von ihren Leuten nach, und so findet sich denn auch in der Urkunde 
Nr. 91)7 des eben genannten Codex dipl. mai. Pol., durch welche zwei 
Brüder v. Wedel ihrer Stadt Nuve Vredeland (=Märkisch Friedland) 
zwecks Beförderung deren Wohlstandes eine Anzahl Gerechtsame 
zubilligen, unter den Zeugen ein Gerardus Sulstorp erwähnt. Die 
Urkunde ist datiert von Arnscron (=Deutsch Krone) den 2. Februar 
1314. Was die Zeugenreihe anlangt, so erscheint zunächst der 
Pfarrer von Dt. Krone nebst drei Gebriidern v. Wedel. Dann 
werden bürgerliche Zeugen aufgezählt: an vierter Stelle begegnet 
der schon genannte Gerardus Sulstorp; an achter und neunter 
Nicolaus et Johannes fratres dicti Knokendorp, mit dem Zusatze: 
fun da tores premisse civitatis Nuve Vredeland et consules ibidem: 
wobei leider unklar bleibt, ob diese Charakterisierung sich nur auf die 
beiden Brüder Knokendorf (jetzt heißt der Ort, von den der Name 
stammt, Knackendorf) bezieht oder, was wahrscheinlicher anmutet, 
auf alle bisher benannten bürgerlichen Personen. Trifft die letztere 
Vermutung zu, dann gehörte Gerhard Sulstorp zu den Mitbegriindern 
der Stadt Märkisch Friedland und bekleidete 1314 daselbst eine 

) In 
der Anmerkung wenigstens möchte ich noch die Erinnenmg an 
einen anderen (jetzt untergegangen und darum bei Neumann nicht erwähnten) 
Ort gleichen Namens wachrufen. Am 10. August 1884 wurde unfern des 
sächsischen Dorfes Kieritzsch (32 km südlich von Leipzig) zu Ehren Luthers 
und seiner Frau ein Denkmal enthüllt. "Es bezeichnet die Stätte, wo einst 
Zulsdorf gestanden hat, das kleine Gut Z., das Luther in der Woche vor 
Pfingsten 1540 seinem Schwager Hans von Bora um 610 Gulden abgekauft hat, 
das er selbst ein Erbdächlein derer von Bora nennt, das er 1542 in seinem 
Testament seiner Käthe zu einem Leibgedinge verschreibt. Von dem kleinen 
Out liegt jetzt kein Ziegel mehr auf dem andern" (Ernst Kroker, Katharina von 
Bora, Leipzig 11906]). V
I. d
zu die (Leipziger) lII.ustrirte Z.e
tnng Nr. 3096 
vom 30. 9 k t. 1.902. -: Fur die Herkunft unseres Nlcolaus freilich, glaube ich, 
kommt dieser Immerhm etwas abgelegene Ort kaum oder garnicht in Betracht. 

) Vgl. hierzu die Bemerkungen von Flitz: Curschmann im 12. Bande 
der Pommerschen Jahrbücher, Greifswald 1911 S. 298 und 301. 



 


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/Pomorze_038_09_095_0001.djvu

			RatsherrnsteIle. Mit ihm, glaube ich, stand in naher verwandt- 
schaftlicher Beziehung - vielleicht war es sein Sohn - der Nico- 
laus Sulesdorf, welcher gute zwei Jahrzehnte später beim deutschen 
Orden als Unternehmer zur Lokation des Dorfes Osterwik sich 
meldete und in form eines Kaufes sein Geschäft mit dem Orden 
abschloß - nicht ohne Erfolg, wie schon oben dargetan. 
Ueber den frankenhagener Schulzen und Lokator von c. 
1346/47 ist nichts Genaueres festzustellen. Die Namensform 
Johannes in der zweifelsohne aus dem Lateinischen übersetzten Urkunde 
erweist sich eben als gänzlich indifferent und läßt keine weiteren 
Schlüsse zu. Aus der Namensform Hannus indessen, mit welcher 
der G r a n aue r Schulze sich 1356 genannt findet, wird man doch, 
glaube ich, slavische Abkunft dieses Mannes mit ziemlicher Wahr- 
scheinlichkeit folgern müssen. Mag auch gegen die Aufstellungen 
v. K
trzYl1ski's in seinem Werke: 0 ludnosci" polskiej w Prusiech 
niegdys krzyzackich, Lemberg 1882 S. 118 ff., wo zum ersten Male 
in umfassender Weise die in den Ordensurkunden begegnenden 
Schreibungen der Vornamen nach dieser Richtung hin erörtert 
werden, in diesem oder jenem Einzelfalle mit Glück angekämpft 
worden sein 1) : den Beweis finde ich bisher nicht erbracht, daß 


I) Die Gegenausführungen von Hans Plehn in der Geschichte des Kreises 
Strasburg in Westpreußen, Leipzig 1900 S. 60 ff. verschlagen im ganzen recht 
wenig. Die von ihm den Deutschen schon des Mittelalters imputierte "Neigung, 
ihren Kindern fremdländische Namen beizulegen und namentlich in der Kose- 
form fremde Endungen zu gebrauchen", ist doch nur in ga n z seltenen fällen 
zutreffend, die nicht verallgemeinert werden dürfen. Umgekehrt vermögen wir 
zu beobachten, daß in der Kolonisationsperiode d e u t s c h e Vornamen mit 
Leichtigkeit sich bei der alteingesessenen slavischen Bevölkerung Eingang ver- 
schafften, zunächst in den höheren Schichten, dann aber auch tief nach unten 
aNsgreifend. Was bei Plehn auf S. 61 die mit vier deutschen Vertretern vor- 
gebrachte Namensform Niclos beweisen soll, bleibt rätselhaft: das ist doch 
einfach die Zusammenziehung des Namens Nicolaus (ebenso wie sonst gelegent- 
lich sich die formen Niclas, Niclus usw. finden); gegen K
lrzyIiski ist das ein 
reiner Lufthieb. Ebenso wenig nimmt der eben genannte Gelehrte die franzke, 
franczke als polnisch in Anspruch (vgl. bei ihm S. 120), und Tytcze ist be- 
kanntlich eine oberdeutsche Kürzung des Namens Dietrich. Mit alle dem ist 
also garnichts bewiesen. Die Vornamen freilich aus dem Breslauer Bürgerhuche, 
welche Plehn für unzweifelhaft deutsch erklärt, darunter Hanco, Maczco, franzco, 
Ticzko, Bartco, Niczco, nicht minder Peczco, werden andere mit besserem Recht 
für ursprünglich polnische Bildungen halten, wobei natürlich bestehen bleibt, 
daß ihre Träger inzwischen jedenfalls schon germanisiert waren. franzco könnte 
auch eine bloße Latinisierung des deutschen franzke sein. Bleiben bei Plehn 
nur die Namensformen Hannos und Hannus übrig: bei Hannos kann zugegeben 
werden, daß das 0 in der Endsilbe vielleicht manchmal nur eine Vergröberung 
des e darstellt; was ich über Hann u s denke, ist oben im Texte auseinander- 
gesetzt. - Um nichts glücklicher ist die Polemik, mit der Artur Döhring in 
seiner Schrift: Ueber die Herkunft der Masuren, Osterode 1910 (Leipz. Diss.) 
gegen K\'trzYl\ski auftritt. Auf Einzelheiten einzugehen, verlohnt sich nicht 
der Mühe. Döhring wiederholt lediglich die von Plehn supponierte mittelalter- 
liche "Neigung" der Deutschen, "ihren Kindern ausländische Vornamen beizu- 
legen und besonders in der Koseform fremde Endnngen zu gebrauchen" (S. 53). 
Dabei erscheinen dann als Beleg nur gerade wieder die von Plehn beige- 
brachten Namen; bewiesen ist also garnichts. Wenn zudem Döhring u. a. auch 
Clauko fiir einen altpreußischen Namen hält, so ist damit nur eine alte längst ge- 
äußerte Meinung wiederholt. Wie stimmt dazu aber, daß z. B. 1368 der Schlochauer 


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			im Deutschen jemals der in einer unbetonten Silbe stehende Vokal 
e sich bis zu einem u verdumpft hätte. Aus johannes wurde ab- 
gekürzt ohne weiteres Hannes (vgl. 1409 Hannes Czulisdorf), in 
fortbildungen konnte statt des e wohl auch der i-laut eintreten 
(Hannysyz, Genetivform : Thorner fontes Bd. 12, I SOH S. XXIII); 
Hann 0 s erregt 
chon Bedenken, Hann u s aber ist und bleibt nach 
meinem Gefühl eine undeutsche form. Wenn man nun noch in 
Betracht zieht, daß zum Schlusse eines Wortes (besonders bei 
Zusammensetzungen) sich häufig genug ein einfaches s statt des 
getrübten lautes sch gesetzt findet - ich erinnere an Schreibungen 
wie colmishaber = cölmisch Hafer, Sabirs gebitte = Sabirsch{es) 
Gebiet, terra zabor, Rynysdorf == Reinischdorf - so wird man 
ein gleiches wohl für den im Polnischen erweichten s-laut (s ge- 
schrieben) annehmen dürfen; dann aber stellt sich Hannus-Hanus 
(gröber gesprochen Hanusz) zu der zweifellos slavischen ßildung 
Hanko (abgeschwächt Hanke) genau so wie Janusz (jenusch) zu 
janko (Janeke, Janike, janke usw). Trifft diese Mutmaßung zu, so 
haben wir in dem Oranauer Schulzen Hannus einen Mann polnischer 
Abkunft zu sehen nicht minder wie beispielsweise in dem Oosty- 
czyner Müller von 1343, der in seiner Handfeste sich zweimal als 
Hannus, die beiden andern Male als johannes genannt findet. 
Wir kommen nunmehr auf den Lichtnauer Schulzen von 13fi3 
zu sprechen: er hieß Gerke Bösilborg (Bosilburg). Der Vorname 
ist eine Kürzung des Namens Gerhard; was aber stellen wir mit dem 
Zunamen Bösilborg an? Es gibt ein Dorf Bösel bei friesoythe im 
Oldenburgischen und ein zweites gleichnamiges im Kreise lüchow, 
Regierungsbezirk lüneburg. Doch sind beides unbedeutende Ort- 
schaften, und daß hier oder dort ehedem (bis ins 14. Jahrhundert 
hinein) eine Bur g bestanden hätte, die hinterher spurlos ver- 
schwunden wäre, ist wohl kaum anzunehmen. Eher möchte ich 
glauben, daß der Name des Lichtnauer Schulzen in dem 13B7 an- 
gelegten Handfestenbuche der Komturei Tuchel nicht ganz korrekt 
wiedergegeben war. Beim Diktieren, das damals viel mehr in 
Uebung war wie heute, konnte ein Verhören schon einmal vor- 
kommen. Ich meine nun, der Name lautete richtig Bösinburg (oder 
ähnlich). Diesen Zunamen I) führte auch (mit dem Vornamen Tylo) 
der Mann, mit welchem der Orden liW7 ein Tauschgeschäft 
machte, indem er ihm 5 Grochowsche (lehnmanns)hufen verlieh 
gegen 5 Petztiner Schulzenhufen 2 ), die er an sich zog, um darauf 
ein Vorwerk zu errichten. Tylo Bösinburg war also bis dahin 


" 


Komtur einem Clauko dichls Ca s sub e die Mühle zu Damnitz verleiht 
(Handfesten buch 3, 1 des Danziger Staatsarchivs Abt. 3 Nr. 1 fol. 18)? Nach 
meinem Dafürhalten ist Clauko eine polnische Deminutivform von Nicolaus 
(Claus) genau so wie Hanko zu Johannes (Hans). 
1) Man achte beim Nachschlagen der "Urkunden der Komturei Tuchei" 
unter Grochowo INr. 102) gen au auf die dort notierten Varianten. 
3) Von dieser Zahl aus ist der Schluß naheliegend, daß das Dorf Petztin 
ursprünglich auf 50 Hufen fundiert gewesen war. 


";"'66-
		

/Pomorze_038_09_097_0001.djvu

			Schulze zu Petztin gewesen: ich halte ihn für einen nahen Ver- 
wandten des Lichtnauer Schulzen von 1363. 
Nun werden wir auch, denke ich, mit der feststellung des 
Ortes, woher der Name stammt, auf sichereren Boden treten. Prof. 
Curschmann zu Greifs wald hat im 19. Bande der forschungen zur 
deutschen Landes- und Volkskunde, herausgegeben von Hahn 
(Stuttgart 1910) einen sehr beachtenswerten Aufsatz veröffentlicht, 
betitelt: Die deutschen Ortsnamen im nordostdeutschen Kolonial- 
gebiet. Darin liest man auf S. 179: "Sagt der Name etwas über 
die topographische Lage eines Ortes aus und paßt dies auf die 
Lage des Ortes im Koloniallande ni c h t, wohl aber auf eine gleich- 
namige im Westen gelegene Ortschaft, so handelt es sich sicherlich 
um einen übertragenen Namen. .. Wenig oberhalb von Lauen- 
burg, wo der Eibe ein kleines flüßchen von rechts, die Boize, zu- 
fließt, findet man die alte feste Boizenburg; ein anderes Boizen- 
burg liegt weiter !;)stwärts in der Ukermark am sogenannten Strom, 
einem lufluß der Ucker". Dazu die Anmerkungen zum erstgenannten 
Orte: "Sieht man von der angezweifelten Ratzeburger Dotations- 
urkunde von 1158 ab, so kommt der Name des "territorium Boicene- 
burg", der ja das Vorhandensein einer feste dieses Namens vor- 
aussetzt, zuerst 1171 vor"; und zum zweiten: "Zuerst genannt 1271 
»villa Boiceneburch«". Nach meinem Dafürhalten nun möchte der 
in der heutigen Provinz Brandenburg liegende Ort als derjenige 
anzusprechen sein, auf den der Name der oben berührten beiden 
Schulzen I) in - letzter Linie zurückgeht und aus welchen dann 
schließlich auch die familie einmal ihren Ursprung hatte. Voll 
be w eis e n lassen sich solche Aufstellungen selbstverständlich 
nicht, es kann sich nur ein gewisses Gefühl für derlei Herkunfts- 
fragen ausbilden, und da habe ich allerdings das Gefühl, daß in 
den früheren leiten der koloniale Zuzug nach Pommerellen mehr 
vom Südwesten her erfolgte; erst später ist dann die heutige 
Provinz Pommern 2 ) an die erste Stelle gerückt (und gleich Mecklen- 


1) Es gab in Pommerellen schon im 13. Jahrhundert eine familie des 
gleichen Namens: diese war aber ritterlichen oder, sagen wir besser, ministe- 
rialischen Standes. 1256 verlieh der Herzog Sambor 11. honestis viris Heinrico 
cognomine Scildere et Johanni de Beyzenburg in zwei Dörfern unweit von 
Dirchau 60 Hufen; servItium vero, quod essent nobis exinde facturi, eorum 
committimus voluntati. 1304 aber bekunden die Ratmänner der Stadt Elbing, 
qlJod domina Catherina dicta de Beuzenenborch civis nostra mitsamt ihren zwei 
Söhnen und ihrer Tochter ihre an geerbte villa Swarziszewo im Dirschauer Ge- 
biete dem Bischofe Gerward von Wlodawek für eine gewisse Summe Geldes 
abgetreten habe. Vgl. zum Vorstehenden die Nummern 164 und 627 des 
Pommerellischen Urkundenbuches; in der zweiten ist natürlich Beuzenenborch 
zu lesen (nicht Benzenenborch). Man beachte, daß in beiden fällen die 
Partikel de dem Namen vorgesetzt erscheint: das hat doch seine Bedeutung. 

) Eine sehr große Anzahl west preußischer bäuerlicher oder bürgerlicher 
familien, die seit Jahrhunderten nachzuweisen sind, tragen ihren Namen von 
pommerschen Ortschaften: ich erinnere nur an Sem rau (schou 1447 hieß der 
Schulze von förstenau im jetzigen Kreise Schlochau so), Gatz (1536 ein Bauer 
Nicolaus Gaczcze zu Hennigsdorf, Lucas Gaczcze zu Harmsdorf), Schwemin 
(Schulzen zu Dt. Zekzin) und die besonders im Schlochauschen sehr verbreiteten 
Namen mit der Endung -hagen (Borkenhagen, fetkenhagen, Ziegenhagen usw.). 


- 67-
		

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			.( 


burg an die zweite). Der Grund dieser Erscheinung liegt auf der 
Hand: die Mark Brandenburg war rechts der Eibe das älteste 
Gebiet, das nachhaltig vom deutschen Mutterlande kolonisiert 
wurde; wie dann die Kolonisation sich weiter östlich vorschob, 
war sie bereits in der Lage, für diesen Zweck überschüssige Kräfte 
mit abzugeben I). - So meine ich also, entstammten auch unsere 
Bösenburgs einer Familie, die irgendwo in einer Kolonialstadt des 
märkischen Ostens (oder etwa auch der Neumark) sich ansässig 
gemacht hatte und ihren Zunamen dem Herkunftsorte verdankte. 
Ueber diesen gibt das schon zitierte Neumannsche Orts-Lexikon 
folgenden Aufschluß: "B 0 i tz e n bur gin der U k e r m a r k 
(Boytzenburg), Flecken und Rittergut, . . . Regierungsbezirk Potsdam, 
Kreis- und Amtsgericht Templin, am Fluß Quillow, 845 Einwohner, 
. . . Gerichtstag, evangelische Pfarrkirche, Schloß und Garten nebst 
Tiergarten und fasanerie in der G ra f sc ha f t B. des Grafen von 
Arnim-B., Fischzuchtanstalt, Molkerei, Spiritusbrennerei . . . ." Eine 
"Burg" mag an diesem Orte niemals existiert haben 2 ), vielmehr ist 
(wenn anders wir Curschmann folgen dürfen) mit dem ganzen 
Namen auch die Endung von der Stadt Boitzenburg an der Eibe 
hierher übertragen. 
Noch ein Umstand will besprochen sein. Man könnte Anstoß 
daran nehmen, daß der Familienname zu Anfang der zweiten Silbe 
ein s aufweist, während der Ort, von dem ich denselben herleite, 
an dieser Stelle einen z-Laut enthält. Ich glaube, die Sache ist 
ganz unerheblich. Offenbar hat man zu spätlllittelalterlichen Zeiten 
in diesen und ähnlichen Fällen ein weiches s gesprochen - man 
vergleiche dazu Schreibungen wie zo, zee, zeen (sehen), zemlich, 
Gnezen u. a. Erst später, wo die geographischen Namen in der 
Schrift festgelegt wurden, ist die Differenzierung entstanden. Zum 


Auf Mecklenburg als Ursprungsort weist u. a. der Name Musolf hin (durch 
Umstellung- der liquida entstanden aus Mulsow). Die ganze frage sei hiermit 
nur einmal kurz beriihrt; eine genauere forschung in der Richtung diirfte gewiß 
manches schöne Resultat zeitigen. - Auch pommersehe Adelsfamilien, wie die 
v. Bouin oder Kamecke, traten erst verhältnismäßig spät mit einzelnen ihrer 
Mitglieder in die Dienste des Ordens. Doch dariiber anderswo. 
]) Noch ein, wie mir scheint, durchschlagendes Beispiel möchte ich hier 
anfiihren. Im jahre 1370 erkaufte die Vogtei in der erzbischöflich Gnesenschen 
Stadt Kamin mit zehn Hufen Landes, zwei Hofstälten und einer Anzahl von 
Gerechtsamen der providus vir Hermanus dictu
 Templyn: Codex dipl. mai. Pol. 
Nr. 1633. Wo läßt sich der Beiname dieses Mannes anders herleiten als von 
der ukermärkischen Stadt, die mit Boitzenburg und der Stadt Lychen nahe 
beisammen liegt? Die Nachkommen dieses Hermann sind lange in der Um- 
gegend von Kamin sitzen geblieben. Noch aus den ersten jahrzehnten des 18. 
jahrhunderts vermag ich sie in Damrau und Drausnitz nachzuweisen. Der 
Drausnitzer familie entstammte, wenn ich nicht irre, der Canonicus, Dekan und 
Pfarrer von Prechlau jacob Templinski, iiber den ich in den Thorner fontes 
Bd. 13 (1909) S. 540 f. einige Nachrichten zusammengestellt habe. Ihm sind 
vermutlich Verwandte nachgezogen (etwa ein dem Geistlichen die Wirtschaft 
fiihrender Bruder): die bis in die neuste Zeit in den Schlochauer Hinterdörfern 
vorkommenden Templins hängen wohl damit zusammen. 
3) Genaueres dariiber vermöchte natiirlich nur die Lokalforschung fest- 
zustellen. 


\ 


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			Vergleiche bietet sich ohne weiteres der Name des Osterwiker 
Lokators Sulesdorf, bei dem überdies in der ersten Silbe der Um- 
laut nur nicht geschrieben ist, sicher aber gesprochen wurde, also 
Sühlsdorf (mit weichem s zu Anfang). Sein Nachkomme (WO!:) 
findet sich Czulisdorf geschrieben, zu sprechen Zühlsdorf. Das e 
bezw. i hinter dem I in diesem Namen hat, glaube ich, einen 
eigenen Lautwert nicht, sondern dient nur dazu, den Buchstaben 
zu erweichen, was dann allerdings wieder die Klangfarbe des vor- 
angehenden Vokals leicht beeinflussen kann. 
Nun wäre weiter anzuführen der Name des Schlagentiner 
Schulzen vom Jahre ] 368, Peczhe, der sich sofort als eine etwas 
mundgerechtere Umformung des slavischen Piecio (Koseform 
für Peter, Petrus) erweist. Heutzutage erscheint derselbe als 
familienname mit der form Pötsch (oder ähnlich geschrieben) bei- 
spielsweise im Ermlande, anderswo als Pietsch, Peitsch; im 
Wendischen entspricht ihm Pech (mit langem e zu sprechen). 
Die Verkleinerungsform wieder des eben besprochenen 
Namens liegt vor bei dem Manne, welchem der TuchleI' Komtur 
Conrad Vullekop im Jahre 1345 den Krug im Dorfe Petztin verlieh: 
er wird in der Handfeste dreimal Peczke, dazwischen einmal Peter 
(Petir) genannt, das erste Mal (wie auch sonst immer üblich, vgl. 
oben S. (3) mit dem Zunamen Wassirrabe. So echt deutsch nun 
diese letztere Bezeichnung uns anmuten mag, der Peczke ist und 
bleibt darum lInlällgbar slavischer Abkunft. Den Beinamen mag er 
vielleicht nach seiner Hausmarke ') bekommen haben, die in jenen 
alten Zeiten die Stelle der heutigen Schilder vertrat: ein Rabe, der 
sich am Wasser letzte, zeigte an, daß es in diesem Hause etwas 
Besseres zu essen und erst recht zu trinken gab, als dem Tiere 
selbst beschieden war. 
Beim Müller Claus zu franken hagen (13ö8) käme es darauf 
an zu wissen, ob die auf sein Bitten erneuerte Handfeste lateinisch 
oder deutsch abgefaßt war. Im ersteren falle könnte bei der 
Verdeutschung die Kurzform Claus statt des Vollnamens (Nicolaus) 
eingesetzt sein. Stand aber gleich ursprünglich Claus in der Ur- 
kunde, dann wäre die deutsche Abkunft des Mannes außer Zweifel 
gestellt. So ist ein Urteil mißlich. - Mit Absicht unerwähnt ge- 
lassen habe ich den Pfarrer Herrn Bedeke von Schlagentin (1378): 
der Name ist anscheinend Verkleinerungsform von Beda und möchte 
wegen dieses Umstandes (man denke an den Angelsachsen Beda 
venerabilis) eher auf deutsche als auf slavische Abkunft schließen 
lassen. Doch kommen Geistliche für die frage der Nationalität 
von Einwohnern im Kolonialgebiet kaum oder nur wenig in Betracht: 
sie brauchten ja nicht aus der Gegend herzustammen, auch hinter- 
ließen sie bei ihrem Tode höchstens nur diesen oder jenen Ver- 
wandten, der etwa in ihrem Haushalte gestanden hatte, an dem 
Orte der eigenen Wirksamkeit. Nur so viel allenfalls kann uns der 
Pfarrer Herr Bedeke lehren, daß auch in Schlagen tin das deutsche 


1) Bei Leuten adliger Herkunft würde man von einem hantgemal reden. 


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			Element um jene Zeit schon eingedrungen war und keineswegs 
alle Einwohner des Dorfes mit ihrem Schulzen gleicher lierkunft 
waren. 
Namen von einzelnen einfachen Bau ern sind uns aus dem 
14. Jahrhundert weder fiir unsere Dörfer, noch überhaupt für den 
Tuchler Komtureibezirk aufbehalten. Die gebuer (gebuwer, rustici) 
erscheinen zu jener Zeit stets nur als Kollektivbegriff, gegenüber- 
stehend dem Schulzen: so beispielsweise in dem Zinsbuche vom 
Jahre 1400. Wären Einzelnamen überliefert, so bin ich überzeugt, 
daß ein nicht unbeträchtlicher Prozentsatz davon sich als undeutsch 
erweisen würde). 
Alles in allem: auch unsere Dörfer waren zur Zeit, wo die 
Kolonisationstätigkeit des deutschen Ritterordens hinsichtlich 
PommereIlens in flor stand, ein wahrer Schmelztiegel für altange- 
stammte Bewohner slavischer Abkunft, die allmählich an deutsche 
Sitten und deutsches Recht gewöhnt wurden, wie für unter- 
nehmungslustige Einwanderer, welche sich den neuen Verhältnissen 
anzupassen verstanden oder verstehen lernen mußten. Nirgends 
findet sich eine Spur, daß die sieben Dörfer sich irgend von den 
sonstigen der Komturei abgehoben oder unterschieden hätten: 
wenigstens was das eng er e TucheIer Gebiet betrifft, so machen 
nur die beiden ganz im Osten gelegenen Dörfer Groß Bislaw und 
Polnisch Cekzin den Eindruck, als ob sie vom Deutschtum kaum 
oder garnicht berührt wurden. Bei den übrigen ist deutscher Ein- 
fluß wahrnehmbar, gleichwohl, wie mir scheint, ganz und gar kein 
Gedanke an eine planmäßige ausschließlich d e u t s c h e Besiedelung. 


. .Ia . 


1) Damit diese meine Vermutung doch nicht ganz in der luft schwebt, 
setze ich aus dem älteslen Konilzer Ralsbuch (Abt. 320 Nr. 1 des Dauziger 
Slaatsarchivs, S.63) folgenden Eintrag hierher: Wyssentlich sey demm siezenn- 
denn unnd zcukomendenn Rolhe zcur Conitcz, daß yß geschenn yß, do mann 
screyb ynn denn jorenn Crisli Towsenlh 1II1 hundert unnd lXXXI 10, daß der erßame 
roth uf dy czeyth mit vulborth, gudenn gewisßcnn unnd reyfcm roUte des ge- 
strenghelll1 Andriß Puskarß vonn Dobriezann, uf dy zczeylh hoptmann 2'cur 
Konilcz, hahenn 10sßenn enlhoptenn Stankenn ßonn vonn Osterwigk umb denn 
willenn, dalJ her hot gestandenn vor dem siezenndenu gehegethcnn dynge ynn 
des foytes howße. Ich bemerke dazu nur, daß der Vater des Delinquenten 
möglicherweise auch ein Einlieger gewesen sein kann: keinesfalls gehörte er 
der gehobeneren Klasse an, sonst wäre sein Sohn als des Schulzen (Krügers, 
Müllers) Sohn bezeichnet worden. Wahrscheinlich aber doch war Stanke 
(=StaIiko, Kurzform von Stanislaus) ein Bauer. 


Verantwortlicher Herausgeber: Professor Arthur Semrau in Thorn. 
Druck der Buchdruckerei der Thorner Ostdeutschen Zeitung, O. m. b. H. in Thorn. 
- 70 - 


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Abb. 1 und 2 veranschaulichen die Art des Aufbaues. Als Ort der 
Aufstellung wurde, wie es schon 1905 von dem damaligen Pfarrer, 
jetzigen Herrn Weihbischof Dr. K I und e r, vorgeschlagen war, die 
Empore gewählt, weil hier, wo wenig Verkehr ist, die Bilder am 
sichersten ständen. Das Gerüst wurde an der Nordwand, unter 
dem westlichen Fenster angeschlagen. · 
Ueber die ältere Geschichte des Altars sind Archivalien bis- 
lang nicht aufgefunden worden. Die erste literarische Erwähnung 
bringt die "Thornische Chronica" von jacob Heinrich Zernecke, 
2. Auf!., Berlin 1727, auf Seite 10. Zernecke benutzt eine wohl nur 
handschriftlich vorhanden gewesene Beschreibung der Stadt Thorn, 
welche den Ratsherrn, späteren Bürgermeister j 0 h a n n Bau m- 
gar te n (geboren im Februar 1661, gestorben 171 H) zum Verfasser 
hat. Dieses "Manuscriptum Baumgartianum" ist jedenfalls nach 
1710 verfaßt, da Zernecke es in der 1. Auflage seiner Chronik noch 
nicht benutzt, und vor 1719. 
Baumgarten beschreibt den Altar wie folgt: 
"In ipso ergb Choro spectatur altare antiquissimi operis 
ab aliquot hucuspue conservatum seculis in latitudinem per 
totum chorum sese extendens, cui ad dextram latus haud 
mediocre imminet horologium. Altare hoc multiplicibus pic- 
turis per spatia quadrata, prisco more, in fundamento Graecanico 
inaurato, sed rudiore minerva, tota Christi vita passio & mors 
expressa; supra ipsum verb altare tabulae haec pictae duobus 
valvis, quibus aperiuntur, quatuor Evangelistae in habitu 
Cardinalium & Episcoporum sunt appicti, ibique intus videtur 
nativftas Christi, necnon historia trium Regum, turn & simu- 
lacra variorum Sanctorum utriusque sexus lignea, probe 
inaurata atque deargentata, quae verb raro visuntur. Supra 
altare conspicienda erant vetustissima transparentia ligna, instar 
turricularum majorum & minorum subtilissimi operis, quae 
verb vetustate temporis fragmentatim conciderunt, neque jam 
inveniuntur". 
Eine ältere, im Thorner Ratsarchiv handschriftlich vorhandene 
Beschreibung von 16B7 in dem Muckendorfschen Manuskript hat 
Sem rau 189
 in den "Grabdenkmälern der Marienkirche zu Thorn" 
abgedruckt. 
Im jahre 17i4 wurde die Kirche, welche seit mehr als andert- 
halb jahrhunderten evangelisch gewesen war, wieder katholisch und 
den Bernhardinern zugewiesen; am 8. Dezember dieses jahres 
wurde die Kirche neu geweiht (Zernecke S. 457). Hieran schloß 
sich wohl eine teilweise Renovation des Innern, jedenfalls wurde 
] 731 ein neuer Hochaltar errichtet, der jetzt noch bestehende. 
Ueber die Schicksale des alten fehlt es seitdem wieder an Ueber- 
lieferungen. Das Kloster wurde 1821 aufgehoben. In der 
russischen Belagerung 1813 hatte die Kirche schwere Beschädi- 
gungen erlitten, die erst 18BO wieder beseitigt waren. Alle diese 
Schicksale mögen der Erhaltung derartiger entbehrlicher Kunstwerke 


- 73-
		

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			nicht förderlich gewesen sein. Im ID. Jahrhundert verwandte man 
dann den Rest der Altarflügel, um daraus Türen für das heilige 
Grab herzurichten, das am Westende des nördlichen Seitenschiffs 
eingebaut war. Hier waren sie leider allzusehr der Beschädigung 
durch Kirchengänger ausgesetzt. Es war das eine Zeit, in der man 
hierzulande den. Werken der gotischen Malerei und Plastik noch 
zicmlich verständnislos gegenüberstand. K 0 ern e r s vortreffliche 
festschrift "Thorn, seine ehemalige Bedeutsamkeit und seine alten 
Baudenkmäler" die IS79 erschien, erwähnt unsere Altartafeln über- 
haupt nicht und bevorzugt auch sonst die Architektur vor den 
Werken der übrigen Künste. Erst S t ein b re c h t, der 1881 die 
Thorner Baudenkmäler untersuchte, wies darauf hin, daß "Reste des 
gotischen flligelaltars" in einem Verschlag im nördlichen Seiten- 
schiff zu erkennen seien und teilte die Baumgartsche Beschreibung 
mit I). 
He i s e sah 1887 die Tafeln und beschrieb sie darnach aus- 
führlich im 7. Hefte der "Bau- und Kunstdenkmäler" (S. 285). 
Kurze Erwähnungen, die auf diese Quellen zurückgehen, bringen 
sodann Dittrich 2 ), Münzenberger 3 ) und Dehio 4 ). So sind wir für 
die Beurteilung der Bilder lediglich auf die Untersuchung des Be- 
fundes angewiesen. Es sei zunächst die Bilderfolge kurz beschrieben. 
A. Aussenseite der flügel. Passionsbilder 
vergl. Abb. 1. 


.. 


.. 


GEBET IN KR.EUZ 
G[TN$[,.,AN[ DORNt:N. I\&NAHM[ 
; J(IlO"UNO K
EUZ.Ic..UNG. 
CEFAHGEN- I C.IlABL£C.UNC 
,..AHMt. CHRI!&TI 
CHk'STuS HAIl.I' A.-D 
wo"" PILATU S' C[I
SELUNG' t<'R.[UZ1
A(i.UNC. K,,-E.uxwr.c;. 


Abb. 1. Übersich( der Bilder des Thorner Altars Außenseite. 
1. Tafel links: oben Christus in Gethsemane, unten die Gefangen- 
nahme Christi; 
rechts: die Dornenkrönung. 


" 


') Die Baukunst des Deutschen Ritterordens in Preußen. I. Die Stadt 
Thorn. Berlin 1885. S. 39. 
11) Die mittelalterliche Kunst im Ordenslande Preußen. (Vereinsschrift 1 
der Görres-Gesellschaft) Köln 1887. S. 88. 
S) Zur Kenntnis und Würdigung der mittelalterlichen Altäre Deutschlands. 
11. Band. frankfurt a. M. 1895-1905. S. 199. 

) Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Band 11. Berlin 1906. 
Seite 436. 


,. 


-74 - 


-
		

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			2. Tafel links: Christus vor Pilatus; 
rechts: die Geißelung Christi. 
3. Tafel links: Christus trägt sein Kreuz; 
rechts: Maria auf dem Kreuzwege. 
4. Tafel links: die Kreuzigung; 
rechts: oben die Kreuzabnahme, unten die Grablegung. 


,. 


B. Mittlere flügelsteIlung. Marienleben vergl. Abb. 2. 
1. Tafel (Rückseite von A 1) links: Tempelgang der Maria; 
rechts: die heilige Clara. 
2. Tafel (Rückseite von A 2) links: Maria im Gnadenmantel auf 
dem Halbmond stehend; 
rechts von ihr: Magdalena, mit der Beischrift "Magdalena. 
Mater. misericordie"; 
links von ihr: Paulus mit der Beischrift "Paulus pecorum. 
misere." d. h. peccatorum miserere; 
rechts: der heilige Ludwig von Toulouse. 
3. Tafel links: oben Christus erscheint der Maria Magdalena 
(joh. 20, 15-17), 
unten die drei frauen am Grabe; 
rechts: die Himmelfahrt Christi. 
4. Tafel links: die Ausgießung des heiligen Geistes, Maria inmitten 
der Apostel; 
rechts: der Tod der Maria. 
5. Tafel (Rückseite von A 3) links: die Stigmatisierung des heiligen 
franciscus; 
rechts: unten Moses, kenntlich an dem Spruchbande 
"Orietur stella ex iacob" (Numeri 24, 17) und Jesaias, 
mit dem Spruche "Egredietur virga de radice yesse yzayas" 
(cap. 11 v. 1); 
oben die heilige Anna selbdritt. 
6. Tafel (Rückseite von A 4) links: drei Kardinäle, aus einer Kirche 
heraus schreitend, verehrt von zwei Mönchen und zwei 
Nonnen, die später hinzugemalt sind; die sichere Deutung 
dieses Vorganges war bisher nicht möglich. Vielleicht 
ist es ein Hinweis auf die vielen Kirchenlehrer, die aus 
dem franziskanerorden hervorgegangen waren und in 
den Klöstern öfter bildlich verewigt wurden 1). 
rechts: Maria mit dem Leichnam Christi (Pietas) verehrt 
von dem Evangelisten Johannes und von Simeon. Auf 
den Spruchbändern steht: "Johannes Ecce filius tuus" 
und "Symeon Tuam Ipsius an imam pertransibit gladius" 


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') In den Chorstühlen der franziskaner-Kirche zu Lübeck waren unter 36 
Heiligenbildern aus der Ordensgeschichte auch fünf Kardinäle. VergI.: "Ver. 
zeichnis der Lübeckischen Kunstaltertümer, welche sich auf dem oberen Chor 
der St. Catharinenkirche befinden" Lübeck 1855; jetzt im Museum. Noch 
stattlicher ist die Reihe der Lehrer, Kardinäle, Märtyrer und Bekenner z. B. in 
der Bibliothek des Klosters S. Bernardino in Verona, die 1494-1503 von 
Domenico Morone ausgemalt wurde. 


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/Pomorze_038_09_105_0001.djvu

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c. Innenseite der inneren flügel. 
1. Tafel (Rückseite von B 3). Die linke Hälfte enthält ein merk- 
würdiges Symbol der Dreieinigkeit. An einem Kreuz, das aus 
einem Baum hervorwächst, hängt Christus ganz bekleidet; vor 
ihm sitzt Oott Vater, so daß auch das Haupt Christi verdeckt 
wird. Auf dem Schoße des Vaters sitzt wieder eine, ganz 
bekleidete Kinderfigur, die wohl den jugendlichen Jesus vor- 
stellen soll. Vier Engel tragen die Mandorla, welche diese 
figurengruppe umgibt und die Symbole der vier Evangelisten 
begleiten, je zwei oben und unten, die Mandorla. Das untere 
Stammesende ist mit dem Agnus Dei belegt, das ebenso wie 
die Evangelisten-Symbole in kreisförmiger Verästelung liegt. 
Auf der rechten Seite steht die Ekklesia, die mit einem Kelche 
das Blut des lammes auffängt, auf der linken die Synagoge, 
der die Krone vom Haupte fällt während sie in der Hand 
den Kopf eines Opfertieres, eines Ziegenbockes, hält. Hinter 
der Kirche steht Johannes der Täufer, der mit der Rechten 
auf das Lamm hinweist; ihm gegenüber, hinter der Synagoge 
steht der Apostel Johannes mit dem Kelche. 
Die rechte Hälfte der Bildfläche enthält oben die Ver- 
kündigung Christi. In dem Buche der Maria steht: "Hec 
mutacio dextre excelsi" und "Ecce Ancilla domini fiat michi", 
In der unteren Hälfte ist die Beschneidung Christi dargestellt. 
2. Tafel (Rückseite von B 4) enthält 
links oben die Weisen aus dem Morgenlande, unten die Dar- 
stellung im Tempel. In dem Buche, das auf der Altar- 
stufe liegt, ist zu lesen "Nunc dimittis servum tuum Domine 
secundum verbum tuum in pace quia viderunt oculi mei", 
rechts der zwölf jährige Jesus im Tempel lehrend. 
Das verschiedene format hat die Vermutung aufkommen 
lassen, daß wir die Reste von zwei Altären vor uns hätten, doch 
sind die Tafeln durch ihren Oedankengang so eng miteinander 
verknüpft, daß die Zusammengehörigkeit nicht zu bezweifeln sein 
dürfte. Beachtenswert ist z. 8., dan gerade die Tafeln B 1, B 5 
und B 2, B 6 in gleicher Weise außen Vorgänge aus dem leben 
der Maria, innen die Heiligen des franziskanerordens darstellen. 
Die obere Reihe setzt dann das Marienleben fort, und gleichzeitig 
auch die Passionsgeschichte der Außenseite, die dort mit der 
Kreuzigung aufhört. 
Auf allen oberen Tafeln ist das Bestreben erkennbar in den 
einzelnen feldern zwei Darstellungen übereinander anzuordnen, so 
z. 8. auf B 3 links, wo oben Christus und Maria, unten die frauen 
am Grabe dargestellt sind, ebenso wird rechts diese Zweiteilung 
durch Christus und die zurückbleibenden Jünger erreicht, auf B 4 
rechts wiederum durch Christus und die Gruppe am Sterbelager. 
Dasselbe können wir auf den äußeren Bildern A 1 und A 4 be- 
obachten. Auf B 5 sind der Engel mit den Wundmalen und 
franciscus mit seinem Begleiter, die hl. Anna und Moses mit 
Jesaias derartig übereinander gestellt. Auf den niedrigen Tafeln 


to 


I. 


-77 -
		

/Pomorze_038_09_106_0001.djvu

			findet sich die.;e Anordnung nicht, der Erfolg ist also, daß der 
Maßstab der Figuren auf allen Bildern der gleiche ist. Diese 
Gleichmäßigkeit und der unverkennbare Rhythmus in der Massen- 
verteilung kennzeichnen alle Bilder als die Komposition ein es 
Meisters und ein e sAltares. 
In der Ausführung lassen sich aber doch verschiedene Hände 
beobachten. Die Innenseiten der Innenflügel (C I und 2) sind auf 
damasziertem Goldgrund mit ganz besonderer Sorgfalt gemalt. Die 
Körperform ist meist richtig beobachtet, die Haltung zwanglos, der 
Gesichtsausdruck ernst und wLirdevol1. Die Architektur ist sehr 
reich komponiert und geschickt gemalt, so besonders auf dem 
Tempelbild mit dem zwölf jährigen Jesus. Dagegen haben die 
Bilder der Außenseite und der mittleren FlügelsteIlung schmächtigere 
Gesichter, einen flotteren Pinselstrich, aber cJoch auch viele Unge- 
schicklichkeiten in der Körperbildung, z. B. in den Schächern der 
Kreuzigung, oder in der Kreuzabnahme. Am besten von den Außen- 
bildern ist noch die Tafel A:J und auf ihr ganz besonders die 
Kreuztragung, deren Figuren außerordentlich lebenswahr aufgefaUt 
sind; vergl. die Abb. 3. Auch Bilder, wie die Stigma ti- 
sierung, oder die Pietas verraten ein tüchtiges Können, während 
das Marienleben, z. B. die hier abgebildete Tafel B 3 einen Maler 
von nur bescheidenem Können verrät. Wir hätten sonach drei 
Hände zu unterscheiden, die an dem einst recht umfangreichen 
Werk gemalt haben. 
Die 10 mm dicken Tafeln sind, soweit es sich aus der einen 
beschädigten beobachten läßt, aus Kiefernholz verfertigt, mit lein- 
wand und Kreide überzogen und dann teils mit poliertem Blatt- 
golde überzogen, teils bemalt. Das Bindemittel der Farbe ist ohne 
chemische Analyse nicht einwandfrei nachweisbar; da die Farben 
aber trLib und auf den meisten Tafeln stark nachgedunkelt sind, so 
liegt die Vermutung nahe, daß wir hier Oelfarbe l ) vor uns haben, 
deren Vorkommen in Preußen durch das Treßlerbuch 2 ) bestätigt 
wird. Dies Nachdunkeln mag auch der Anlaß dafür gewesen sein, 
daß die Bilder, namentlich auf den äußeren und mittleren Tafeln 
in alter Zeit übermalt sind, und zwar hauptsächlich durch Auf- 
lichtung der Oewänder; die Köpfe sind ziemlich verschont geblieben. 
Sehr umfangreich ist allerdings das Bild B 6 übermalt. Die 
ganze rechte Seite mit den Mönchs- und Nonnenfiguren und dem 
burgartigen Hause im Hintergrund ist Uebermalung, und zwar, wie 
die Schlüsselscharte der Burg vermuten läßt, aus der zweiten Hälfte 
des XV. Jahrhunderts. Darunter erkennt man noch zwei einge- 
punzte Kreise für Heiligenscheine, wie auf den anderen drei Bildern 
derselben Tafel, doch sind die zugehörigen Heiligengestalten unter 
der Uebermalung völlig verschwunden. 


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I 


]) Vergl. hierzu Be r ger. Beiträge zur Entwickelungsgeschichte der 
Maltechnik. Dritte folge. 2. Auflage. München 1912. S. 227. 

) Herausgegeben von E. J 0 ach i m, S. 62. Im Jahre 1400 wird die 
Decke über der Tafel, die auf dem großen Altare in Marienburg steht, "mit 
olfarwe gemalt". 


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			Die Rahmen sind aus Eichenholz verfertigt und wie die Bild- 
flächen überzogen; die beiden niedrigeren Tafeln haben massive 
Rahmen mit Nuten für die Bildtafeln; die Rahmen der oberen Reihe 
bestehen aus zwei aufgedübelten Brettlagen, so daß bei dem 
äußeren Paare die Bildtafel nur verfälzt ist, bei dem inneren bis zur 
Außenkante des Rahmens reicht. Flir die Datierung geben uns die 
Tracht und Bewaffnung wichtige Anhaltspunkte. In erster Linie 
kommt das Kreuztragungsbild in frage. 
Von den fünf Schergen sind vier übereinstimmend als Krieger 
gekleidet; ihre Ausrüstung besteht in der Kesselhaube und der 
Helmbrünne aus Kettenpanzer als Kopfschutz; der Rumpf trägt die 
hinten verschnürte Platte, unter der das Maschenpanzerhemd sicht- 
bar wird. Arme und Beine stecken in eisernen Röhren, mit spitzen 
Gelenk-Kacheln, die fliße in Eisenschuhen. Die Schwerter haben 
ziemlich breite, gebogene Parierstangen, runde Knäufe und hängen 
an Schwertfesseln. Der römische Hauptmann des Kreuzigungs- 
bildes trägt ein Barett, einen lendener von gemustertem Seiden- 
stoff und den Dupsing; die Beine sind wie auf dem vorigen Bilde 
gerüstet, jedoch mit Sporen. Besonders eigenartig ist die vorer- 
wähnte Platte. Rücken, Schultern und der Vorder- wie Hinter- 
schurz sind mit geschobenen Schienen besetzt, auf der Brust s!eht 
man - allerdings versilbert - das leder mit den Nietköpfen für 
die inneren Schienen. 
Eine verwandte Ausbildung zeigen die 1373 gegossene 
Georgsfigur in Prag und der Grabstein des Ku n e von li b e n- 
s te y n in Neumark 1 H91. Auch die anderen Merkmale stimmen 
mit datierten Monumenten dieser Zeit überein. Dagegen zeigt die 
Ausrüstung offenbar ein älteres Gepräge als diejenige der Ritter 
auf dem Dorotheen-Schrein zu Marienwerder 1 ), der wenige Jahre 
nach dem Tode der frommen Dorothea (t 1394) entstanden ist. 
Wir müssen daher den Thorner Altar in die Zeit um 1380 setzen. 
Damit ist für die immer noch lückenhafte Baugeschichte der 
Marienkirche ein neues Datum gefunden. Man hat bisher die "Voll- 
endung der Kirche in ihren Hauptteilen" um das Jahr 1370 ange- 
setzt (Bau- und Kunstdenkmäler 11, 2tm). Hierzu paßt gut die so- 
eben nachgewiesene Entstehungszeit des Hochaltar-Aufsatzes. 
In der Verteilung der Bilder ist ein bestimmter Gedankengang 
erkennbar. Während der Fastenzeit wurden, wie heute noch, die 
Altäre geschlossen, darum trägt die Außenseite Bilder der Passions- 
geschichte; diese setzt sich in der mittleren FlügelsteIlung fort, 
doch so, daß hier die Beziehung zum leben der Maria, der ja die 
Kirche geweiht war, hervortritt. Zugleich sind die Heiligen des 
Franziskanerordens organisch in dieser Bilderreihe eingefügt, die 
wechselseitige Beziehung dieser Bilder ist unschwer heraus- 
zufinden. für die Innenseiten blieb dann, wollte man das leben 


1) Vergl. Zeitschrift für historische Waffenkunde 11, S. 348. Eng e I, 
Waffgeschichtliche Studien aus dem Deutschordensgebiete. 


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-
		

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			des Heilandes schildern, nur die Kindheitsgeschichte übrig. Diese 
Auswahl ist sicherlich vom Konvente des Klosters selbst getroffen. 
Bemerkenswert ist es, daß zu dem Mutterlande des Ordens fRst 
jede ikonographische Beziehung fehlt. Die reichen Bilderzyklen 
z. B. in Assisi oder in S. Croce zu florenz sind ohne Einfluß auf 
Auswahl und Anordnung der Bilder. Selbst die Stigmatisierung 
weist viele 
elbständige Züge auf. Ob die Ausführung von einem 
Ordensbruder oder einem laien erfolgt ist, muß unentschieden 
bleiben; aber angenommen, daß er Ordensbruder war, so ist es 
wahrscheinlich, daß er seine Kunst in jüngeren jahren als laie er- 
lernt hat und dann erst ins Kloster trat. 
Die preußischen franziskanerklöster gehörten seit dem Ende 
des 13. jahrhunderts zur sächsischen Ordensprovinzi), und somit 
würde diese Spur nach Niedersachsen führen. leider ist damit 
wenig gewonnen, da wir über Gemälde in franziskanerkirchen aus 
jener Zeit wenig wissen. Der viel bewunderte Göttinger Altar des 
Meisters Heinrich von Duderstadt stammt erst von 1424. Die 
einzigen mit dem Thorner Altar gleichzeitigen Altäre sind die Werke 
Meisters Bertrams, doch ist mit diesen nichts Gemeinsames zu 
finden, abgesehen von einer oberflächlichen Verwandtschaft in den 
Gruppierungen, z. B. bei der Verkündigung oder der Dormitio, die 
sich wohl durch ganz Deutschland hinzieht. Dagegen führt uns 
eine Spur nach Böhmen hin, nämlich die auffallende Kopfbildung 
der Maria auf den inneren Bildern (C 1 und 2); wir sehen hier 
rundliche, pausbackige Köpfe, lebhaft geschwungene Augenbrauen, 
die sich in stetiger Kurve an den Nasenrücken anschließen, und 
eine zierliche, etwas zurückgesetzte Mundpartie, ganz ähnlich wie 
auf einem Madonnenbilde in der Galerie des Stiftes Strahow zu 
Prag (Abbildung in der Sammlung Stoedtner). Gerade für Preußen 
sind die Beziehungen zu Prag in jenen jahrzehnten besonders rege. 
Weist doch auch der Graudenzer Altar, obwohl etwas älter als der 
Thorner, auf derartige Zusammenhänge hin, wenngleich er künstlerisch 
viel höher steht. 
Aber wie die Prager Malerei der Zeit Karl IV. selbst kein 
einheitliches Bild zeigt, so auch diejenige Preußens, und man muß 
deshalb die Bedeutung des böhmischen Einflusses nicht über- 
schätzen. 
Preußen war zu jenen Zeiten unter den Kulturländern Europas 
das am weitesten nach Nordosten vorgeschobene, auch nach 
Westen hin von ländern umgeben, die ihm keine Anregung bieten 
konnten. So können wir hier, mehr oder minder zuverlässig, 
Spuren aus allen wichtigeren Kunstzentren Deutschlands wahr- 
nehmen, ohne daß gerade eine das Uebergewicht gehabt hätte 2 ). 
Infolgedessen zeigten sich überall sehr bald Merkmale, welche auf 


J) Mitt. des Coppernicus-Vereins. XX, S. 59. 

) Vergl. die Ausführungen des Berichterstatters in den Mitt. XIX, 
S. 10 und 76, XX S. 69. 


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eine feste örtliche Ueherlieferllng und die Bildung eines Lokalstiles 
hindeuten, den man dann eben als preußisch bezeichnen muß. 
Diesen provinzialen Charakter tragen besonders die Bilder 
der Außenseiten und der mittleren flügelsteIlung; aber auch die 
stellenweise künstlerisch viel bedeutsameren Bilder zu Neumark, 
Marienwerder, Marienburg und Danzig, besonders der herrliche 
Oraudenzer Altar, zeigen unabhängig davon diese Eigenart in der 
Stilbildung. für die Kunstgeschichte des Ordenslandes ist der 
Thorner Altar deshalb so wertvoll, weil wir hier die Spuren mehrerer 
Maler finden, die im Verein mit den erhaltenen anderen Denkmälern 
und besonders den großartigen Wandbildern in den südlichen 
Kapellen von St. Marien, uns den Nachweis liefern, daß Thorn in 
jener Zeit pes XIV. jahrhunderts ein besonders reges Kunstleben 
hatte. 


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Das Marienbild am Turmllfeiler in der Jakobskirche. 
Das Wandbild in der jakobskirche, das im 20. Hefte dieser 
Mitteilungen abgebildet ist, ist hier S. 68 und im 19. Hefte S. 77 
beschrieben. Darnach sind die Figuren, die Maria umgeben, der 
hl. Sebastian zur Unken und die hl. Elisabeth zur Rechten. Wie 
uns Herr Professor Bünger mitteilt, ist diese Deutung der frauen- 
gestalt fraglich. Er verweist uns auf zwei Darstellungen der hl. 
Dorothea in dem Werke von joh. Damrich, Die Altschwäbische 
Malerei München 1913. Hier ist auf S. 5 eine Tafel des Sterzinger 
Altars mit der Darstellung des Ev. johannes, der hl. Dorothe3 und 
Margaretha abgebildet. Dorothea trägt ein Körbchen mit Rosen in 
der Linken und hält eine Rose in der Rechten (1458). Auf S. 11 
ist ferner ein Bild des Malers Bartholomäus Zeitbloom (seit 1484 
in Ulm, t um 1521) abgebildet. Auch auf diesem Bilde trägt 
Dorothea in der Rechten ein Körbchen mit Rosen, während sie in 
der Unken einen Rosenzweig hält. Auf dem Thorner Bilde hält 
die frauengestalt in der Rechten ein Körbchen, in der Linken ein 
Buch. Wenn auch in dem Körbchen Rosen oder Aepfel nicht 
sichtbar sind - ein Körbchen mit Rosen und Aepfeln ist das Attribut 
der Heiligen (vgl. Detzel, Christliche Ikonographie 11 303), - so 
scheint es doch zweifellos, daß die Frauengestalt die hl. Dorothea 
darstellt. Die hl. Elisabeth wird gewöhnlich mit weißen und roten 
Rosen in der Schürze oder auf dem Schoße abgebildet (vgl. Detzel 
a. a. O. 11 313), kann also auf unserem Bilde nicht gemeint sein. 
Dagegen fügt sich gut in die Komposition des Bildes, daß dem 
Märtyrer Sebastian die Märtyrerin Dorothea gegenübergestellt ist. 
A. S. 


- 81-
		

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			n€U€ ßkt€nstüdt€ zur B€si1]€rgr€ifung d€r Stadt Thorn 
durch di€ Pr€u
€n im lahr€ 1793. 
Veröffentlicht von Art h ur Se m ra u. 
Bei einer Ordnung der reponierten Registratur der Stadt Thorn 
wurden einige Aktenstücke aufgefunden, die die früheren Dar- 
stellungen der Besitzergreifung der Stadt Thorn durch die Preußen 
im jahre 1793 ergänzen und darum im nachstehenden mitgeteilt 
werden sollen I). Der Brief der Westpreußischen Kriegs- und 
Domänenkammer vom 12. januar 17 3, das erste der veröffentlichten 
Aktenstücke, ging am 1-1-. d. Mts. in der Kanzlei ein, und sein Inhalt 
wurde am 16. d. Mts. den Ordnungen vom Präsidenten mitgeteilt2
. 
Der Brief der Stadt Thorn an die Stadt Danzig vom 22. März d.js., 
der abschriftlich bei den Akten liegt, ist ein weiterer Beleg für di
 
von uns an anderer Stelle geschilderte Anhänglichkeit des Rates an 
Polen 3 ). Die Antwort vom 5. April d. js. traf in der Thorner 
Kanzlei erst am 10. d. Mts. ein, nachdem bereits am 7. April die 
preußischen Kommissarien Thorn in Besitz genommen hatten 4 ). 
Der Rat von Danzig teilte mit, daß die Vertretung der Stadt wegen 
der Oesinnung der auswärtigen Höfe sich zur Unterwerfung ent- 
schlossen habe. Dieser Beschluß wurde in der Sitzung der 3 
Ordnungen vom 11. März gefaßt 5 ), und am 12. d. Mts. ein Unter- 
werfungsschreiben an den König von Preußen gerichtet G ). Dieses 
waren die Vorgänge, die den Rat von Thorn zu seinem Schreiben 
vom 22. März veranlaßt hatten. 


I. 
Hochwohlgebohrner und Hochedelgebohrne, Insonders 
hoch zu ehrende Herren! 
Wenn einige König!. Preuß. Trouppen aus dem hiesigen 
Departement vielleicht noch in dem laufenden Monath die Weichsel 
passiren sollen, die unbeständige Witterung aber die Passage über 
Eiß äußerst unsicher und gefährlich machet: so sehen Wir uns 
genötiget Ewr Hochwohl- und Hochedelgebohrnen hierdurch 
dienstfreundlichst zu ersuchen, gefälligst dafür zu sorgen, daß die 
Brükke bei der König!. polInischen Stadt Thorn dergestalt'passable 
sey, daß die Trouppen ohne Oefahr selbige passiren _ können. Wir 


1) J. Tietzen, Zum 24. Januar 1793 Thorn 1892. A.thur Semrau, Gedenk- 
schrift zur hundertjährigen feier der Vereinigung Thorns mit dem Königreiche 
Preußen im Jahre 1793 S. 28 f. (= Mitteil. des c.-V. 8. Heft). 

) Tietzen a. a. O. S. 21. 
8) A. a. O. S. 30 f. 
') Meine Schrift a. a. 0. S. 31. 
6) Damus festschrift zur hundertjähri
en Gedenkfeier der Vereinigung 
Danzigl mit dem Königreiche Preußen im Jahre 1793 S. 30 f. 
6) Damus a. a. O. S. 45-46. 


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			sind zu allen nachbarlichen Gegendiensten 
beharren mit aller Hochachtung 
König!. Westpreuß. Krieges- 
und Domainen-Cammer 
Marienwerder 
den 12ten januar 1793. 
5 Unterschriften 


so bereit als willig und 


Ewr Hochwohl- und 
Hochedelgebohrnen 
Dienstwillige 


An 
Einen Hochedlen Magistrat 
zu Thorn. 


11. 


Ad Gedanenses. 
Ew. wird es bereits zur Gnüge bekannt geworden seyn, in 
welche Lage unsere Stadt wider alles unser Erwarten seit dem 
24ten jan. dieses jahres gekommen, da wir Preuß. besatzung ein- 
zunehmen, gezwungen worden, die sich auch noch bis auf den 
heutigen Tag hierselbst befindet, und von welcher wir wiederum 
befreyet zu werden, nicht die geringste Hofnung vor uns sehen, 
indem wir selbst von unserm Allerhöchsten Hofe darüber, und was 
wir in der folge der Zeit zu hoffen, oder zu fürchten haben, eine 
bestimmte Antwort zu bewirken nicht vermögend sind. In einen 
solchen bedenklichen und zweifelhaften Zustand versezt, ohne 
Hülfe, ohne Trost, und uns selbst überlaßen, haben wir bisher 
dem weiteren Erfolge nicht ohne die äußerste Unruhe entgegen 
gesehen. Inzwischen vernehmen wir, daß Ew. welches wir doch 
nicht erwartet hatten, mit einem ähnlichen Schicksal bedrohet 
werden, und dieses giebet uns die Veranlaßung bey so wichtigen 
Ereignißen, welche die noch übrigen beyden E. E. St. St. der pohln. 
preuß. Prowinz betreffen, zu folge der unter denselben statt findenden 
Verbindung gegenwärtiges an Ew. gelangen zu laßen, und mit 
Hindansetzung aller sonst gewöhnlichen formalitäten vertraulich 
mit denenseiben zu Rathe zu gehen, was unter gegenwärtigen so 
äußerst dringenden Umständen zu Bewahrung der jahrhunderte 
hindurch bestandenen Verfaßung beyder E. E. St. St. für Maaßregeln 
zu ergreifen am gerathensten wäre. Da uns die Gesinnungen aus- 
wärtiger Höfe, durch deren Einfluß bey den jetzigen Begebenheiten 
das Schiksal der beyden Städte bestimmt wird, völlig unbekannt 
sind, wir aber mit Grunde zu vermuthen Ursache haben, dan Ew. 
davon solche Nachrichten und Belehrungen erhalten haben werden, 
welche dieselben zu gewißen und bestimmten Schritten veranlanen 
können, wodurch selbst auf jeden sich ereignenden fall die künftige 
W ohlfart dero werthen Stadt besorget werden kann; so erachten 
wir es der höchsten Nothwendigkeit zu seyn, Ew. hiedurch freund- 
nachbarlich zu ersuchen, uns hier über die erforderlichen Auf- 
klärungen gütigst zu ertheilen, damit wir dadurch in den Stand 
gesetzet werden, ein näheres Vernehmen deshalb mit denenseiben 
zu unterhalten. je dringender die Gefahr ist, mit welcher wir den 


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			öffentlichen Gerüchten nach bedrohet werden, um desto schleuniger 
erwarten wir von Ew. eine geneigte Antwort, und empfehlen 
dieselben übrigens etc. d. 22 Mart: 1793. 
111. 
Unsern freundlichen Gruß mit Wiinschung alles Guten Edle 
Ehrenreste Nahmhaffte und Wohl weise Insonders gÜnstige gute 
Freunde und geliebte Nachbaren. 
Aus Ew. E. E. Herrl: geehrtestern Schreiben vom 22 sten 
d. M. haben wir mit herzlicher Theilnahme dasjenige ersehen was 
Dieselben von der gegenwärtigen Lage Dero werthen Stadt uns 
mitzutheilen beliebet haben. Nicht ungegründet sind die Gerüchte 
gewesen welche Ew. E. E. Herrl: Über die hiesigen Angelegen- 
heiten zugekommen sind, und haben eben die uns kund gewordenen 
Gesinnungen der auswärtigen Höfe gesamte Ordnungen, die Kauf- 
mann schafft, alle ZÜnfte und Gewercke hiesiger Stadt zu der wichtigen 
Entschließung veranlaßt, welche am gestrigen Tage durch den Ein- 
marsch der König\. Preuß: Truppen zur Erfüllung gebracht worden 
ist. Es ist unser aufrichtigster Wunsch daß Gott Ew. E. E. Herrl: 
in seine schonende Obhut nehmen, und an Dero werthen Stadt zu 
ihrer vollkommensten Gliickseeligkeit sich immerdar verherrlichen 
möge. Gegeben in Danzig den 5 April 17!J3. 
Ew. E. E. Herrl: 


freundwillige 
Bürgermeistere und Rath 
der Stadt Danzig. 
Adresse auf der Außenseite: 
Denen Edlen Ehrenvesten Nahmhafften und Wohl weisen 
Herren Bürgermeistern und I
ath der Stadt Thorn Unsern insonders 
günstigen guten Freunden und geliebten Nachbaren. 
Thorn. 


Literarischer Anzeiger. 
Ernst MÜsebeck, Freiwillige Gaben und Opfer des preussischen 
Volkes in den Jahren 1813-1H15 Leipzig HH3 8° [= Mitteilungen 
der K. Preussischen Archiv-Verwaltung. Heft 23). 
Zum ersten Male wird hier die "Darstellung der patriotischen 
Handlungen und Opfer der preußischen Nation während der 
Kriegsjahre 1813, 1814 und 1815 zum Denkmal derselben auf Seiner 
Königlichen Majestät allergnädigsten Befehl von der General-Kom- 
mission in Angelegenheiten der Königlichen Preußischen Orden 
gefertigt und im Jahre 1820 beendigt" im Auszuge herausgegeben. 
Der Verf. schickt der Herausgabe des sog. "Nationaldenkmals" eine 
Einleitung voraus, in der er Über Entstehung und Abfassung des 
Werkes genauen Aufschluß gibt. Darnach beanspruchen diejenigen 
patriotischen Aeußerungen, die sich vor der Kunde von Yorks Tat 
und vor der Veröffentlichung des Aufrufes zur Gründung frei- 
williger Jägerdetachements (3. februar 1813) vernehmen ließen, ein 
hervorragendes Interesse. In den Briefen, sagt der Verfasser, "kommt 
zum Ausdruck, wie der Wille aller einzelnen zu dem einheitlichen 


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/Pomorze_038_09_121_0001.djvu

			Oemeinschaftswillen eines Volkes sich zusammenschließt, wie der 
si t t I ich e So z i a I i sm u s des kategorischen Imperativs in allen 
Klassen der Nation lebendig wird und fast mit der Gewalt einer 
Naturkraft sich auswirkt" (S. 3-4). Die große Opferwilligkeit des 
Volkes bestimmte den König, durch Kabinettsordre vom 
7. März 
1813 der General-Ordens-Kommission den Auftrag zu geben, daß 
alle Opfer zu einem geschlossenen Ganzen gesammelt würden. 
Die Schwierigkeit dieser Aufgabe wurde erst durch den Kriegsrat 
Zyka überwunden, lind nach seinem Plane wurde das "National- 
denkmal" fertiggestellt. Der Verf. teilt dann den Plan Zykas mit, nach 
dem das 3 Bände starke Werk abgefaßt wurde, und seinen eigenen, 
nach dem die Auswahl für die Herausgabe getroffen wurde. Wir 
können hier nur fragen, warum nicht endlich das 
ga n z e "N at ion al den k mal" u n ver kürz t her aus ge ge ben 
w ur d e. 18:!O war die Reinschrift des Werkes vollendet. Der 
Kabinettsordre vom 2.1:. März d. js., die die Reinschrift genehmigte, 
wurde aber hinzugefügt: "Seine Majestät wollen jedoch nicht, daß 
diese Zusammenstellung gedruckt werde, sondern es soll solche 
Allerhöchst demselben vorgelegt uud hiernächst im Archiv aufbe- 
wahrt werden" (S. 21). 
Endlich am 21. Dezember 1820 wurde das Nationaldenkmal 
dem Geheimen Archivrat Hoefer "zur Aufbewahrung und besonderen 
Sekretierung im Geheimen Kabinetts-Archiv" zugestellt. Der Verf. 
untersucht schließlich (S. 2:!--2.j.), wie es kam, dan der Monarch 
seine in der Kabinettsordre vom 27. März 1813 ausgesprochene 
Absicht aufgab. Er führt diese Entwickelung der Dinge auf des 
Fürsten Wittgenstein Einfluß zurück, der die Veröffentlichung aus 
politischen und kritischen Bedenken verhindert habe, scheint aber 
den politischen Gründen das Hauptgewicht zu geben. "DieGründe 
zu Wittgensteins Verhalten lagen einmal in der Besorgnis, daß bei 
der Erkenntnis der schweren Opfer an Gut und Blut, die sie in 
jenen großen jahren freiwillig dargebracht habe, in der Nation das 
Verlangen nach der Umgestaltung des Staatswesens, nach einer 
Verfassung noch wachsen, daß die bestehende Staatsform allein den 
Schaden, die demagogischen Umtriebe allein den Nutzen alls der 
Einsicht in diese Tabellen oder gar alls deren Veröffentlichung 
ziehen würde; sie lagen andrerseits wohl in der Erwägung, dan 
bei der lückenhaften Ueberlieferung des Materials in vielen Fällen 
die Gegenbemerkungen der Kritik einsetzen würden". 
Der Anlage der Herausgabe entsprechend sind die Nachrichten 
über Thorn und sein Gebiet dürftig, für weitere Forschungen ist 
also hier noch ein feld gelassen. Die Anzahl der freiwilligen aus 
der Stadt Thorn und deren Gebiet betrug 58, die sich selbst aus- 
rüsteten, die freiwilligen Opfer beliefen sich auf 11 146 Reichstaler. 
"Der Stadtrat Mellien zu Thorn machte den Entschluß der freiwilligen 
im stillen rege, leitete und ordnete ihre Ausrüstungen und förderte 
ihre Absendung über die Grenze des Warschauer Gebiets; er zeigte 
sich überall als ein treu er Anhänger des preußischen Hauses und 


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			leitete auch die an S. Majestät den König nach frankfurt a. M. von 
der Stadt Thorn abgeschickte Deputation. - Der Bauer Feldt zu 
AIt-Pensau war der einzige aus dem Kämmereigebiet, welcher es 
wagte, seinen Sohn schon im Jahre 18la für die preußische Armee 
auszurüsten. - Die Stadt Thorn, welche erst nach dem Frieden 
von 1815 mit dem preußischen Staate wieder vereinigt worden, hat 
ihren Patriotismu<; besonders dadurch bewährt, daß sie alle aufge- 
führten leistungen sowie die Gestellung der Freiwilligen glei.chsam 
im geheimen und ohne Vorwissen ihrer damaligen landesbehörde 
aus reiner treuer Anhänglichkeit an das preußische Regentenhaus 
selbst nicht ohne Gefahr der Mißdeutung bewirkt hat, indem die 
patriotischen Bürger und Behörden nur im stillen die Hoffnung 
einer Wiedervereinigung nähren durften. Diese patriotischen Ge- 
sinnungen der Stadt Thorn sind auch durch verschiedene könig- 
liche Kabinetts-Ordres anerkannt worden" (S. 41). 


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Verantwortlicher Herausgeber: Professor Arthur Semrau in Thorn. 
Druck der Buchdruckerei der Thorner Ostdeutschen Zeitung, O. m. b. H. in Thorn. 


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			Im Kommissions - Verlage von Ernst Lambeck zu Tborn sind 
erschienen: 


Coppernleul, 11eG1.uo ThorlnOIIII. De revolu'ioni
WI orbium caelestium 
libri VI Saecular-Au.gabe. Gr. 4°. (1878) . . . . . . . . 
COPllernlel1 IIle 01.10 .10 U.rll. über die Kreilbewegungen der Welt 
körper. übersetzt und mit Anmerkung von Dr. C. L. Menzzer 
8°. (1879) .................... 
Mlllollul.11I dOI COlIParllell-Verolll 'IIr WIIIIIlCh.'1 I" .1101 11 U.rl 
Har.MI.eglben va. VOrll.llI, dll Verelnl. 
1. Heft. Inedita Coppernicana. Hg. von Curtze. 1878. 811 
2. Heft. Thorn, 1880. 8°. . . . . 
8., 4., 6. Heft vergriffen. 
6. Heft. Jordani Nemorarii geometria val de triangulis libri VI 
Hg. von M. Curtze. Mit!) Figurentafeln. Tborn. 1887. 811 
7. Heft. A. Semrau, Die GrabdenkmiUer der Marienkirche zu 
Thorn. Mit 11 Kunstbeilagen und 11 angehängten lItho- 
graphischen Tafeln. Thorn. 1892. 40 Vergriffen. . 
8. Heft. A. Semrau, Oedenkschrift zur hundertjährigen Feier der 
Vereinigung Thorns mit dem Königreiche Preussen im 
Jahre 1793. Thom 1893. SO . . . . . . . . . . 
9. Heft. Bernh. Engt'l, Die mittelalterlichen Siegel des Thorner 
Rathsarchivs, mit besonderer Berücksichtigung des 
Orden.landes. I. Teil: Ordensbeamte und Städte. 
Mit 149 Siegelzeichnungen auf 8 Tafeln. Thorn. 1894. ,0 
10. Heft. Beruh. Engel, Die mittelalterlichen Siegel des Thorner 
Rathsarchivs, mit besonderer Berücksichtigung des 
Ordenslandes. 11. Teil: Privatsiegel, mit Ausschluss der 
rein polnischen. Mit Abbildungen TOn 241 Siegeln und 
79 Hausmarken auf ö Tafeln. Tborn. 1895. 4 0 
11. Heft. Josef B. Scholz, Vegetationsvarhältnisse des preWlBischen 
Weichsel geländes. Mit 3 Lichtdrucktafeln. Thorn. 1896. 
12. Heft. Oeorge Cuny, Beiträge zur Kunde der Baudenkmäler 
in Westpreussen. Mit 14 Abbildungen auf 6 Tafeln. 
Thorn. 1899. 4° . . . . . . . . . . 
IS. Heft. Thorner DenkwürdiArkeiten von 1346-1647. Hg. von 
Albert Voigt. Thoru. 1904. 8°. . . . . . . . 
14,.-21. Heft. Sitzungsberichle und Abhandlungen. Thorn. 
1906-1913 8' Jec1.. Heft n . . . . . . . 


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